ORTHOPÄDIE Gewachsen wird nachts
Lange Zeit hielten Ärzte die Klagen von Kindern über Wachstumsschmerzen für jugendliche Hypochondrie. Wachstum, so hieß es, verlaufe als kontinuierlicher Prozess - jedenfalls nicht in solch heftigen Schüben, dass die Knochen dabei schmerzen könnten. Diese Vorstellung hat die Ärztin Michelle Lampl von der Emory University in Georgia nun widerlegt: Sie vermaß Babys täglich und stellte fest, dass diese sehr wohl sprunghaft wachsen. Ein kleiner Junge etwa schoss von seinem dritten bis in den Beginn des achten Lebensmonats hinein an genau 13 Tagen in die Länge. Sein Körper streckte sich in jenen 24-Stunden-Intervallen um mindestens 0,6 Zentimeter, in einem Fall gar um ganze 1,4 Zentimeter. Aber warum, fragte die Forscherin weiter, jammern Kinder vor allem nachts, dass ihnen die Beine schmerzen? Da sich menschliche Oberschenkelknochen schlecht minütlich exakt beim Wachsen beobachten lassen - und schon gar nicht im Schlaf -, ließ sie in Zusammenarbeit mit Tiermedizinern Lämmern einen Messfühler implantieren, der mindestens drei Wochen lang alle 167 Sekunden die Beinlänge überprüfte. Ergebnis: Die Knochen wachsen tatsächlich lieber bei Ruhe. Die Forscher vermuten, dass im Stand das Körpergewicht auf die Knorpelschicht in den Epiphysenfugen, den Wachstumszonen der Knochen, drückt und dies wiederum das Wachstum stoppt.