Gnadenloser Verzicht - DER SPIEGEL
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AUTOMOBILE Gnadenloser Verzicht

Opel präsentiert einen Sportwagen für Puristen. Mit dem spartanisch ausgestatteten Speedster will der Autokonzern das Biedermann-Image abstreifen.
Von Carsten Holm
• aus DER SPIEGEL 33/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Erstbesteigung hat Tücken. Wer hinter dem kleinen Lederlenkrad des Opel Speedster Platz nehmen will, sollte »das rechte Bein gestreckt in den Fußraum halten und den Hintern gegen die Sitzschale drücken«, empfiehlt die Projektleiterin Doris Bernhardt, 40, eine gelernte Materialwissenschaftlerin. »Dann muss man nur noch im Sitz herunterrutschen, das linke Bein nachziehen und es über den Türschweller heben - eigentlich ganz einfach.«

Der hohe Schweller, über den Speedster-Piloten weit hinab zu ihrer Sitzposition knapp über dem Asphalt klettern müssen, ist nichts für Gegner der Gymnastik. Angegrauten Herren mit Bierbäuchlein dürfte es schwer fallen, in Opels neuen, tief gelegten Sportwagen zu gelangen.

Doch die Rüsselsheimer Autobauer haben den offenen Zweisitzer genauso gewollt. Allzu lange gebeutelt vom zweifelhaften Ruf, vorzugsweise Autos für ältere Hutträger zu fertigen, versucht Opel mit dem Speedster das lästige Biedermann-Image abzustreifen.

Arg war Opel in letzter Zeit von schlechten Nachrichten gebeutelt worden: Trotz eines Rekordumsatzes von 32 Milliarden Mark schloss die General-Motors-Tochter 1999 mit einem Betriebsverlust von 225 Millionen Mark ab; der Marktanteil in Deutschland sank inzwischen auf ein historisches Tief von 12,2 Prozent.

Der langsamen Rutschpartie in die Talsohle, die Anfang der neunziger Jahre begann, hatten die Lenker in der Detroiter Konzernzentrale hilflos zugesehen. Sie weckten ihre deutschen Statthalter nicht, als diese den Trend zum Dieselmotor verschliefen; und sie schnarchten wohl stets selbst, wenn die Rüsselsheimer sich ihre eher langweiligen Modelle absegnen ließen.

Mit dem Speedster setzt der Autokonzern nun auf ein Nischenprodukt, das »Begeisterung für die Marke« (Opel-Vorstand Alain Uyttenhoven) wecken soll. Die Population der Roadster-Käufer ist in Deutschland auf jährlich rund 60 000 angewachsen; 800 davon könnten, so die Hoffnung der Rüsselsheimer, künftig Speedster zum Preis von 59 900 Mark erwerben. Weitere 2200 potenzielle Käufer wurden im übrigen Europa ausgemacht.

Zwar kommt Opel auch mit seinem Speedster wieder mal zu spät - der BMW Z3, der Mercedes SLK und der Porsche Boxter haben sich längst gute Plätze im Kampf um die Marktanteile der Dachfreien erkämpft. Tatsächlich aber zielt das Unternehmen mit seinem Fahrzeug auf eine ganz besondere Zielgruppe: »Das ist ein Auto für Puristen«, schwärmt Markenvorstand Uyttenhoven, »für Leute zum Beispiel, die bisher eine Harley fuhren.«

Der Opel-Obere untertreibt noch - der Speedster ist ein provozierend minimalistisches Gefährt. Außen geht es - in einer Design-Linie, die an die Tourensportwagen von Le Mans erinnert - mit mächtigen Radhäusern und riesigen Luftschlitzen zwar ziemlich üppig zu. Innen jedoch wird gnadenlos Verzicht verordnet.

Ein automatisches Verdeck? Das wäre Hochverrat an der reinen Lehre, ein Stofftüchlein tut's auch. Elektrische Fensterheber? Welch Frevel an der Form; es darf gekurbelt werden. Zentralverriegelung oder Sitzheizung? Überflüssiger Schnickschnack. Ein richtiger Kofferraum? Ein Verlies für zwei kleine Reisetaschen muss reichen.

Profan wäre es, den Speedster mit Hilfe des Zündschlüssels in Betrieb zu nehmen. Motormusik aus den übereinander liegenden Auspuffrohren ertönt, wenn der Starterknopf betätigt wird. Eine Reminiszenz an den Rennsport, Schumi würde sich wohl fühlen.

Der »Reduktion auf das Wesentliche« (Projektleiterin Bernhardt) fiel auch die Servolenkung zum Opfer, die bei den ersten Testfahrten mit ein paar Pilotfahrzeugen zwischen Basel und Straßburg aber nicht vermisst wurde. Ernsthaft hatten Techniker, um das Fahrzeuggewicht so weit wie möglich zu reduzieren, sogar erwogen, auf einen Bremskraftverstärker zu verzichten. Ein paar hundert Gramm für das serienmäßige Anti-Blockier-System immerhin waren unstrittig.

Die konsequente Leichtbauweise - das Chassis besteht aus Aluminium, die Karosserie aus Kunststoff - ermöglicht am Ende Fahrwerte, die zu den besten der Klasse zählen. Das spritzige Mittelmotorauto, das vom neuen 2,2-Liter-Alumotor mit einer Leistung von 147 PS angetrieben wird, lässt sich in 5,9 Sekunden aus dem Stand auf 100 Stundenkilometer beschleunigen.

Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 220 Stundenkilometern; doch ab 180 km/h beschleunigt der Wagen nur noch gemächlich. Die Domäne des Speedster liegt folglich nicht auf der Autobahn. Seine Stärken spielt er vor allem auf Landstraßen aus, wegen des leichten Handlings am liebsten auf bergigen Strecken.

Der Opel im Ferrari-Look soll im Dezember bei 300 ausgewählten deutschen Händlern stehen und im März an die ersten Kunden geliefert werden - an diejenigen zumindest, die in den Wagen reinpassen. CARSTEN HOLM

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