PSYCHOLOGIE »Gradmesser für die Kurvigkeit«
SPIEGEL: »Playboy«-Models gelten vielen als Inbegriff von Weiblichkeit. Sie schreiben im »British Medical Journal«, dass ausgerechnet die Nacktmodelle in der Heftmitte des »Playboy« zunehmend androgyner aussehen. Wie das?
Voracek: Große Brüste, Wespentaille, breite Hüften - diese typisch weiblichen Merkmale gehen seit den fünfziger Jahren konstant zurück. Das zeigt der Androgynitäts-Index, den wir gebildet haben - eine Art Gradmesser für die Kurvigkeit des Körpers.
SPIEGEL: Von weniger üppigen Formen sprachen schon frühere Untersuchungen. Das alte Lied von immer verhungerter aussehenden Fotomodellen?
Voracek: Das ist nicht der springende Punkt. Das Durchschnittsgewicht der Models ist seit 1953 bei etwa 52 Kilogramm gleich geblieben, allerdings sind sie jetzt rund sieben Zentimeter größer. Letzteres entspricht dem Trend in der allgemeinen Bevölkerung und erklärt eine merkliche Abnahme des so genannten Body-Mass-Index (BMI). Viel entscheidender ist aber etwas anderes: Schmalere Hüften, breitere Taillen und kleinere Brüste sind weitgehend vom BMI unabhängig. Alle diese Maße haben sich signifikant verändert - nicht nur im statistischen Sinne, sondern auch deutlich sichtbar.
SPIEGEL: Dabei galt es unter Wissenschaftlern lange als ausgemacht, dass Männer Frauen mit einem ganz bestimmten Verhältnis von Hüft- und Taillenumfang sexuell besonders attraktiv finden - vollkommen unabhängig von Zeitgeschmack und Kulturraum.
Voracek: Angesichts unserer Ergebnisse muss man an dieser Sichtweise zweifeln, ebenso wie an der Idee, dass der weibliche Idealkörper sanduhrförmig sein muss. Es liegt auf der Hand, dass der »Playboy« nur Geschmackstrends aufgreift, die ohnehin schon in der Luft liegen. Offenbar haben sich also hier die Ideale in sehr kurzer Zeit geändert.
SPIEGEL: Gefährliche neue Ideale angesichts immer mehr magersüchtiger Frauen und Mädchen?
Voracek: Der viel stärkere Trend ist Übergewicht in der Bevölkerung. Sicher steigt auch die Zahl Magersüchtiger, aber es sind heutzutage viel mehr Frauen und Männer zu dick als zu dünn - sozusagen androgyn »in die andere Richtung«.