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WAFFEN Grimmes Geschoß

Steinschlag in Thüringen - Archäologen erproben eine Riesenwaffe aus dem Mittelalter.
Von Oliver Schulz
• aus DER SPIEGEL 27/1997
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Weiträumig hatten Polizei und Feuerwehr die Schußschneise abgesperrt. Ein angrenzender Sportflughafen erhielt Startverbot. Dann, um 14.30 Uhr Ortszeit, stieg das Projektil zum Himmel.

Wie von einem Titanen geschleudert, erhob sich über der Runneburg bei Erfurt eine grob behauene, knapp zwei Zentner schwere Marmorkugel. Mit lautem Heulen überquerte der Stein im flachen Bogen eine Kleingartenkolonie und krachte nach 295 Metern auf freies Feld.

Donnerlittchen! - an der Abschußbasis im Innenhof der Zwingburg brandete Jubel auf. Ballistiker von der Fachhochschule Merseburg, TÜV-Experten und Historiker umringten bewundernd das »Instrumentum diabolicum«.

Das Mittelalter lebt - im deutschen Osten. Unter Leitung des Experimentalarchäologen Thomas Stolle haben Ingenieure einen rund 1000 Jahre alten Waffentyp nachgebaut, der als wirkungsvollstes Kriegsgerät vor Erfindung des Schwarzpulvers gilt: die mauerbrechende Blide.

18 Meter hoch und 30 Tonnen schwer ist die Steinschleuder, die bis zu 100 Kilogramm schwere Findlinge in die Luft wuchten kann. Eichen aus dem Schwarzwald und dänische Eschen fügten die Erbauer originalgetreu nach mittelalterlichen Zeichnungen zusammen. Am 31. Mai erteilte der TÜV die Betriebsgenehmigung.

Seitdem bebt vor der Runneburg die Erde. Nach Probeschüssen mit Schaumstoffkugeln dienen nun Steine aus Juramarmor als Munition. Eines der Geschosse zersplitterte beim Aufprall, ein anderes, erzählt Stolle, »schlug auf wie ein Tennisball und sprang noch mal zehn Meter in die Höhe«.

Den Betreibern zufolge dient die Kanonade mediävistischem Erkenntnisgewinn. Entwickelt wurden die Bliden (griechisch: palida = Schleuder) im 11. Jahrhundert von chinesischen Ingenieuren. Mongolen und Araber übernahmen die Technik. »Über Genueser Militärspione«, sagt Stolle, »gelangte das Gerät nach Europa.«

Seine Deutschlandpremiere feierte der neuartige Schießprügel unter Otto IV. (1182 bis 1218). Im Jahre 1212 war der Kaiser mit einer - in Italien gefertigten - Blide vor der Runneburg aufgetaucht, um die abtrünnigen Landesväter mit »grimmen Geschossen« (ein Chronist) zu traktieren. Bei Grabungen im Burghof wurden im letzten Jahr vier Blidenkugeln geborgen.

Schlagkraft erhält das nun nachgebaute Mammut-Katapult durch eine ausgeklügelte Mechanik: Am kurzen Ende des Wurfarmes baumelt ein Kasten mit 4,5 Tonnen schweren Bleigewichten. Die lange Seite ist wie eine Peitsche konstruiert: Dort hängt an einem zwölf Meter langen Seil der Wurfstein.

Acht Mann sind nötig, um die mächtigen Spannräder zu drehen. Löst der Abschußmeister die Arretierung, saust die Bleikiste in die Tiefe. Ergebnis: Der lange Schleuderbaum schnellt hoch und reißt die Leine mit dem Stein empor. Enorme Fliehkräfte entstehen so. Im Zenit, beim Ausklinken, erreicht das Geschoß eine Geschwindigkeit von 200 km/h.

Erstaunt sind die Experten über die Treffsicherheit des Geräts. »Alle Testschüsse gingen im anvisierten Korridor nieder«, meldet Stolle. Die maximale Abweichung vom errechneten Zielpunkt lag bei sechs Metern. Der nächste Abschuß erfolgt am 14. September.

Beliebtheit erlangte die Fernwaffe einst als Ultima ratio, um feindliche Kasematten zu zertrümmern. Eine rund 15köpfige Elitecrew - darunter Zimmerleute, Steinmetze, Träger und »Ingenarii« - war nötig, um die klobige Maschine aufzubauen und einsatzbereit zu machen. Der dickste je verschossene Felsbrocken (1346 bei der Belagerung Zyperns) wog 1,4 Tonnen.

Zudem ließ sich das Geschütz variabel munitionieren. Der Verschuß von toten Eseln, Grabsteinen und Fäkalienfässern ist historisch verbürgt.

Auch zur biologischen Kriegführung taugte das Katapult. Beim Angriff auf die Genueser Kolonie Caffa (Krim) im Jahr 1346 beförderten die Tataren Pestleichen ins Lager der Gegner. Auf Genueser Handelsschiffen gelangte der Schwarze Tod nach Westeuropa - Auslöser für den größten mittelalterlichen Seuchenzug (25 Millionen Tote) in Europa.

Kein Wunder, daß der nun nachgebaute Mauerbrecher den thüringischen Behörden nicht geheuer ist. Als das Landesverwaltungsamt Weimar von der Schlagkraft des Katapults erfuhr, blätterten die Beamten erst mal im Kriegswaffenkontrollgesetz.

Erst nach eingehender Prüfung der dynamischen Eigenschaften erteilte der TÜV Jena eine - eingeschränkte - Betriebsgenehmigung. Verschossen werden dürfen vorerst nur 40 Kilogramm schwere Steine.

Stolle indes ist »wild entschlossen«, bald auch die maximale Leistungskraft der Holzkanone auszuloten. Nach seinen Berechnungen schießt die Schleuder bei voller Spannkraft 700 Meter weit. Bei solch einem Weitwurf müßte die Kugel allerdings ein Betriebsgelände mit Rinderscheunen überqueren - die Runneburg ist in alle Richtungen umbaut.

Der Waffenmann aus Thüringen sieht darin kein Hindernis. »Wegen einer Überfluggenehmigung der Kuhställe«, erklärt er, »wird derzeit verhandelt.«

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