Halb so wild - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 101 / 118

AUTOMOBILE Halb so wild

Volkswagen präsentiert mit dem Tiguan erstmals einen eigenen Mini-Geländewagen. Sein Durst ist mäßig - wie auch seine Kletterkunst.
• aus DER SPIEGEL 39/2007
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Name ist ein zoologisches Unding. Er vereinigt eine im Kanon der bedrohten Kreatur arg knapp werdende Großkatze mit einer Echse tropischer Herkunft.

In freier Natur ist der Tiger allenfalls als Fressfeind des Leguans vorstellbar, eine Paarung der beiden kann ausgeschlossen werden.

Dass Volkswagen seinen ersten Klein-Geländewagen nun Tiguan nennt, hat auch weniger mit Tierkunde zu tun als mit einer Leserbefragung der Publikation »Auto Bild«. Europas größter Autokonzern hatte dem Leitmedium der mobilen Volksseele erstmals die Entscheidungshoheit über eine Produkttaufe gegeben. Der realer erscheinende Name Marrakesch war ebenfalls im Rennen, fiel aber durch.

Das Kunstwort Tiguan passt allemal besser. Was sollte einen Fahrzeugtyp, dessen Marktchancen sich aus dem rätselhaften Reiz virtueller Wildnis herleiten, besser beschreiben als der Begriff für ein Tier, das es nicht gibt?

Der Sektor kompakter Geländewagen, erläutert VW-Vertriebsvorstand Michael Kern, sei derzeit das »am stärksten wachsende Marktsegment«. Begründet haben es einst weniger prominente Fernostfirmen wie Suzuki und Daihatsu. Inzwischen dominieren die notorischen Aufsteiger Toyota und BMW das Feld.

Volkswagen ist in seiner Reaktion auf Marktveränderungen traditionell träge. Den Cabrio-Boom vertrödelte das Management ebenso gründlich wie die Welle der kompakten Vans. Nun kommt auch der kleine Geländewagen reichlich spät. Er werde jedoch »das Segment von hinten aufrollen«, beteuert Vertriebschef Kern.

Hilfreich soll dabei der Grundpreis von 26 700 Euro sein. Er liegt auf dem Niveau des Toyota-Konkurrenten RAV-4. Die Produktionskosten drastisch zu drücken war eine der letzten Aufgaben des inzwischen ausgeschiedenen Markenchefs Wolfgang Bernhard.

Die Konstrukteure bedienten sich preisbewusst aus dem Teilebaukasten bestehender Konzernmodelle. Das Armaturenbrett wurde vom Hochdachmodell Golf Plus entliehen, Teile der Allradtechnik von der 4x4-Version des Passat.

Das Ganze fügt sich zu einem vergleichsweise schlanken Vertreter des Offroad-Betriebs, dessen Klimaschädigungspotential deshalb auch nur halb so wild ist. Der aus dem Golf übernommene Benzinmotor, ein 1,4-Liter-Vierzylinder mit doppelter Aufladung und 150 PS, schluckt im Normmix 8,4 Liter; die 140 PS starke Diesel-Version mit Common-Rail-Einspritzung 7,2 Liter auf 100 Kilometer.

Mit solchen Werten zählt der Tiguan zu den gemäßigten Unholden seiner Fahrzeuggattung. Und in diese setzt die Marktforschung große Hoffnungen. Sie sieht den Kunden als zerrissenes Wesen zwischen Klimabeklemmungen und dem archaischen Wunsch nach Makromobilität mit Hochsitz und Allradvortrieb.

Mit 1,6 Tonnen Leergewicht ist der Tiguan gut 600 Kilogramm leichter als Offroad-Mobile der großen Klasse, kann aber nicht entscheidend weniger. 2500 Kilogramm maximale Anhängelast gibt Volkswagen an. Das reicht für nahezu alle Transportbedürfnisse des zivilen Lebens. Ein Anhänger mit zwei Pferden etwa wiegt samt Fracht gut zwei Tonnen. Die Kupplung lässt sich per Seilzug unter dem hinteren Stoßfänger hervorschwenken und mit einem Fußtritt arretieren.

Auch an üppigen Ausstattungsmöglichkeiten mangelt es nicht. Bei Bedarf sind ein Panoramaschiebedach lieferbar, ein

Parkassistent, der den Wagen vollautomatisch in die Lücke zirkelt, und feine Lederbezüge in Beige, Schwarz oder cognacartigem Braunton. »Da kann man den Stau souverän aussitzen«, versichert Firmensprecher Christian Haake.

Überdies, sagt er, »wollten wir ein Auto entwickeln, das auch ernsthaft im Gelände Bestand hat«. Karosserie und Fahrwerk seien um einiges robuster ausgelegt als bei gewöhnlichen Pkw. Zum Ausstattungsspektrum zählt die Version »Track & Field«, die mit einer angeschrägten und leicht armierten Frontpartie steilere Böschungswinkel überwinden lässt, ohne dass Teile der Fahrzeugbeplankung im Erdreich zurückbleiben.

Wie hilfreich moderne Bordelektronik auf Abwegen sein kann, belegt VW mit automatischen Bremseingriffen in diversen Situationen an Steilhängen sowie einer besonderen Navigationssoftware. Sie kann sich außerhalb des digitalisierten Straßennetzes bis zu 500 Punkte merken und so den Querfeldeinfahrer jederzeit auf dem kürzesten Weg zur amtlichen Infrastruktur zurücklotsen.

Bei der Präsentation des Wagens in Budapest ließ VW den Tiguan einen Parcours künstlicher Hindernisse bewältigen. Ein Instrukteur gab in süddeutschem Akzent zu verstehen, dass er sich im Dschungel auskennt, und erläuterte die Besonderheiten des Allradantriebs.

Statt aufwendiger Differentialsperren sichert ein simpler Bremseingriff an einzelnen Rädern den Vortrieb auf holprigen Wegen. Das Prinzip ist bei Pseudo-Geländewagen üblich, da sehr preiswert. Im extremen Geländeeinsatz könnten allerdings die Bremsen überhitzen.

»Also wenn ich jetzt direkt in der Wüste wohnhaft wär«, räumte der Vorführfahrer ein, »dann würd ich so ein Auto nicht nehmen.« CHRISTIAN WÜST

Zur Ausgabe
Artikel 101 / 118

Mehr lesen über