MEDIZIN Haut des Schamanen
In Deutschland, der »Apotheke der Welt« (Selbstlob der Pharma-Industrie), ist das Tohuwabohu vollkommen: Niemand, schon gar nicht das zuständige Bundesgesundheitsamt in Berlin, weiß, mit wieviel Arzneimitteln derzeit an kranken Menschen herumgedoktert wird. Mindestens 30 000 Fertigpräparate in 120 000 bis 130 000 verschiedenen Darreichungsformen sind in Westdeutschland schon zugelassen, doch im Durchschnitt werden bei dem Berliner Amt täglich drei neue Medikamente angemeldet. Tönt der »Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie": »In der Forschung hat die Zukunft bereits begonnen.«
Am Freitag letzter Woche wurde die prosperierende Industrie erst mal von ihrer eigenen Vergangenheit eingeholt. In Bonn präsentierte Arbeitsminister Herbert Ehrenberg die erste, vom Bonner Bund vor fünf Jahren in Auftrag gegebene »bewertende Arzneimittelklassifikation«. Ein hochkarätiges Kollegium, 23 Medizinprofessoren und Ärzte von Rang, haben sich insgesamt 567 Arzneimittel prüfend vorgenommen, die kranken Herzen helfen sollen.
( Prof. Dr. Eberhard Greiser (Hrsg.): ) ( »Arzneimittel-Index -- eine bewertende ) ( Arzneimittelklassifikation«, Band 1. ) ( Medpharm Verlag GmbH, Wiesbaden; 200 ) ( Seiten. )
Das Urteil ist vernichtend: Die meisten Herzmedikamente bekamen das Prädikat »therapeutisch nicht sinnvoll«. S.143
Das harte Verdikt trifft nicht nur obskure Kräutermischungen kleiner Waschküchenfirmen. Auf den Index gerieten auch die weitverbreiteten und von ihren Produzenten blumig gelobten Umsatzrenner der größten deutschen Arzneimittelhersteller.
So bescheinigte die Gelehrtenrunde den Ampullen »Parmanil-Strophantin« der Firma Hoechst »unzureichende Standardisierung« und »nicht sinnvolle Kombination« der Wirkstoffe. Die beliebten Dragees »Theo-Lanitop« des Pharmaproduzenten Boehringer Mannheim wurden »negativ« bewertet, einer der Inhaltsstoffe erhielt das Prädikat »zweifelhaft wirksam«.
Dem Schweizer Pharmariesen Hoffmann-La Roche, der mit dem Seelentröster »Valium« bisher gut zehn Milliarden Franken verdient hat, wird vorgehalten, daß sein Herzmittel »Pentrium« aus zwei Chemikalien zusammengesetzt ist, die »nicht kombiniert werden sollten«. Außerdem, so die Gutachter, lägen über den gefäßwirksamen Bestandteil dieser Herztabletten »vergleichbare kontrollierte Studien nicht in ausreichendem Maße vor«.
Was andere ehrenwerte Mitglieder des deutschen »Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie« dem Gremium als Wissenschaft eingereicht hatten, hielt kritischer Durchsicht nicht stand: So ging die Karlsruher Firma Dr. Willmar Schwabe, die einem Dutzend Herzmedikamenten Weißdorn("Crataegus«-)Extrakte zusetzt, mit ihren japanischen Fürsprechern K. Iwamoto, T. Satou und T. Ishizaki ruhmlos unter: Deren Arbeit, bisher nur auf japanisch publiziert ("Shinfuzen ni Taisuru Crataegutt no Rinshokouka"), läßt, fanden die Deutschen, »keinen zweifelsfreien Schluß auf die therapeutische Wirksamkeit von Crataegus zu«.
Mit ihrem Versuch, die Veröffentlichung der »bewertenden Arzneimittelklassifikation« durch eine »Einstweilige Verfügung« zu verhindern, sind die Karlsruher Crataegus-Nutznießer im Mai dieses Jahres vor Gericht gescheitert. Auf unfreundliche Reaktionen anderer Produzenten ist der Leiter des Forschungsprojektes, der Bremer Medizinprofessor Eberhard Greiser, gefaßt: Von 336 überprüften, angeblich herzwirksamen Medikamenten, in denen mehrere Arzneistoffe zu einem Fertigprodukt verrührt werden ("Kombinationspräparate"), fielen 331 durch. Ganze fünf Medikamente erhielten das begehrte Gütesiegel »therapeutisch sinnvoll«, Bewertung »positiv«.
Mit ihrem Urteil steht Greisers Professorengruppe nicht allein. Die in Deutschland so flott über den Apothekentresen gereichten Kombinationspräparate zur Herzstärkung gibt es in anderen Ländern dank der »Anwendung rationaler Kriterien bei der Zulassung von Arzneimitteln« (Greiser) schon längst nicht mehr.
Die »therapeutisch nicht sinnvollen, in vielen Fällen sogar gefährlichen Präparate«, beispielsweise »feste Kombinationen aus einem Herzglykosid und einem weiteren Wirkstoff« sind in den USA, Großbritannien, Schweden, Norwegen, Italien, der DDR und in der Schweiz nirgendwo zu kaufen.
In der Bundesrepublik aber haben die »Kombis« (Apothekerjargon) unverändert Hochkonjunktur. Mehr als die Hälfte der untersuchten Herzpräparate bestehen aus vier oder mehr Wirkstoffen. Sieben Medikamente haben zehn verschiedene Ingredienzen, drei Herzpräparate sind aus genau 17 Bestandteilen gemixt. Manchen Pharmaproduzenten ist selbst das noch nicht genug: Die Firma Fides, Pharmazeutische Präparate GmbH in Berg am Starnberger See, offeriert kranken Bürgern ihre »Coronar-Homocent«-Herztropfen, ein Kombinationspräparat aus 25 Teilen. In die Injektionslösung mit dem gleichen Namen werden noch zwei Stoffe mehr zugemischt.
Dabei sind sich die Arzneimittelkundler der deutschen Universitäten einig, daß »sich schon bei drei Wirkstoffen ein wissenschaftlich begründeter Plan zur Prüfung der therapeutischen Wirksamkeit und Unbedenklichkeit nur schwer aufstellen läßt«, so Professor Greiser. Doch selbst dann, wenn nur eine Substanz in der Pille oder dem Fläschchen ist ("Monopräparat") fanden die Gutachter häufig »unzureichende Standardisierung« oder »ungünstige pharmakokinetische Eigenschaften«. Manchmal war auch die behauptete Wirksamkeit schlicht »zweifelhaft«.
Vorsichtigerweise haben die Gutachter von vornherein auf alle Preisvergleiche, S.144 sogar auf Qualitätskontrollen verzichtet, um die mächtige Pharmalobby nicht noch mehr zu reizen. Das ganze Projekt wurde auch von den Bonner Ministerien nur halbherzig gefördert: »So genau wollten die es gar nicht wissen«, meint ein Gutachter hinter vorgehaltener Hand. »Unsere Arbeit war wohl eher als Alibi gedacht.«
Professor Greiser will sich trotzdem nicht entmutigen lassen. In den nächsten Jahren wird sich die Projektgruppe mit den Psychopharmaka befassen. Der Bremer Professor, Leiter des »Instituts für Präventionsforschung und Sozialmedizin«, glaubt zwar nicht, »daß das Wirken dieser Komissionen in absehbarer Zeit zu meßbaren Erfolgen führen wird«. Andererseits freut ihn, daß dem ärztlichen Leser, wenn der es wirklich genau wissen will, nun erstmals eine »bewertende wissenschaftliche Beurteilung der Herzarzneimittel« zur Verfügung steht -- ein Kompendium, das die Pharma-Industrie mal nicht selbst produziert hat.
Auch Ernst Habermann, Professor für Pharmakologie an der Universität Gießen und derzeit Vorsitzender der Deutschen Pharmakologischen Gesellschaft, findet an der Bremer Fleißarbeit etwas Gutes: »Die Liste zeigt dem Arzt«, hofft der Wissenschaftler, »wann er in die Haut des Schamanen schlüpft und das Gebiet des kühlen wissenschaftlichen Konsens verläßt.«
S.142Prof. Dr. Eberhard Greiser (Hrsg.): »Arzneimittel-Index -- einebewertende Arzneimittelklassifikation«, Band 1. Medpharm VerlagGmbH, Wiesbaden; 200 Seiten.*