ARCHÄOLOGIE Heilige Baustelle
Kurz vor Einbruch der Dunkelheit, wenn die Steine noch glühen von der anatolischen Nachmittagshitze, beginnt das große Picknick. Zu Hunderten pilgern Geschichtsfans und Esoteriker aus allen Erdteilen auf den Gipfel des 2150 Meter hohen Nemrut in der Südosttürkei. Von dem heiligen Berg aus wollen sie bestaunen, wie die Sonne hinter dem Taurusgebirge versinkt.
Einige holen die Panflöte heraus und stimmen andächtige Weisen an, andere kraxeln für einen Schnappschuss auf einer der antiken Kolossalstatuen herum. Männerrunden genehmigen sich ein Fläschchen Anisschnaps.
Antiochos I., der megalomane Gottkönig, der sich dort oben das gigantische Grabmal vor über 2000 Jahren errichten ließ, hätte seine Freude an dem Schauspiel gehabt. »Reichlich Mischwein und angemessene Speisen«, so hatte er seiner Priesterschaft aufgetragen, seien den Gläubigen zu kredenzen, die sich am 10. und 16. jeden Monats auf dem Nemrutgipfel einfinden sollten.
Dem Herrscher des kleinen Königreichs Kommagene war eine Laune der Geschichte zu Kopf gestiegen: Weder die Perser noch die Römer, zwischen deren Imperien sein anatolischer Pufferstaat eingeklemmt war, hatten Lust, das unwegsame Bergland am Oberlauf des Euphrat selbst zu regieren. Antiochos, der von 69 bis 34 vor Christus herrschte, war gezwungen, mit beiden gut auszukommen. Kurzerhand stilisierte er sich zur west-östlichen Gottheit, die mit Zeus auf ebenso gutem Fuße stand wie mit dem obersten Persergott Ahura Masda.
Das Mausoleum auf dem Nemrut kündet bis heute von diesem Anspruch: Zwei Kult-Terrassen mit je fünf einst haushohen Götterstatuen grüßen nach Osten und Westen; dazwischen erhebt sich ein pyramidenartiger, 50 Meter hoch aufgeschütteter Schottertumulus, in dessen Innerem der Sarkophag des Königs vermutet wird.
Schon seit 100 Jahren versuchen die Archäologen, die sagenumwobene Grabkammer zu orten. Von der Freilegung versprechen sie sich eine Sensation, die sogar die Entdeckung des Tutanchamun-Grabes in den Schatten stellen könnte.
Das Rätsel lösen will jetzt ausgerechnet ein Laien-Archäologe aus Holland. Mit einem von Sponsoren bezahlten Millionenplan rang der Architekt Maurice Crijns, 47, dem türkischen Kulturministerium das Recht ab, zusammen mit Experten der Universität Amsterdam sich fünf Jahre lang auf dem heiligen Berg auszutoben: Erst will er das Bauwerk des Antiochos aufwendig rekonstruieren - um anschließend dann das Königsgrab freizulegen.
Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg: Erdbeben, Temperaturunterschiede von mehr als 70 Grad sowie der zunehmende Massentourismus haben der Grabanlage arg zugesetzt. Die bis zu acht Tonnen schweren Steinblöcke, aus denen die Kolosse einst errichtet wurden, liegen, teilweise zerstört, auf dem Terrassenboden herum. Die Tuffstein-Stelen, auf denen Antiochos seine Ahnen verewigen ließ, sind so verwittert, dass sie großteils nicht mehr zu identifizieren sind.
Den holländischen Abenteurer schreckt das nicht: In seinem Auftrag wuchteten Fachleute der deutschen Vermessungsfirma Callidus schon mal einen neuartigen 3-D-Scanner auf den Nemrutgipfel, um die rissig gewordenen Oberflächen der Götterstatuen auf Computerfestplatten zu bannen. Und vor vier Wochen kehrte ein Team an die Universität Groningen zurück, das mittels Laser-Technologie versuchte, die verblassten Spuren antiker Inschriften auf drei Tuffstein-Stelen sichtbar zu machen.
Unlängst ließ Crijns sogar einen gewaltigen Baukran auf den Gipfel des Zweitausenders schaffen. Mit solch schwerem Gerät will er die eingestürzten Götterstatuen Steinblock für Steinblock wieder aufrichten und zusammenfügen. »Letztlich geht es uns darum«, sagt Crijns, der auch als Präsident der Internationalen Nemrut-Stiftung fungiert, »König Antiochos einen Gefallen zu tun.«
Doch mittlerweile scheint das Kulturministerium kalte Füße bekommen zu haben. Vergangene Woche verzögerten die Bürokraten in Adana die längst erwartete Lizenz zur Rekonstruktion einer ersten Adlerstatue auf der Westterrasse. Denn es melden sich zunehmend Experten zu Wort, die Crijns' Rekonstruktionspläne für archäologischen Unsinn halten: Die Grabanlage auf dem Nemrut, sagt etwa der türkische Epigrafiker Sencer ¸Sahin, sei auch in der Vergangenheit nie vollendet worden: »All dies hat Antiochos uns als heilige Baustelle hinterlassen.«
So konnte S¸ahin nachweisen, dass der Kopf der Antiochos-Statue auf der Ostterrasse von den antiken Bildhauern nie fertig gestellt worden war und vermutlich auch zu keiner Zeit auf seinem Torso gesessen hat.
Auch fehle auf dem Berg jede Spur der so genannten heiligen Tische, an denen dem königlichen Testament zufolge die Pilger bewirtet werden sollten. »In Wahrheit«, so ¸Sahin, »hat auf dem Nemrutgipfel wohl nie ein Gottesdienst stattgefunden. Der grandiose Kultplan des Antiochos ist Entwurf geblieben.« Das Projekt jetzt einfach zu vollenden, zürnt der Gelehrte, sei eine »Verfälschung der Geschichte«.
Noch umstrittener sind Crijns' Pläne, die Grabkammer zu öffnen. Denn es sind äußerst obskure Mächte, die ihm den Spaten führen: Seine Ehefrau glaubt, in einem früheren Leben direkt am Bau der Kultanlage auf dem Nemrut beteiligt gewesen zu sein.
Während einer Séance, durch die sie in die Welt ihrer antiken Wirkungsstätte zurückversetzt worden sei, so behauptet die Holländerin, habe sie genau gesehen, wo sich die Grabkammer des Antiochos befinde: in einem bislang unentdeckten Hohlraum, irgendwo im Innern des Grabtumulus. Genau nach solchen »Hohlraum-Anomalien« hatten deutsche Geophysiker allerdings schon Ende der achtziger Jahre gefahndet - ohne Erfolg.
¸Sahin hält die Visionen der Esoterikerin ohnehin für abenteuerlich. Der türkische Forscher vermutet die Grabkammer im festen Felskern, auf dem der Schotterberg sitzt - ziemlich genau 20 Meter unterhalb der Spitze des Tumulus. Einen Vorschlag, wie das Grabmal je freigelegt werden könnte, ohne die von der Unesco selbst zum Weltkulturerbe erklärte Pyramide abzutragen, hat aber auch er nicht zu bieten.
Solange der Archäologenstreit anhält und weitere Grabungslizenzen aus Ankara auf sich warten lassen, bauen die Holländer erst mal einen massiven Zaun um die Ruine der Grabanlage. So sollen den Göttern zumindest die lästigen Touristen erspart bleiben, die den Statuen allabendlich an der Nase kitzeln und schon manches heilige Steinchen haben mitgehen lassen. BERNHARD ZAND