INTERNET Herrscher über das Netz
Die Stimmung im überfüllten Konferenz-Saal ist geladen, die Versammlung steht kurz vor dem Tumult.
»Das ist total unfair«, ruft ein junger Mann in Turnschuhen und Jeans ins Saalmikrofon, »wir entscheiden hier über die Zukunft des Cyberspace, aber 70 Prozent der Wähler kommen aus Nordamerika und nur 2 Prozent aus Afrika.« Applaus und kopfschüttelnder Protest erheben sich gleichzeitig, die Versammlungsleiterin mahnt: »Bitte fassen Sie sich kurz, jeder hier hat eine Minute Redezeit.«
Neben ihr auf der Großbildleinwand zählt eine Uhr gnadenlos runter bis auf null. Der nächste Beschwerdeführer bitte.
Dutzende stehen Schlange und warten auf das Wort. Gesetzte Manager in feinem Zwirn und Schlips drängeln sich mit bärtigen Computerfreaks. Zusätzlich werden Kommentare verlesen, die per E-Mail eingehen. Der enge Zeitplan sieht lediglich eine Stunde allgemeiner Debatte vor.
Die Verantwortlichen auf dem Podium haken die Einwände gekonnt ab. Ein älterer Herr, offensichtlich eine Autorität in der Runde, kontert den Protest: »Das ist doch wunderbar, das Verhältnis 70 zu 2 entspricht ungefähr dem Zahlenverhältnis von Online-Nutzern in Amerika und Afrika, oder?«
Willkommen beim Weltkongress von Icann, der »Internet Corporation for Assigned Names and Numbers«. Rund 350 Mitglieder dieser womöglich bald mächtigsten Institution des Internet-Zeitalters kamen vergangene Woche im Sheraton-Hotel in Kairo zusammen. Aus über 40 Staaten reisten Computerexperten und Industrie-Lobbyisten an, um eine Frage zu entscheiden, die noch vor kurzem gänzlich unwichtig schien: Wer wird Herrscher im Land ohne Boden und ohne Grenzen? Wer erhält die Macht über das Internet?
Der komplizierte Name Icann, der eher an einen Fachzirkel für Fernmeldetechniker erinnert, verbirgt die tatsächliche Bedeutung der Organisation. Denn sie soll, so beschloss die US-Regierung bereits 1998, bis zum 30. September diesen Jahres die Autorität über die zentrale technische Basis des Netzes der Netze übernehmen: die Registrierung und Verwaltung aller Adressen und so genannten IP-Nummern, ohne die keine E-Mail ihren Adressaten erreichen würden und jede Web-Seite unauffindbar bliebe.
Was klingt wie eine rein technische Managementaufgabe, hat aber weit reichende Bedeutung. Wer immer diese Datenzentrale des Netzes kontrolliert, hält eine beinahe unumschränkte Macht über die Nutzung des Internet in den Händen. Dessen reibungsloses Funktionieren wird aber nach Meinung der meisten Ökonomen und Konzernstrategen in den nächsten Jahrzehnten politisch und wirtschaftlich ebenso wichtig wie die Versorgung der Menschheit mit Erdöl.
Um Befürchtungen über einen Missbrauch dieser Macht zu zerstreuen, wollen die bislang nur vorläufig eingesetzten Icann-Manager ein historisches Experiment wagen: Noch in diesem Jahr sollen alle Internet-Nutzer die Möglichkeit erhalten, per elektronischer Abstimmung über die Zusammensetzung des künftigen Icann-Direktoriums mitzubestimmen. Wer älter als 16 Jahre ist, eine E-Mail- und eine überprüfbare Post-Adresse hat, kann sich schon jetzt unter members.icann.org als Wähler registrieren lassen. So soll das dreifache W des WorldWideWeb nun auch für weltweites Wählen stehen.
»Erstmals experimentiert da eine globale Institution mit Formen der Repräsentation jenseits nationalstaatlicher Interessen«, begeistert sich die Berliner Politikwissenschaftlerin und Internet-Expertin Jeanette Hofmann, »das wird spannend.« Das zu wählende Gremium, urteilte auch die »New York Times«, sei nicht weniger als die »verfassungsgebende Versammlung« für die globale Internet-Gemeinschaft.
Dass eine Verfassung dringend benötigt wird, geht zurück auf die technische Architektur des Internet. Diese wird gemeinhin beschrieben als ein dezentraler Verbund aus Computernetzen, die gleichsam spontan und herrschaftsfrei zusammengefunden haben - verbunden durch nichts als den Willen zur Kommunikation und eine gemeinsame Übertragungstechnik.
Doch das Netz funktioniert nur, wenn alle Server-Computer stets über dieselben Informationen darüber verfügen können, welcher Name eines E-Mail-Empfängers oder einer Website zu welchem Rechner irgendwo auf der Welt gehören. Diese Adressdaten erhalten aber alle Server letztendlich nur über einen zentralen Computer: den so genannten Authoritative Root Server. Er ist das zentrale Melderegister des Internet und soll nun in die Hand von Icann übergehen (siehe Grafik).
Mit der Verfügung über dieses Informationsmonopol sei die Organisation auf dem besten Wege, zur Weltregierung des Cyberspace aufzusteigen, befürchten Skeptiker wie der amerikanische Jurist David Post, Professor an der Temple University in Philadelphia. Denn der Root Server, so Post, verleihe Entscheidungsgewalt über »das Existenzrecht im Cyberspace. Wer dort nicht registriert ist, den gibt es gar nicht«. Somit können die Herrscher über die »Root« theoretisch jedem Land sowie jedem Service-Provider und seinen Kunden die Erfüllung von Auflagen diktieren, etwa die Zahlung einer Gebühr oder die Einhaltung von Copyright-Normen - oder sie notfalls aus dem Netz schmeißen.
Diese Machtfülle war in den Jahren, als das Netz eine weitgehend US-amerikanische Veranstaltung war, nie ein Problem. Damals regelte eine verschworene Gemeinde von Netz-Pionieren unter Leitung des zuweilen als »Gott des Internet« verehrten Jon Postel freihändig die Adressverwaltung. Mit der Kommerzialisierung und Internationalisierung des Netzes jedoch war das informelle Regime überfordert.
Das virtuelle Land der Daten verwandelte sich von einem technischen Experiment in eine globale Handelsplattform, eine Gemeinschaft der Online-Nomaden, ein Forum für politische Organisationen aller Art und ein Medium für Steuervermeidung und Produkt-Piraterie. Zwangsläufig kollidieren nun die Wertvorstellungen und Regelwerke wie auf einem weltweiten Basar - so viel Multikulti war nie.
Exemplarisch ist der Streit um die Namensendungen bei den länderübergreifenden Internet-Adressen, die für Firmen (.com) oder Organisationen (.org) vergeben werden. Besonders im Bereich .com, der für international agierende Unternehmen interessant ist, wird es eng; die eingängigen Namen sind längst vergeben.
Wer zum Beispiel »Nissan.com« eingibt, landet auf der Homepage einer Computerfirma aus North Carolina. Der japanische Autobauer kam zu spät und ist daher nur unter dem sperrigen Namen www. nissanmotors.com zu finden. Sprunghaft nehmen folglich die Rechtsstreitigkeiten um »Domainnamen« zu, die von mehreren Parteien gleichzeitig beansprucht werden.
Nach den Regeln der Ingenieursvernunft wäre die Lösung einfach zu haben: durch die Einführung neuer Namensendungen. Neben Nissan.web könnte sich dann auch ein Nissan.shop etablieren, meint zumindest der Icann-Direktor Vinton Cerf - und der muss es wissen, schließlich hat er das Internet-Protokoll einst miterfunden.
Viele Konzerne wollen aber ihre Markennamen online wie offline verteidigen. Für sie würde eine Ausweitung des Adressraumes lediglich bedeuten, dass sie alle neuen Namensendungen für sich horten müssen, was schnell einige tausend Dollar Registrierungsgebühren kosten könnte.
Verbraucherschützer wie der US-Anwalt Ralph Nader argumentieren dagegen, Domainnamen fielen unter die verbriefte Redefreiheit, alles andere wäre Zensur. Nader fordert daher die Zulassung von Namensendungen wie .isnotfair oder .complaints, die es Kunden erleichtern würden, Firmen anzuschwärzen.
Vor diesem Hintergrund drängten Europas Regierungen und viele Unternehmen auf eine transparente Verwaltung der Namensräume und der zugehörigen Rechner. Doch entgegen der vielfach erhobenen Forderung, die Systemverwaltung einer Regierungs-Organisation wie etwa der International Telecommunication Union zu übergeben, entschied die US-Regierung, der private Sektor solle die Aufgabe selbst übernehmen - ohne direkte Beteiligung staatlicher Behörden. Das war ebenso gewagt wie umstritten. Nach langen und leidenschaftlich geführten Debatten zwischen Kämpfern für die Informationsfreiheit und Lobbyisten der wachsenden E-Commerce-Industrie wurde im November 1998 schließlich Icann geboren: eine im kalifornischen Marina del Rey registrierte Non-Profit-Gesellschaft nach amerikanischem Recht.
Bislang ist diese Organisation aber kaum mehr als ein elektronisch organisierter Diskussionszirkel auf der Suche nach Anerkennung, angefeindet und kritisiert von fast allen Seiten. Im Zentrum des Sturms sitzt Esther Dyson, die von der Clinton-Regierung lancierte vorläufige Geschäftsführerin. Die zarte, aber kampfstarke und erfolgreiche Unternehmerin kämpft mit großer Energie darum, Icann zu einer repräsentativen Einrichtung für die gesamte Internet-Welt zu formen.
Oft sitzt sie scheinbar unbeteiligt am Rande der Sitzungen, in Jeans, Sweatshirt und halsbrecherisch auf ihrem Stuhl kippelnd wie eine Schülerin und beantwortet fortwährend mit ihrem Laptop hunderte von E-Mails. Doch mit nur einer schlagfertigen Wortmeldung gibt sie der Debatte oft die entscheidende Wendung.
Selbst wenn Dyson ihren Posten Ende des Jahres abgeben sollte, trägt die Organisation auch weiterhin ihre Handschrift. Entstanden ist ein Gebilde mit kaum überschaubaren Strukturen, ortlos und dynamisch wie eine Newsgroup im Netz. Die Direktoriumsmitglieder, die weltweit verstreut leben, verständigen sich fast ausschließlich per E-Mail und alle paar Wochen per Telefonkonferenz.
Dazu riefen Dyson und ihre Mitstreiter zunächst gleich drei Unterorganisationen ins Leben, in die Vertreter der Internet-Industrie entsandt wurden, um technische Fragen zu lösen: eine für die Namensvergabe, eine für die Verteilung der maximal 12-stelligen Rechneradressen und eine für die Entwicklung der Übertragungsprotokolle (siehe Grafik).
Jede der drei Aufgaben ist äußerst konfliktträchtig. Um möglichen Mauscheleien vorzubeugen, darf keine der drei Gruppen, in denen die ganze Bandbreite der Internet-Industrie vertreten ist, die Entscheidungen allein treffen. Diese obliegen ausschließlich dem Direktorium, in das die Untergruppen insgesamt neun Vertreter entsenden. Den nationalen Regierungen blieb bei all dem bislang nur der Katzentisch in Form eines Beratungskomitees ohne Stimmrecht.
Mit dieser Verankerung bei der interessierten Industrie kamen die Icann-Gewaltigen jedoch nicht weit. Vor allem die nichtkommerziellen Nutzergruppen erhoben Protest. Als das Icann-Management vergangenes Jahr zur Finanzierung der Organisation eine Gebühr von einem Dollar pro Domainnamen einführen wollte, gaben die Kritiker im Cyberspace jenen Schlachtruf aus, der einst die amerikanische Revolution auslöste: »No taxation without representation« - keine Besteuerung ohne Vertretung. Daraufhin zwang die US-Regierung Icann, sich bis auf weiteres durch Spenden zu finanzieren.
Die Episode warf ein Schlaglicht auf die ungeklärte Frage, welche Rolle die US-Regierung künftig spielen will. Zwar wird in der Satzung die »geografische Diversität« der Icann-Gremien beschworen. Aber zugleich diktierte das US-Wirtschaftsministerium in die Vereinbarung mit Icann den verräterischen Passus, das Ministerium habe »keine Pläne, die politische Autorität über die Steuerung des Root Servers einer anderen Körperschaft zu übertragen«.
Dieser Vorbehalt, so versichert die zuständige Ministerialbeamtin Becky Burr, diene nur dazu, »die Stabilität des Systems« zu garantieren. Doch im Konfliktfall, etwa bei einem transatlantischen Handelsstreit, könnte der alleinige Zugriff auf das Internet-Zentralregister sehr wohl ein Druckmittel sein.
Auch mit anderen Regierungen sind für Icann Konflikte programmiert. Esther Dyson weist zwar jeden Machtanspruch zurück: »Wir wollen keine Regierung sein und schon gar nicht das Werkzeug für diejenigen, die uns zu einer Macht machen wollen«, versichert sie. Aber überall, wo sich Datenraum und reale Welt berühren - etwa bei den Themen Besteuerung, Copyright oder Datenschutz - müssen Lösungen gefunden werden, die mit der Internet-Technologie vereinbar sind. Ohne oder gegen Icann läuft gar nichts.
So ist die Politisierung der scheinbar so technischen Aufgaben von Icann kaum zu vermeiden. Darum suchen die Direktoren und ihre Chefin Dyson nun dringend die Legitimation ihrer Gesellschaft bei den Wählern aus dem Internet, welche 9 Mitglieder des 19-köpfigen Direktoriums wählen sollen.
Aber auch das ist wieder umstritten. Jerry Berman, Wahlforscher am Center for Democracy and Technology, übte in Kairo vernichtende Kritik. Bislang seien lediglich 6000 Wähler angemeldet - von gut 270 Millionen Internet-Nutzern weltweit, also nicht einmal jeder 40 000ste. Zu leicht ließe sich eine derart kleine Wählerschaft manipulieren, monierte der Demokratie-Experte. Die Wahl, eigentlich für den Zeitraum April bis August geplant, »sollte verschoben werden«.
Diese Einwände mochte Dyson nicht gelten lassen: »Wenn wir noch länger warten, übernehmen irgendwann wieder die Regierungen das Internet«, erwiderte sie. »Eines haben wir durch das Internet doch gelernt: Nichts ist perfekt, und ohne Risiko geht es nicht.«
Doch am Ende beugten sich die Icann-Direktoren der Kritik und verlängerten die Wahlfrist bis 1. November. Zudem sollen die Wähler ihre Kandidaten direkt wählen: Im ersten Durchgang je einen für die fünf Regionen Europa, Afrika, Asien sowie Nord- und Südamerika. Die restlichen vier Direktoren sollen in einer zweiten Wahlrunde bis 2002 bestimmt werden.
So viel Mut steckt an: Bis zum Freitagabend fanden sich 74 freiwillige Wahlhelfer aus 42 Ländern, die ausschwärmen wollen, um für die Wahl zu werben.
Einen möglichen Fehlschlag des einmaligen Vorhabens fürchtet Icann-Chefin Dyson nicht: »Hier geht es doch um viel mehr als diese eine Wahl. Auch wenn es schief geht, haben wir eine Menge über die Online-Demokratie gelernt.«
HILMAR SCHMUNDT, HARALD SCHUMANN
* Private Computer-Schule in Somaliland (oben links);Internet-Cafés im indischen Bangalore (oben rechts), in Taiwan(unten links), in Moskau (unten rechts).