Hickhack im OP - DER SPIEGEL
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Chirurgie Hickhack im OP

Engpässe bei der Kinder-Herzchirurgie gehen auf Kosten der Patienten. Die Krise wird verschärft durch Zwist zwischen Kardiologen und Chirurgen.
• aus DER SPIEGEL 17/1996
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Nie huschte ein Lächeln über Marens Lippen. Ihr Gesicht war schneeweiß, gelegentlich verfärbte es sich bläulich.

Dann verlor sie schnell an Gewicht. Mit fünf Monaten wog sie weniger als bei der Geburt. Das bißchen Nahrung, das sie noch am Leben erhielt, konnte sie nur über eine Magensonde zu sich nehmen.

Im Herzen des Mädchens klaffte ein Loch. Die Trennwand zwischen den beiden Haupt- und Vorkammern des Pumpmuskels war nicht zusammengewachsen. Durch die Herzscheidewand strömte ständig sauerstoffarmes Blut von der rechten in die linke Herzhälfte und wurde von dort in den Körper zurückgepumpt.

Der Kinderkardiologe Klaus Goltz, 48, Assistenzarzt an der Kinderklinik von Sankt Augustin bei Bonn, hatte den Eltern vier Wochen nach Marens Geburt zu einer Herzoperation geraten. Eltern und Kardiologen meldeten das Kind im Herzzentrum der Klinik zur Operation an.

Doch als Chefchirurg Andreas Urban endlich einen OP-Termin für das immer schwächer werdende Mädchen fand, öffnete er das Herz nur kurz, um es gleich wieder zu schließen. »Inoperabel«, befand Urban, die rechte Herzhälfte des Kindes sei zu klein. Ein Todesurteil für das Mädchen mit dem angststarren Blick?

Der Kardiologe Goltz und dessen Chef Peter Brode, 64, entschieden sich zu handeln. Auf einem Kongreß stellten sie einem englischen Chirurgen die kleine Patientin vor. Wenig später wurde das Kind in einer englischen Privatklinik in Birmingham operiert. Der angeborene schwere Herzfehler ist seither korrigiert. »Innerhalb einer Woche hatten wir ein ganz anderes Kind«, sagt Marens Mutter Anne Hoffmann.

Das Klima im einzigen deutsche Herzzentrum, an dem ausschließlich Kinder operiert werden, ist seit Jahren gestört. Kardiologen und Chirurgen arbeiten zwar unter einem Dach. Doch von Zusammenarbeit kann keine Rede sein. Urban, unter Medizinerkollegen als erfahrener Chirurg geschätzt, bei den eigenen Mitarbeitern als selbstherrlich und schroff verschrien, lehnt Gespräche mit den Kardiologen als »zu emotional« ab. Sogenannte Herzkonferenzen zwischen beiden Disziplinen finden nicht mehr statt.

Die Kardiologen klagten, Urban lasse sie wochen- oder monatelang über OP-Termine im ungewissen. Urban wiederum warf den Kardiologen vor, sie belieferten ihn mit unvollständigen Patientenakten. Selbst in dringenden Notfällen hakte es auf den Sankt Augustiner Klinikfluren mit der Kommunikation. Patientenakten und Krankenblätter verschwanden spurlos, Filme mit Untersuchungsbefunden lösten sich in Luft auf.

»In Dutzenden von Fällen«, erklärt die bis 1993 am Sankt Augustiner Kinderherzzentrum arbeitende Kardiologin Eva-Maria Oyen-Pernau, sei das Hickhack um Zuständigkeiten und Behandlungsfahrpläne auf Kosten der kranken Kinder gegangen.

Einmal, so erinnert sie sich, stand ein eineinhalbjähriges Kind mit einem Loch im Herzen und Verengungen in der Lungenarterie auf Urbans OP-Liste, doch der Termin für den Eingriff verschob sich ständig. Als das Kind wegen Sauerstoffmangels in einen immer kritischeren Zustand geriet, habe sie sich für eine Ballondilatation entschieden, die für vorübergehende Linderung sorgte.

Doch die Hilfsmaßnahme brachte der Medizinerin nur Ärger ein: Sie wurde vor die Klinikoberen zitiert. Die Ärztin heute: »Mir wurde vorgeworfen, ich hätte Herrn Urban ein Kind von der OP-Liste gestohlen.«

Die Sankt Augustiner Kardiologen reagierten auf die Funkstille des Chirurgen auf ihre Weise. In weit über 100 Fällen rieten sie hilfesuchenden Eltern zur Operation ihrer Kinder in England. Chefkardiologe Brode: »Es wäre ein unerträglicher Gedanke gewesen, aus falscher Loyalität gegenüber dem eigenen Chirurgen dem kranken Kind eine bessere Chance für das Überleben zu verweigern.«

Durch den Erfolg sahen sich die beiden Mediziner bestätigt: In vielen der Fälle habe Urban den Eltern der herzkranken Kinder nur eine vorübergehende Schadensbehebung in Aussicht gestellt, die eine zweite oder dritte Operation nach sich gezogen hätte - mit entsprechendem Risiko für das Kind.

Die englischen Ärzte hätten die Korrektur des Defekts dagegen oft beim ersten Mal geschafft. Auch Kinder, die Urban für »inoperabel« erklärt hatte, seien aus der Birminghamer Privatklinik häufig mit erstklassigem Ergebnis zurückgekommen. Der »Operations-Tourismus« ist in der deutschen Kinderherzchirurgie keine Ausnahme. Zum erstenmal in der Geschichte konnten Mediziner Anfang 1993 wenigstens für herzkranke Erwachsene Entwarnung geben. Die Wartezeit für planbare Herzoperationen beträgt in Deutschland nur noch wenige Wochen.

Bei der Versorgung herzkranker Kinder hingegen klaffen gewaltige Lücken. Über 1000 von ihnen wurden im vergangenen Jahr in englische, amerikanische oder Schweizer Kliniken überwiesen und dort operiert.

Die Wartezeiten an den 32 deutschen Zentren, in denen die knifflige Kinderherzchirurgie betrieben wird, betragen »sechs Monate und länger«, wie der Tübinger Experte Gerhard Ziemer erklärt - Verzögerungen, die gerade bei Kindern die Überlebenschancen drastisch verringern können: Embolien oder Lungenhochdruck können jede Hoffnung auf eine rettende Operation zunichte machen.

Die Herzchirurgie bei Erwachsenen und bei Kindern, erklärt der Kaiserslauterer Kardiologe Gerhard Rupprath, verhielten sich zueinander »wie Konfektion und Maßschneiderei« - nur daß die Kinderchirurgen ihre »Maßarbeit zum Konfektionspreis abliefern« müßten.

Angeborene Herzfehler sind die häufigste Fehlbildung des menschlichen Organismus. Etwa jedes hundertste Kind kommt mit einem solchen Defekt zur Welt. Noch vor 50 Jahren waren 80 Prozent der betroffenen Säuglinge und Kleinkinder nicht zu retten.

Heute können die Chirurgen dank verbesserter Operations- und Anästhesietechniken die angeborenen Schäden am Pumpmuskel oft schon in den ersten Wochen und Monaten nach der Geburt beheben. Nur fünf bis zehn Prozent der herzkranken Kinder gelten trotz aller Fortschritte als inoperabel.

Der Aufwand allerdings ist gewaltig. Die meisten Eingriffe an dem walnuß- bis mandarinengroßen Muskel mit seinen dünnen Adern sind äußerst schwierig. Bei Erwachsenen haben es die Chirurgen zumeist nur mit einer begrenzten Zahl von degenerativen und entzündlichen Veränderungen am Herzen zu tun.

Die Vielfalt der angeborenen Herzfehler bei Kindern hingegen ist nahezu unbegrenzt. Gelegentlich sind Kammern, Vorhöfe, Klappen oder Scheidewände bei der Geburt gar nicht oder nur teilweise vorhanden. Nur in vielstündigen Operationen, bei denen es auf die richtige Mischung von Schnelligkeit und Sicherheit ankommt, lassen sich die Defekte soweit reparieren, daß das Herz seine Funktion als Motor des Kreislaufs erfüllen kann.

Über 5500 Kinder wurden in Deutschland 1994 wegen eines solchen angeborenen Herzfehlers operiert. 1200 Kinder stehen derzeit auf der Warteliste für eine Operation.

Doch der Ausbau der Kapazitäten an den meist kleinen Zentren ist schwierig, denn die Kinder-Herzchirurgie ist ein Zuschußgeschäft. Ein erfahrener Chirurg kann bis zu vier Bypass-Operationen pro Tag absolvieren, aber nur eine der viel komplizierteren Operationen am Kinderherzen. Auch Untersuchungen mit dem Herzkatheter sind bei Kindern etwa dreimal so aufwendig und zeitraubend wie bei Erwachsenen. Dennoch zahlen die Kassen für beide Prozeduren denselben Preis (1780 Mark).

Gegen Ende dieses Jahres könnte sich die Situation weiter zuspitzen. Dann seien die Budgets der Kliniken erschöpft, warnten Chirurgen und Kardiologen aus dem gesamten Bundesgebiet bei einem Treffen Anfang Februar in Kassel. »Wenn wir weiterhin der Ausgaben-Deckelung unterliegen, werden wir gezwungen sein, etwa ab Oktober alle anfallenden Operationen im Ausland machen zu lassen«, kündigte der Gießener Kinder-Herzchirurg Friedhelm Dapper an.

An den wenigen deutschen Zentren, an denen das Geld für Operationen am Kinderherz dann noch reicht, könnte es erneut zu katastrophalen Zuständen kommen wie zuletzt Anfang der neunziger Jahre: »Meine Station wird manchmal wegen Pannen und der Hektik auf das Niveau eines Feldlazaretts gedrückt«, klagte damals Hans Henning Hellwege, Chef der Kinder-Intensivstation an der Hamburger Uniklinik.

Dabei verstehen sich die deutschen Kinder-Herzchirurgen aufs Schneiden und Nähen zumeist nicht schlechter als ihre ausländischen Kollegen. Bei den hundertfachen Überweisungen ins Ausland steht vielmehr vor allem ein Faktor im Vordergrund: Es geht schneller. »Anruf genügt«, so Kinderkardiologe Rupprath, »und das hier herumgeschobene Kind hat acht Tage später einen OP-Termin.«

Das freilich ist nur einer Eigenart des englischen Gesundheitssystems zu danken: Vormittags arbeiten die vielgerühmten englischen Chirurgen für einen Hungerlohn in staatlichen Kliniken. Nachmittags verdienen sie viel Geld, indem sie in Privatkliniken Patienten aus dem Ausland operieren. Nicht privatversicherte englische Kinder haben davon wenig: Sie stecken genauso endlos in der Warteschleife wie ihre deutschen Leidensgenossen.

Auch deutsche Ärzte sollen gelegentlich möglicherweise von den Überweisungen ins Ausland profitieren. Auf Kongressen kursieren Gerüchte, daß Kardiologen Provisionen kassieren, wenn sie für Patienten Operationen im Ausland buchen.

Spielraum für solche Mauscheleien wäre vorhanden: Für eine Bypass-Operation an einer Schweizer Klinik zahlen die deutschen Krankenkassen über 50 000 Mark; derselbe Eingriff in Deutschland kostet nur 24 000 Mark. Für eine Kinder-Herzoperation an einem deutschen Zentrum bewilligen die Kassen rund 22 000 Mark, für den Eingriff in Genf, Monaco oder Boston überweisen sie fast dreimal soviel.

Zusätzlich erschwert wird die angespannte Situation durch die aufreibende Konkurrenz zwischen Kardiologen und Chirurgen. Nur selten jedoch eskaliert der Streit so wie im Sankt Augustiner Kinder-Herzzentrum.

Chefchirurg Urban verweist auf seine lupenreinen Erfolge, ausgedrückt durch die niedrige Zahl der Todesfälle: »Unsere Mortalität ist die beste«, rühmt er sich, »wir bekommen aus ganz Deutschland Kinder, weil wir einfach gut sind.« Der Draht zu Brode und Goltz sei nur deshalb abgerissen, weil er erst aus dem OP komme, »wenn die Kardiologen schon zu Hause sind«. Goltz und Brode hingegen werfen Urban Selbstüberschätzung vor und berufen sich auf die Überlegenheit der englischen Chirurgen.

Ende März dieses Jahres sahen sich die Verantwortlichen gezwungen, den Reibereien ein Ende zu machen: Die Johanniter-Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, Trägerin des Klinikums, kündigte dem Kinderkardiologen Klaus Goltz »mit sofortiger Wirkung«. Vier Tage zuvor hatte schon Chefkardiologe Brode den blauen Brief erhalten. Offizieller Grund: Die Mediziner hätten dem Chefchirurgen »Kunstfehler« vorgeworfen und dem Ruf der Klinik geschadet.

Es sei überhaupt nicht zu verstehen, klagte Geschäftsführer Wilhelm Merkenich, daß Goltz »dem in Deutschland absolut anerkannten Chefarzt der Herzchirurgie« habe vorschreiben wollen, »wie welche Eingriffe am Herzen vorzunehmen seien«.

Goltz vermutet andere Motive: Urban, der seit Jahren bei Politikern in Bonn und der Industrie Geld für ein neues Herzzentrum sammelt, sei für den Krankenhausträger schwerer zu ersetzen als die aufmüpfigen Kardiologen.

Die fanden bisher nur bei den Eltern Unterstützung, deren Kinder sie ins Ausland geschickt hatten. Wenige Tage nach dem Rausschmiß demonstrierten 50 aufgebrachte Mütter mit Kindern und Transparenten. »Ein Großteil der Kinder hier«, protestierten sie, »wäre wahrscheinlich nicht mehr am Leben, wenn sie nicht in England operiert worden wären.«

* Demonstration vor der Klinik Sankt Augustin gegen dieEntlassung des Kardiologen Goltz.

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