MEDIZIN Hilfreiches Puzzle
In Raymundo Bacos Schulgepäck fehlten bislang Notizkladden und Kugelschreiber. Der 17jährige Amerikaner, Student im ersten Semester am Haverford College von Philadelphia (Pennsylvania), packte statt dessen am Anfang jeder Stunde sein Fernglas aus.
Mit dem Glas suchte er Formeln und Texte an der Tafel zu erspähen und diese ebenso wie die mündlichen Erläuterungen der Lehrer in seinem Gedächtnis zu speichern. Zu Hause konnte er Schulbücher und Zeitungen nur lesen, wenn er den Text zentimeterdicht vors Gesicht hielt.
Der 17jährige mit einem angeborenen Pigmentmangel (Albinismus) und einer -- damit fast stets verbundenen -- extremen Schwachsichtigkeit stand bisher auf der Schattenseite. Er gehörte zu den rund anderthalb Millionen Amerikanern, die nach den Gesundheitsrichtlinien als »arbeitsunfähig« (mit zehn Prozent verbliebener Sehkraft) oder (bei zwei oder weniger Prozent Sehkraft) als »teilweise blind« eingestuft werden.
Seit Montag letzter Woche ist der gebürtige Puertorikaner aus dem Kreis der Sehbehinderten ausgeschert. »Oh, wow!« rief er, als er durch die Linsenkombination einer monströs aussehenden Spezial-Brille auf eine augenärztliche Prüfkarte blickte.
Zur Verblüffung der rund 200 Zuschauer, denen im Pennsylvania College of Optometry die neuartige Sehhilfe vorgeführt wurde, las Raymundo die Zahlenkolonnen korrekt und ohne Zögern ab.
»Die Sehfähigkeit dieses Patienten«, erläuterte Doktor Richard Brilliant, 30, Chef der Abteilung Seh-Rehabilitation in Philadelphia, »wird durch die neuartige Brille um 600 Prozent verbessert, sein Sehfeld -- verglichen mit dem engen, beschränkten Tunnelblick durch ein Fernglas -- sogar um 800 Prozent erweitert.«
Das »phantastische Gerät« (Patient Raymundo) ist eine Entwicklung des New Yorker Augenarztes William Feinbloom, 77. Seit Jahren kümmert sich Feinbloom um Sehhilfen für extrem Schwachsichtige, deren Behinderung angeboren ist (Albinismus) oder durch Unfälle oder durch Krankheit wie nicht operable Linsentrübungen (Katarakte) verursacht wird.
Schon vor drei Jahren hatte Feinbloom für solche Patienten eine sogenannte Fernglas-Brille erfunden, in die Miniatur-Teleskope anstelle der herkömmlichen Gläser eingesetzt waren; eine stark vergrößernde Fernsicht wurde so ermöglicht.
Nachteil der Fernglas-Brille: Das Sehfeld blieb auf etwa zehn Grad beschränkt. Um einen Eindruck von der Umgebung zu erhalten, mußte der Träger seinen Kopf ständig hin und her bewegen.
Bei der Entwicklung der nunmehr verbesserten Sehhilfe »stand das Auge der Honigbiene Pate«, wie Erfinder Feinbloom letzte Woche erläuterte.
Das Netzauge von Bienen und anderen Insekten ist zwar starr, kann aber dennoch ein vergleichsweise weites Blickfeld erfassen. Der Trick: Die Insektenaugen bestehen aus einigen tausend Einzellinsen, deren optische Achsen jeweils unterschiedlich ausgerichtet sind. Die zahlreichen Linsen liefern entsprechend viele Einzelbilder, die sodann vom Nervenapparat der Insekten nach Art eines Puzzles zusammengesetzt werden.
Feinbloom löste gleichsam drei Linsen aus dem Bienenauge heraus und placierte sie in die obere Hälfte seiner neuen Brille. Den unteren Teil bildet ein herkömmlich geschliffenes Glas, das dem Träger die Nahsicht auf Hindernisse wie etwa Bordsteinkanten ermöglicht.
Die drei oberen Linsensysteme vor jedem Auge bestehen -- wie hochwertige Kameraobjekte -- aus bis zu vier einzelnen Elementen. Den beiden äußeren Linsensystemen sind zudem Prismen vorgesetzt, so eröffnet sich jeweils ein Sehfeld von 20 Grad.
Die Linsenkombinationen sind -- aufgrund von Computerberechnungen -so angeordnet, daß die optischen Achsen im Zentrum der Pupillen-Drehung zusammenlaufen: Es entsteht eine Art Sammelbild, das dem vom normalen Auge Wahrgenommenen weitgehend entspricht.
»Da die Abmessungen eines jeden Auges individuell verschieden sind«, so Augenarzt Brilliant, »muß jede Brille einzeln vermessen und angefertigt werden.« Veranschlagte Anpassungszeit: vier Tage.
Trotz der Verwendung leichter Plastiklinsen wiegt Feinblooms »Bienen-Brille« noch rund 210 Gramm, etwa viermal soviel wie eine Normalbrille. An 150 Patienten hat Brilliant das System in den vergangenen zwölf Monaten am College of Optometry getestet. Die Erfolgsquote wird auf 84 Prozent beziffert. Den übrigen Patienten, so erläuterte Augenarzt Brilliant, sei die Brille »zu schwer, zu unförmig oder zu teuer« gewesen. Der Preis für die Einzelstücke: zwischen 3000 und 6000 Dollar.
An den Kosten lasse sich »vorerst nichts ändern«, erklärte Brilliant, eher schon am Aussehen. Eine Art Sonnenschutz läßt sich über die sechs Stielaugen der Brille stülpen, die dann kaum anders aussieht als der Augenschutz eines Skifahrers bei Schußfahrt.
Rund 800 Exemplare wurden schon von den früheren Modellen der Teleskop-Brillen in Philadelphia während der letzten drei Jahre angepaßt. Einen ähnlichen Erfolg sieht Augenarzt Brilliant auch für die neue »Bienen-Brille« voraus.
»Seit vergangenem Montag«, so der Arzt, »gleicht unser Institut einem Tollhaus.« 450 Anrufer täglich baten letzte Woche um Informationsmaterial oder wollten sich gleich zur Verschreibung .
Unter den Interessenten waren allerdings auch viele, »denen wir«, so Brilliant, »nun ganz bestimmt nicht helfen können« -- Blinde oder Schwachsichtige, deren Restsehkraft unter zwei Prozent liegt und damit so gering ist, daß sie nur noch Schatten wahrnehmen.