Hoch am Wind - DER SPIEGEL
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SCHIFFBAU Hoch am Wind

Im südenglischen Southampton lässt der amerikanische Multimillionär Joe Vittoria eine Segelyacht der Superlative bauen - als Spielzeug für die Superreichen.
Von Stephan Zimprich
• aus DER SPIEGEL 49/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als ein guter Freund kürzlich mit der Höchstgeschwindigkeit seiner neuen Motoryacht prahlte, konterte Joe Vittoria mit einer Wette: von Monaco nach Cannes, Motor- gegen Segelboot, Pferdestärken gegen Windkraft. Nur eine Bedingung stellte der Amerikaner: Es müssen Gäste an Bord sein.

»Seine Motoryacht wird bei hohem Tempo so hart auf die Wellen schlagen, dass sich die Gäste übergeben«, prophezeit Vittoria. »Er wird zurückschalten müssen - und wir werden so ruhig an ihm vorbeiziehen, dass wir mit einer Tasse Kaffee in der Hand an der Reling stehen können.«

Die Segelyacht, die dem turbinengetriebenen Gegner die Grenzen aufzeigen soll, wurde am vergangenen Mittwoch in Southampton zum ersten Mal zu Wasser gelassen. Die »Mirabella V«, geschätzte 100 Millionen Dollar teuer, strotzt nur so von Superlativen: Der neuseeländische Yacht-Designer Ron Holland und die südenglische Werft Vosper Thornycroft entwarfen für den Amerikaner ein Schiff, das größer, höher und komfortabler ist als alles, was bisher existierte. »Ich wollte eine Segelyacht, die schneller als 20 Knoten fährt, hoch am Wind segeln kann und den Gästen den Luxus bietet, den sie von zu Hause gewohnt sind«, erläutert Vittoria.

Mit über 75 Meter Länge wird das neue Spielzeug des Ex-Chefs der Autovermietung Avis der mit Abstand größte Einmaster der Welt sein - 27 Meter länger als der bisherige Rekordhalter, die in Neuseeland gebaute Slup »Georgia«. Noch deutlicher wird der Unterschied beim Gewicht: Die »Mirabella V« wird fertig aufgeriggt, also unter voller Besegelung, um die 740 Tonnen wiegen, die »Georgia« bringt es nicht einmal auf die Hälfte. Fast alle Teile des Hightech-Kolosses mussten völlig neu entwickelt werden. Mannshohe, bis zu 1,2 Tonnen schwere Elektrowinschen sollen bis zu 4538 Quadratmeter Segelfläche in Schach halten, eine Hydraulik den 150-Tonnen-Kiel sechs Meter in den Rumpf hineinziehen und so für hafengerechten Tiefgang sorgen.

Einige Häfen wird die »Mirabella V« dennoch niemals anlaufen können: Mit fast 90 Meter Masthöhe haben weder die Erbauer des Panamakanals noch die Konstrukteure der Brücken in San Francisco oder New York gerechnet.

Die technischen Risiken der Gigantomanie sind enorm. Allein auf dem Mast lasten bis zu 450 Tonnen - so viel wie acht »Leopard 2«-Panzer. Was passiert, wenn das Kohlefaser-Teil unter der Belastung bricht, mag sich niemand vorstellen. Stephan Semmerling, Yacht-Consultant mit langjähriger Erfahrung, hält das Projekt denn auch für unkalkulierbar: »Keiner weiß, welche Kräfte in dieser Höhe auf das Segel wirken. Das ist technischer und optischer Größenwahn.« Den Konstrukteur Ron Holland lässt die Kritik kalt: »Wir haben das beste Team, die modernste Technik und die erfahrensten Zulieferer. Es wird klappen.«

Das sollte es auch: Reißt eine der mit bis zu 38 Tonnen belasteten Schoten, würde das zurückschlagende Seil einen Menschen ohne weiteres durchtrennen. »Ron Holland ist ein mutiger Mann«, bemerkt Semmerling dazu.

Für Vittoria ist die Größe auch Mittel zum Zweck: »Der Schlüssel im Chartergeschäft ist, dass die Frisuren der Damen adrett und trocken bleiben. Das erreichst du nur, wenn die Deckenhöhe stimmt und du ein überdachtes Beiboot hast.« Das befindet sich in einer Garage im Heck des Schiffes; ein Kran hebt den neun Meter langen Tender ins Wasser. Allzu große Angst vor frisurschädigendem Wetter muss auf der »Mirabella V« indes niemand haben: Im europäischen Winter wird sie in der Karibik unterwegs sein, im Sommer im Mittelmeer.

Für 250 000 Dollar Chartergebühr pro Woche gibt es dann auch allerlei Spielzeug für das Kind im betuchten Mann: zwei Jet-Ski, vier »Laser«-Jollen, zwei Schlauchboote mit Außenborder, Kajaks, Tauchausrüstungen und sogar zwei ferngesteuerte Mini-Mirabellas im Maßstab 1 : 50. Weniger wassersportbegeisterte Gäste kämpfen derweil in der Sauna oder im Freiluftkino gegen die luxuriöse Langeweile: Auf dem Skydeck kann eine Leinwand hochgezogen werden, der Sound kommt aus kabellosen Kopfhörern.

Die weniger wohlhabenden Millionäre können sich immerhin mit einem Kunstdruck der »Mirabella V« trösten. Der wird ebenfalls von Ron Holland vertrieben und ist, in limitierter Auflage, schon für 1600 Euro zu haben. STEPHAN ZIMPRICH

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