SEXFORSCHER Höchste Wonnen
Marcus Wawerzonnek, 32, hätte es zweifellos in vielen Berufen zu etwas bringen können: »Ich habe eine sehr wohlklingende Stimme, überhaupt nicht schrill, zwei sehr freundliche Augen und ein insgesamt sehr angenehmes Äußeres.«
Zusätzlich ausgestattet mit vielen Büchern und einem Computer, hat der promovierte Pädagoge seine Gaben in ein außerordentlich erfolgversprechendes Gewerbe eingebracht: Wawerzonnek ist »Forscher und Therapeut« in Fragen der Sexualität.
In dem artenreichen Biotop des heutigen Psycho-Kults ist Wawerzonnek der Mann, der unübersehbar stark im Kommen ist. Aus Zeitschriften, die sich an den modern gestylten Menschen und seine sexuellen Nöte wenden, ist er nicht mehr wegzudenken: Im »Wiener« und in »Petra« treibt er es. Bei »Tempo« ging er in die vollen und verhieß Frauen mitten im Aids-Zeitalter das Wunderland der multiplen Orgasmen: »in einer Stunde 30 bis 50«. Meßlatte für Männer: »bis zu 15«. Bedingung: »das richtige Bewußtsein«.
Für den Rowohlt-Verlag schreibt Wawerzonnek an zwei sexualwissenschaftlichen Büchern, seit Beginn dieses Jahres läßt ihn auch der private Fernsehsender Sat 1 regelmäßig als Sexualberater in der neuen Frühstückssendung ran. Vor kurzem stellte ihn das Kölner Massenblatt »Express« in einer Serie über moderne Sexforschung als »neuen Sex-Papst« vor.
Der Ruhm des neuen Medienstars basiert in erster Linie auf seinem 16-Seiten-Papier über das »Sexuelle Lustmangel-Syndrom«, kurz SLM genannt. Die Symptome der Kürzel-Krankheit faßte die Frauenzeitschrift »Petra« unter der Überschrift »Nicht heute nacht, Liebling« zusammen.
Für die New Yorker Psychosexualtherapeutin Helen Singer Kaplan, die den Lust-Defizit schon seit den siebziger Jahren nachspürt, ist es ein altes Leiden: Neu ist nur, daß die Betroffenen sich mit dem sexuellen Entzug nicht mehr abfinden wollen, sondern nach Hilfe und Information suchen.
»Bei mir liegen diese Menschen richtig« - diesen Anschein erweckt Wawerzonnek mit seiner Untersuchung »der psychologischen Gründe für diese Form des menschlichen Verhaltens«. 600 Personen im Alter von 18 bis 40 Jahren habe er in mündlichen Interviews dazu befragt, seine Erhebung sei damit allen anderen weit überlegen.
Wie er allerdings sein medienwirksames Werk geschaffen hat, bleibt im dunkeln.
Wie er an die Befragten herangekommen ist und wie er sie ausgewählt hat, möchte er nicht mitteilen: »Das ist ein wunder Punkt.« Fest steht für ihn: »84 Prozent der Frauen in der Bundesrepublik haben nicht immer Lust, bei den Männern sind es 53 Prozent.«
Damit das anders wird, hat der Sexologe über die »Intensitätssteigerung im sexuell-emotionalen Bereich« gearbeitet. Heraus kam, was »Tempo« als »einen Crash-Kurs für den Superknall im Bett« anpreist: der achte Himmel, machbar, subito und ganz hienieden.
Besonders bemerkenswert: Wawerzonnek hat sein Privatleben einsatzfreudig dem Forscherdrang zur Verfügung gestellt. Mit drei der sieben Frauen, auf deren Berichte die Hochleistungsstudie basiert, teilt er eigene Erfahrungen und Erlebnisse. Die Freundinnen erzählen aus tausendundeiner Nacht, wie Wawerzonnek - in den Aufzeichnungen als »X.« ausgewiesen - ihnen zu den höchsten Wonnen verholfen habe.
Der ganzheitliche Chef des »Instituts für interdisziplinäre Sexualforschung« (Ifis) hat »die Macht über mich, über meinen Körper«, schreibt eine der Probandinnen, »er kann mich mitten im schönsten Orgasmus 'hängenlassen', und ich denke, ich werde gleich wahnsinnig vor Lust, um mir im nächsten Moment den Rest zu geben«.
Zu einer derart »positiven Sexualität«, lehrt der Orgasmologe Wawerzonnek, könne freilich nur kommen, wer mit seinem Partner in umfassender Liebe verbunden sei. Was dazu alles gehört, hat er penibel in einer Checkliste festgelegt, die er herunterrasselt wie ein Ministrant das Vaterunser: »Innigkeit, Geborgenheit, Zärtlichkeit, entdeckende Zärtlichkeit, Zulassen aller Formen der Erregung, das Einlassen auf Macht und Ohnmacht, Ekstase und Wollust«.
Alles leicht zu lernen, sagt Wawerzonnek und repetiert sein Patentrezept: »Jeder Mensch kann sich jederzeit neu konstruieren, wenn er sich nur einer rationalen Steuerung bedient.«
Elf Tugenden seien für die glorreiche Wiedervereinigung von Lust und Liebe, die alle dunklen Seiten der menschlichen Sexualität ausblendet, zu mobilisieren: »Offenheit, Ehrlichkeit, Angstreduzierung,
Reflexion, Selbstreflexion, Mündigkeit im Kantschen Sinne, Verantwortlichkeit, Toleranz, Kritikfähigkeit, Begeisterungsfähigkeit, Aufmerksamkeit«. Was fehlt in diesem Sortiment der hohen Ideale, sind lediglich die A-Note für die technische Ausführung und die B-Note für den emotionalen Ausdruck.
Wie verblüffend der Begriffsakrobat seinen Computer mit Daten speist, die er dann als wissenschaftliches Werk ausgibt, belegt ein Beispiel aus den abseitigeren menschlichen Gelüsten.
Unter dem Stichwort »Amputophilie« publizierte Wawerzonnek einen Artikel in den Hamburger »St. Pauli Nachrichten«. Die Liebhaber von Sex mit versehrten Menschen schrieben prompt einige Leserbriefe. Wawerzonnek war an neues Basismaterial für eine Studie gelangt, die ihm keiner nachmacht.
Ständig zwischen Forschung und Anwendung hin und her pendelnd, will der Selfmade-Therapeut in sieben Jahren die sexuellen Störungen von 2000 Frauen und Männern »erfolgreich behandelt« haben. »Begeisterte Rückmeldungen« hätten ihm das bestätigt.
Er rühmt sich, unverzüglich das Vertrauen jedes psychisch und sexuell Derangierten zu gewinnen. Ohne langes Vorspiel gelange er zu der im Klientenkopf festgehakten »irrealen Konstruktion«, die jene Angst auslöse, die der Lust im Wege steht. Wenn's hoch käme, brauche er ein paar Stunden, bis mit Hilfe eines »Verstehensprozesses« die »irreale« durch eine »reale Konstruktion«
ersetzt und die Therapie beendet sei - ein Sekunden-Quickie, gemessen an der Geduld und Behutsamkeit, die seriöse Therapeuten bei den in aller Regel psychisch verursachten Sexualstörungen für unabdingbar halten.
Eberhard Schorsch, Chef des sexualwissenschaftlichen Instituts der Universität Hamburg, hofft nur, »daß keine ernsthaft gestörten Patienten in die Therapiefalle von Ifis geraten«.
Die Geschwindigkeit, mit der Wawerzonnek seine Patienten entsorgt, mag ihren Grund auch in seinen Preislisten haben. Bei 120 bis 200 Mark pro Stunde könnte andernfalls die Kundschaft eh wegbleiben. Noch lukrativer ist wohl seine Kooperation mit den Medien, die er mit maßgeschneiderten Portionen seiner fragwürdigen Untersuchungsergebnisse zum auflagefördernden Thema »Sex und Liebe« bedient. Beim »Wiener« arbeitete Wawerzonnek ein paar Monate für ein festes Honorar. Dann hatte sich sein Ruhm so weit herumgesprochen, daß er die Geheimnisse seines Computers seither freihändig verkauft. Ein Knopfdruck, und schon steht beispielsweise eine Zahl zur Verfügung, wie viele Männer es sich selber mit dem Mund machen.
Der zweisprachige Briefkopf seines 1979 gegründeten »Instituts für interdisziplinäre Sexualforschung« erweckt den Eindruck, daß eine wissenschaftliche Großmaschinerie am Wirken sei: »Verlag für Sexualwissenschaft, Zeitschrift für Sexualwissenschaft, Datenbank, Bibliothek und Archiv, Recherchen, Therapie und Beratung, Pressereferat«.
Der Schein bestimmt des Institutsleiters Bewußtsein: Von, neuerdings, ein paar Hilfskräften abgesehen, verbirgt sich hinter der Fassade das Ein-Mann-Unternehmen Wawerzonnek, untergebracht in seiner großzügigen Wohnung.
Zwar erkennen auch seine Kritiker an, daß die Bibliothek reichhaltig mit wertvollen Bänden bestückt ist. Aber generell stapelt er das Seinige so dekorativ hoch, daß vielen entgeht, wie schräg das ganze Unternehmen ist. Seine Zeitschrift etwa besteht lediglich aus einem Vorwort des Meisters mit einem Bücherverzeichnis zum Thema Sexualität. Das unvollendete Blatt erfüllt einen nützlichen Zweck: Verlage, denen Wawerzonnek eine Buchbesprechung verspricht, schicken gern ihre neuesten Werke.
Jene 40 »intensiv geschulten Interviewer«, die, ausgestattet mit einem »offenen, menschenfreundlichen und interessierten Charisma«, in ganz Deutschland angeblich in seinen Diensten stehen, sind seltsam blutarme Wesen. Leibhaftig sind sie nicht zu Gesicht zu bekommen. Wer sich nach ihnen erkundigt, wird abschlägig beschieden: »Das geht nicht, das müssen Sie verstehen.«
Im Windkanal des Zeitgeistes haben sich bei Orgiastiker Wawerzonnek, ganz interdisziplinär, Wahrheit und Sexualität einander angenähert: Alles ist eine Frage des schnittigen Bewußtseins.