MEDIKAMENTE Immer essen
Für alle Mitglieder des Fett-Set die täglich an der eigenen Front kämpfen, gibt es zwei Nachrichten: *___Die gute ist, daß eine Reihe von Pharmafirmen an der ____Pille zum Ab nehmen arbeitet; vier verschiedene ____Präparate werden derzeit an Mensch und Tier erprobt - ____mit recht ermuti genden, teilweise sogar außerordent ____lich guten Ergebnissen, so versichern zumindest die ____Hersteller. Ein Präpa rat ist in Frankreich schon auf ____dem Markt. *___Die schlechte ist, daß es die Diät Pille, vor allem die ____ohne Nebenwir kungen, wohl niemals geben wird. Denn zu ____komplex sind die Ursachen zu vielfältig die ____körperlichen und see lischen Auslösemechanismen, die ____Menschen zu übermäßiger Nahrungs aufnahme veranlassen.
Trotzdem suchen die Wissenschaftler in den Labors der Pharma-Unternehmen seit Jahrzehnten ebenso unbeirrt nach dem Wundermittel wie weiland die Alchimisten nach dem Stein der Weisen. Denn die Pille, die den Willen zur Mäßigung ersetzte, wäre ein Milliardengeschäft. »Alles essen, immer essen, ohne dick zu werden«, nichts sehnlicher wünschte sich etwa der österreichische Heldentenor Leo Slezak, der mit einer Leibesfülle von so um die 250 Pfund gesegnet war.
Der Pharma-Multi Hoffmann-La Roche erprobt derzeit einen Wirkstoff, der das Hungergefühl unterbinden soll, indem er die Passage der Nahrung durch den Darmtrakt verlangsamt - wodurch freilich auch mehr Kalorien aus dem Nahrungsbrei absorbiert werden. Testratten jedenfalls hätten, beharrte die Biochemikerin Ann Sullivan, nach Gaben des neuen Mittels weniger gefressen.
»Eine ziemlich kraftvolle Schlankheits-Wirkung« hätten auch zwei andere Mittel gezeigt, die derzeit bei Hoffmann-La Roche getestet werden - das eine habe bei Ratten die Tendenz zum Fettansatz verringert, das andere den Abbau des Speckranzens beschleunigt. Allerdings, gestand Expertin Sullivan, »befinden sich diese Medikamente in einem frühen Stadium der Erprobung«.
Sie hingegen, so behaupten die Wissenschaftler der amerikanischen Pharmafirma Eli Lilly, seien schon einen Schritt weiter auf dem Königsweg zum problemlosen Abnehmen. Aus ihren Labors stammt ein Antidepressivum mit dem Hauptwirkstoff Fluoxetin; bei dessen Test habe sich zum Erstaunen der
Experten herausgestellt, daß die Probanden nicht nur fröhlicher, sondern nebenbei auch dünner wurden.
Da das Lilly-Medikament schon an Menschen erprobt wurde, gab es - anders als bei den Roche-Rattenversuchen - auch erste Klagen über Nebenwirkungen der Dünnmacherpille: Kopfschmerz, Schwindel, Übelkeit und Angstgefühle.
Trotz solcher Begleiterscheinungen handle es sich um »ein bemerkenswertes Ergebnis, da Antidepressiva normalerweise eine Gewichtszunahme zur Folge« hätten, fand der Pharmakologe John Feighner von der University of California.
So neu freilich, wie Lilly vorgibt, ist die Kenntnis der diätetischen Wirkung des Fluoxetin nicht. Schon vor neun Jahren hat das Forscherpaar Richard und Judith Wurtman vom Massachusetts Institute of Technology beschrieben, weshalb und wie Fluoxetin im Organismus wirkt. Die beiden vermuteten, daß Fluoxetin-Gaben einen ähnlichen Effekt haben wie das Essen von kohlehydratreicher Kost: Beides erhöht den Ausstoß des Botenstoffes ("Neurotransmitter") Serotonin, der für den Signalfluß zwischen den Nervenzellen mit verantwortlich ist. Deshalb klagen Patienten mit niedrigem Serotonin-Spiegel häufig über Depressionen und Müdigkeit.
Die Wurtmans glauben daher, daß die Abspeck-Wirkung des Fluoxetin vornehmlich darin besteht, daß es den Traurigen und seelisch Beladenen den Zwischendurch-Hunger nach kohlehydratreichen Dickmachern wie Schokoladenriegel, Kekse und Süßspeisen nimmt, die sie sonst als Stimmungsaufheller einschieben, um so ihren Serotonin-Spiegel und damit gleichzeitig ihre Seelenlage zu heben.
Dies freilich würde bedeuten, daß die Mehrheit der Dicken, die frohen Herzens frißt aus lauter Spaß am Genuß sich von dem Wirkstoff Fluoxetin keinerlei erleichternde Wirkung versprechen darf. Gleiches gilt auch für die sogenannten »guten Futterverwerter«, die jede überflüssige Kalorie in Fett um- und ansetzen (statt sie, wie es bei den schlechten Futterverwertern der Fall ist, als Wärme zu verbrennen).
Derzeit testet Lilly das Medikament an 1000 Patienten, die in amerikanischen Diät-Kliniken dem Idealgewicht entgegendarben. Wenn die Studie abgeschlossen ist, plant die Pharmafirma, das Medikament unter dem Markennamen »Prozac« auf den Markt zu bringen - freilich nicht als Mittel zum Abnehmen, sondern als Antidepressivum.
Dieser Umstand hat die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA bislang veranlaßt, dem Medikament die Marktzulassung zu verweigern. Denn nachdem die Lilly-Manager ihr Präparat durch geschickt orchestrierte Öffentlichkeitsarbeit mit dem Versprechen auf Gewichtsabnahme ohne Hungern in Verbindung gebracht haben, fürchten die Pharma-Aufseher, daß genau das eintritt, worauf das Unternehmen offensichtlich spekuliert: Von ihren Patienten dazu aufgefordert, sollen die Arzte das Antidepressivum (das als solches auf dem Markt nur einer von vielen Stimmungsaufhellern wäre) in großem Stil als Schlankheitsmittel verschreiben.
»Jede Arznei für eine Therapie von Übergewicht muß jedoch extrem sicher sein, denn der Patient nimmt sie Jahre und Jahre ein«, so der Ernährungswissenschaftler
Wayne Callaway von der George Washington University.
In Frankreich hingegen wird seit dem Frühjahr dieses Jahres ein Medikament namens »d-Fenfluramin« (Hersteller: Servier) als Anti-Fett-Mittel verkauft, dessen Wirkweise angeblich dem von Prozac ähnlich ist. Bei dem Präparat handelt es sich freilich um nichts anderes als um einen Appetitzügler, der in der Bundesrepublik unter dem Namen »Ponderax« verkauft wird.
Dennoch berichtet eine an der britischen University of Leeds durchgeführte Studie, daß sich die Kalorienaufnahme von Menschen nach Fenfluramin-Gaben um rund 20 Prozent verringert habe. »Viele der Testpersonen waren viel früher satt«, beobachtete der Test-Leiter John Blundell.
Also doch Hilfe für die Millionenschar der Gequälten, die sich im Monat öfter auf die Waage stellt als Juhnke besoffen auf die Bühne? Mitnichten. Denn eine Reduzierung der Kalorienaufnahme um etwa 20 Prozent führt - und das ist die Krux allen Abnehmens- bei Beleibten allenfalls zum Verlust von ein paar Kilogramm; dann stagniert das Gewicht mit frustrierender Hartnäckigkeit.
Schuld daran ist ein aus grauer Vorzeit ererbter Überlebensmechanismus des Organismus, der einst das Aussterben der Art durch Nahrungsmangel verhindern sollte, vom Menschen der Überflußgesellschaft freilich eher als Hinterfotzigkeit empfunden wird: Bei verminderter Kalorienzufuhr stellt sich der Stoffwechsel schnell auf die veränderte Ernährungssituation ein und verringert seine Energiebedürfnisse entsprechend - bei Extrem-Diäten auf bis zu 1200 Kalorien (durchschnittlicher »Grundumsatz« von Menschen mit sitzender Tätigkeit: 2500 Kalorien); jeder Bissen über dieser Hungerleider-Marge führt unweigerlich zur Gewichtszunahme.
So wird wohl auch in Zukunft die diätetische Grundweisheit gelten, die wiederum Leo Slezak so formuliert hat: »Das Abnehmen kann einem keiner abnehmen.«