Isch bin jetzt mal Icke - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 31 / 35

Isch bin jetzt mal Icke

Die Suche nach dem eigenen Ich: Seit das Fernsehen seine Hemmungen abgelegt hat, ein anstrengendes Spiel. VON NIKOLAUS VON FESTENBERG
Von Nikolaus von Festenberg
• aus SPIEGEL Wissen 1/2009
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Titel der Sendung fragte in aller Unschuld: »Was bin ich?« Vier Ratefüchse lösten meist das Menschheitsrätsel. Schäfer, hieß eine Antwort, Klavierstimmer, Kammerjäger. Der Mensch der frühen Fernsehjahre war sein Beruf. Was denn etwa noch?

Der Beruf war etwas Vorzeigbares. Das meiste andere nicht. Der Ratefuchs durfte keine Fragen stellen wie: Bist du auch Muttersöhnchen, Vollsadist, bisexuell, Feuchtgebietler, Gummifetischist, romantischer Infantilist?

Das »unsichtbare Selbst«, von dem laut Kant die Suche nach dem moralischen Gesetz ausgehen sollte, lag im Dunkel, das Thema Selbstverwirklichung hatte man im soziologischen Hauptseminar kaserniert. Ich, so dachte die Volksmeinung, sagten gern Störenfriede, Kriegsdienstverweigerer, Ludwig Erhards »Uhus«, die Dufflecoats tragenden »Ohnemichels« und später die skandalösen Selbstbezichtigerinnen: Ich habe abgetrieben.

Die Fernsehdramaturgie hatte das Ich noch nicht freigelassen. Wer bei den »Hesselbachs«, den »Unverbesserlichen« den Weg zu sich selbst gehen wollte, der musste erst am hessisch bramarbasierenden Babba, an der weinerlich gluckenden Mutter Käthe vorbei. Keine leichte Sache, denn die Elterntiere der fünfziger, sechziger und frühen siebziger Jahre hatten ja so viel durchgestanden, wofür man kein couragiertes Ich gebraucht hatte, sondern Anpassung.

Es gab im Normalfernsehen nicht viel für die Ichbildung zu spiegeln. Der Diskurs über die Nachtseiten des Menschen war etwas für die von den Redakteuren verordnete Hochkunst, deren Besichtigung Mutter empfahl, während der Vater einschlief und die Kinder den Flunsch der Gelangweilten zeigten.

Dem rätselhaften Ich konnte man nur ahnungsweise näherkommen, wenn man der Lautung der deutschen Stämme nachlauschte. Isch, hessisch, pfälzisch, kölsch, klang nach dem Säuselwind heimatlichen Aufgehobenseins. Nach Bütt, nach Millowitsch, nach dem Hesselbachschen »Lehrbub«. Leistungsträger, Liebeskanonen und Stars von jenseits des Volkstheaters durften nicht Isch sagen, erst viel später wieder, als ein Hape Kerkeling mit seiner postmodernen »Witzischkeit« daran erinnerte, dass so etwas wie Humor in Deutschland ein erdiges Wurzelwerk hat.

Plattdütsches Ik rief Schellfisch und die Ohnsorg-Heidi-Kabel auf, das bayerische »I« (etwa als Subjekt vor einer mit »mog di« endenden Liebeserklärung) das innere Gebirge im deutschen Menschen. Und Günter Pfitzmanns oder Edith Hanckes »Icke« aktivierten im Zuschauer, dass Großmäuligkeit manchmal auch nützt. Aber das waren kaum mehr als landsmannschaftliche Gehhilfen, auf denen man nicht sehr weit kam bei der Frage nach Identität.

Die Diskussionskultur jener Jahre zielte auf Konsens. Die paffenden Herren des »Internationalen Frühschoppens« waren nicht immer einer Meinung, es gab Querköpfe wie Don Jordan, den Amerikaner, oder erste Frechdachse, die die Sache der arabischen Welt unterstützten. Aber es funktionierte zugleich ein Mechanismus, der die Welt im Namen von Werner Höfer, dem Rauch aus Zigarren und dem gereichten Weißwein unerbittlich zusammenfügte. »Wir diskutieren zu Hause nicht«, sagte allen Ernstes in den Sechzigern ein Mensch aus dem Ruhrgebiet in die Kamera, »wir sind sowieso alle anderer Meinung.«

Erst '68 versetzte die mediale Ichbildung in Schwingungen. Rudi Dutschkes autistisch-hermetischer Singsang, die Theorielitaneien der SDS-Vertreter brachten in der BRD zum Bewusstsein, dass es nicht nur darauf ankommt, was gesagt, sondern auch wie es gesagt wird. Plötzlich war von Sprechakten die Rede, man verwendete Ausdrücke wie: Ich meine, ich gehe davon aus, ich sehe das von diesem Standpunkt aus, ich stelle das in folgenden Zusammenhang.

In Sprache verbirgt sich Gewalt, hieß es. Das öffentliche Reden sperrt dein Ich aus. Deine Traumata. Deine Defizite. Deine Bildungsmängel. Trau dich. Bringe dich ein. Kommunikative Kompetenz fungierte als Letztbegründung der Wahrheit.

Diese rhetorisch inspirierte Aufklärung erhob den öffentlichen Diskurs zum Befreiungsort, der von den Inszenierungen der Mächtigen freigehalten werden musste. Es schlug die Stunde der Authentizität. Wer die Weisheiten über sich selbst am elegantesten in Bekenntnisse hüllen konnte, ging als Sieger vom Platz. Begrifflose Bewunderung für die 68er-Helden und deren Thesen erhob noch die schlichteste Ich-Geschichte in den Rang berechtigter Gesellschaftskritik. Es war der historische Moment für die Frechen, für alle, die sich durch das bessere Argument nicht mehr bremsen lassen wollten. Das blieb nicht ohne Folgen für die Ichbildung und die Wirkung des Fernsehens.

Die Talkshow kam ins Programm. Ein von jeder Konsenssuche befreites Treiben. Nach schüchternen Anfängen mit Dietmar Schönherr und Vivi Bach entstanden Peepshows penetranter Ichdarstellung. Die Privaten liebten diese Schlachthäuser der Selbstzerfleischung: Sie waren billig, sie hatten Quote, sie erlaubten den Rückzug der TV-Verantwortlichen aus Moral und Wertehaltung in die Rolle des Impresarios, der die Bühnen für das Bedürfnis nach Voyeurismus bereithält. Das Publikum eroberte das Medium. Der beleidigende Egowahnsinn stürmte vor die Kamera.

»Ich finde dich zu fett« oder »Ich finde dich einfach Scheiße«, hieß es schamlos und ungalant, und die Antwortenden zahlten in der Münze der Gleichgültigkeit zurück: »Na und. Ich bin fett. Ich bin trotzdem ich.«

Blödsinn? Medienschrott? Die Wirkung solcher medialer Darbietung besteht. Die Zuschauer, bemerkte der Bielefelder Systemtheoretiker Niklas Luhmann, »müssen zwischen drinnen und draußen oszillieren, und dies so wie in einer paradoxen Situation: schnell, fast ohne Zeitverlust und unentscheidbar«. Der Konsument lernt dabei nichts über sein wahres Selbst. Aber er lernt die Phraseologie der Selbstdarstellung.

Er lernt beispielsweise, dass sich Egoimagos gut verkaufen lassen, wenn man die Kunst der Selbstmoralisierung beherrscht. Ich bin gegen Fleischverzehr, gegen Umweltvergiftung, gegen Frauenunterdrückung, gegen Machismo, gegen die Überbewertung körperlicher Reize, gegen den Krieg sowieso, gegen Sucht, gegen Suchtbekämpfung. Talkkultur lockt Bigotterie hervor oder Sündenstolz oder altkluge Abgeklärtheit. Das Talk-Ich spaltet alles Unergründete ab. Der Mensch muss cool erscheinen, blind für eigene Widersprüche.

Das Medium verlangt außerdem Eindeutigkeit. Entweder armes Würstchen oder großer Knacker. Schüchtern oder Großmaul. Der Talk und sein Showbiz trainieren alles weg, was nach Selbstzweifel, nach Lernen aussieht, nach Verwandlung durch Argument.

Auch die Fiktion verbreitet nach dem Ende des Belehrungsfernsehens neue Ich-Entwürfe. Ältere TV-Krimis waren noch ganz auf den Plot konzentriert. Man kann sie mit lateinischer Grammatik vergleichen. Da verschmilzt das Subjekt mit dem Verb, mit der Endung des Verbs. Das heißt, einer ist nur dann ein Ich oder ein Du oder ein Er, wenn er etwas tut. Erik Ode, Hansjörg Felmy, Walter Richter waren als Kriminalkommissare solche Funktionsträger. Spätestens mit Götz Georges Schimanski ändert sich das. Schimi erzählt anlässlich eines Falles als wichtigste Botschaft - Schimi. Der Zuschauer sieht ihm bei der egozentrischen Selbstkonstruktion zu und lernt ihn eventuell lieben. Die Differenz von Kommissars-Ich und Krimiwelt wird so erfahrbar. Der Zuschauer wird von dem TV-Idol auf ganz neue Fragen gebracht: Stört meine berufliche Tätigkeit eigentlich meine Selbstverwirklichung? Sind Rücksicht und soziale Verantwortung Pflichten oder nicht vielmehr freiwillige Akte eines hedonistischen Ichs?

Auch das Dauerthema für die weibliche TV-Kundschaft: Liebe ich den Richtigen?, bekommt durch neue Handlungsmuster Spielräume für die Ich-Erkundung. Die alten Gebote waren unerbittlich. Liebe war Schicksal, nur durch Tod, Gesellschaftsnormen oder den Starrsinn der Eltern verhinderbar. Folgte das Ich dem Ruf des Herzens, musste die Liebe bis zum guten oder bitteren Ende durchlebt werden - Anna Karenina, Tony Buddenbrook, Werther waren die Vorbilder, die älteren TV-Serien folgten dem Muster.

Dann kam ein Wandel. »Nur die Liebe zählt«, behauptete eine der ersten Kuppelshows mit Kai Pflaume. Aber unter der diktatorischen Überschrift breitete sich ein neuer Geist aus. Es war die Lust, der Liebe beim Entstehen im Ich der anderen und bei sich selbst zuzusehen. Die Soaps erkannten, dass neben der Liebe auch Aussehen, Habitus, Konkurrenzlage, die eigene Laune, die kriegerische Zicke in der Frau eine Rolle spielen.

Der kategorische Imperativ des egozentrischen TV-Zeitalters lautet: Wie immer es in deinem Inneren aussieht, stelle Liebe und Moral so abgeklärt dar, als seiest du ihnen nur zufällig gefolgt. Nicht die Liebe, das Außen zählt.

So gibt das formsüchtige Fernsehen seinen Über-Ich-Vertretern und Liebesobjekten immer charmantere Gesichter, als sollten Schönheit, Moral und Erotik verschmelzen. »Tatort«-Kommissarinnen werden von Jahr zu Jahr attraktiver (Maria Furtwängler, Simone Thomalla). Zur TV-Ichwerdung gehört der stramme Leib, der siegende Wille über das Körperfett, die dritten Zähne, den unsicheren Gang. Oder zumindest der Besitz von Charme.

Den Helden stehen wir Normalos gegenüber, die mit Kitsch, Kochshows, Unterschichtscomedy und Tiershows getröstet werden. Du wolltest ein neues Ich, knarzt aus der Bitterkeit des Unbewussten Dieter Bohlen, du kriegst aber keins. Denn du bist zu langweilig.

Würde TV-Abstinenz helfen? Wohl nicht. Die Herstellung eines Ich ist längst zum auch medialen Prozess geworden. »Was wir über die Welt wissen, wissen wir durch die Massenmedien«, befand Luhmann und hatte recht. Wir müssen weiter in die Ich-Spiegel des Mediums gucken.

Und dort auf Abrüstung hoffen. Auf Dialoge wie: »Könntest du dir vorstellen, mich gernzuhaben?« Antwort: »Ich weiß es nicht.« Auf die Wiederkunft eines Heldentums, das im Zweifel erkennbar wird. Auf Diskussionen, die keine Antworten geben, weil sie ernsthaft keine finden. Auf die Renaissance des Nichtwissens als höchstem Wissen. Auf Moderatoren im Geist von Sokrates. Auf »Was bin ich?«-Sendungen, die sagen: Ich werde noch ich.

Zur Ausgabe
Artikel 31 / 35