HUNGERKUREN Ist der Mensch ein Murmeltier?
Neidvoll schaut der Mensch seit jeher auf das Murmeltier, denn es verschläft ganz einfach die kalte, dunkle Jahreszeit. Auch Siebenschläfer, Haselmaus und Igel verfügen über die Gabe des Winterschlafs. Neuerdings spricht einiges dafür, dass auch im menschlichen Körper ein biologisches Murmeltier-Programm schlummert. Kürzlich beobachtete eine Studentin der Uni Marburg erstmals eine Art Winterschlaf bei einem relativ nahen Verwandten des Menschen: dem Fettschwanz-Maki auf Madagaskar. Dort wird es im Winter zwar nicht kalt, aber trocken, und die Primatenart, die am liebsten saftige Früchte nascht, hat sich offenbar dafür entschieden, die kulinarisch freudlose Zeit zu verdämmern. Der Winterschlaf, so folgern Wissenschaftler, hängt offenbar nicht vom Lichteinfall oder der Außentemperatur ab, sondern hilft, die naturgegebene Fastenzeit zu überstehen. Mehrere Dutzend Gene werden bei diesem komplizierten Prozess in den Körperzellen saisonal »angeschaltet«. Enzyme fahren den Stoffwechsel auf Sparflamme zurück, der Körper baut kaum noch Energiereserven ab, die große Trägheit macht sich breit. Es gebe keinen ersichtlichen Grund, meint nun Gerhard Heldmaier, Tierphysiologe an der Uni Marburg und Vorsitzender der Internationalen Winterschlaf-Gesellschaft, warum nicht auch - als evolutionärer Überrest aus grauer Vorzeit - beim Primaten Mensch der jahreszeitliche Drang zur Schläfrigkeit angelegt sein sollte. Einen möglichen Beleg dafür liefern ethnologische Feldstudien: Von russischen Bauern aus der Gegend von Pskow wird berichtet, dass sich die Dörfler nach Wintereinbruch gemeinsam um ein großes Herdfeuer schlafen legen, jeden Tag nichts als einige Mundvoll trockenes Brot mümmeln und nur noch ab und zu aufstehen, um ein paar Scheite im Feuer nachzulegen.