Kalter Blitz - DER SPIEGEL
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Medizin Kalter Blitz

Mit computergesteuerten Laserkanonen beseitigt ein Privatunternehmer Kurzsichtigkeit.
• aus DER SPIEGEL 20/1994
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In der Augenheilkunde«, konstatiert der kanadische Augenarzt Clive Mortimer, »kann man mit neuen Verfahren schnell Geld machen.« Dabei werde, so gesteht er fröhlich, auch mal nach Cowboyart »aus der Hüfte geschossen - aber manchmal treffen Cowboys auch«. Mortimers Schüsse kommen aus der Laserkanone und gehen ins Auge. Der Professor für Augenheilkunde an der Universität von Toronto zählt zu den Pionieren der Laserbehandlung von Fehlsichtigkeit.

Rund 300 000 Patienten in aller Welt haben, nach Schätzung Mortimers, bislang die Hornhaut ihrer Augen durch Laserbeschuß trimmen lassen. Vor allem Kurzsichtige und Patienten mit Astigmatismus ("Stabsichtigkeit") oder stark unterschiedlich kurzsichtigen Augen zählen zur Klientel der Lasertherapeuten. Bei einer Ausgangskurzsichtigkeit von minus zwei bis minus sieben Dioptrien, so versichern die Experten, könnten weit über 90 Prozent der Laserbehandelten auf Brille oder Kontaktlinsen verzichten.

Bei den »modernen Lasergeräten der dritten Generation« sei mit Behandlungsproblemen kaum mehr zu rechnen, behauptet Diplomingenieur Jörg Hassel, Gründer des privaten Augen-Laser-Zentrums (ALZ), das soeben in Hamburg und München je eine Laserpraxis eröffnet hat. Der potentielle Kundenkreis ist riesig: Rund 30 Millionen Deutsche sind kurzsichtig.

Mit extrem kurzen, energiestarken UV-Laserblitzen wird in Hassels Praxen die Hornhaut von Kurzsichtigen und Astigmatikern flachgehobelt, bis sich die einfallenden Lichtstrahlen wieder exakt auf der Netzhaut des Patienten bündeln. Jeder Schuß des dabei verwendeten sogenannten Excimer-Lasers läßt 25 hunderttausendstel Millimeter der Hornhaut kalt verdampfen.

Rund 700 Lichtblitze verhelfen Kurzsichtigen bis zu minus zwölf Dioptrien zu geschärfter Fernsicht. Bei schlimmeren Sehfehlern stößt das Verfahren an Grenzen; höchstens ein Fünftel der Hornhautdicke mögen die Mediziner derzeit mit dem Laser abradieren.

Trotz mittlerweile zehnjähriger Erfahrungen mit der in Berlin entwickelten Technologie befürchten deutsche Augenärzte noch immer langfristige Nebenwirkungen. Zwar habe die Photoablative Refraktive Keratektomie, so die Fachbezeichnung, das Stadium der vorklinischen Erprobung längst verlassen und stelle einen erfolgversprechenden Eingriff dar, so teilte der Berufsverband der Augenärzte mit; als anerkanntes medizinisches Verfahren dürfe Excimer-Behandlung aber immer noch nicht gelten.

Die Kritiker fürchten Infektionen und Vernarbungen der Laserwunde; manche Patienten, hieß es, klagten über gestörte Nachtsicht - etwa erhöhte Blendempfindlichkeit oder sogenannte Halos, kreisförmige Nebel, die sich um Lichtquellen legen. Davon, schwört ALZ-Chef Hassel, bleibe verschont, wer sich in seinen Laserpraxen kurieren lasse.

Gesteuert von ausgeklügelter Software, arbeitet sich dort der Laserpuls vom Hornhautzentrum in Richtung der Augenwinkel vor; der Patient fixiert unterdessen eine zweite Laserquelle. Zittrige Augenbewegungen nervöser Patienten werden von einem »eye-tracking-system« registriert und blitzschnell von der Steuerung des Excimer-Lasers ausgeglichen.

Besonders eindrucksvoll wirkt die Treffsicherheit der Laserzwille: Auf Bruchteile von Mikrometern genau wird der kalte Blitz ins Ziel gelenkt - präzise genug, so Hassel, »um ein Monogramm in ein Kopfhaar zu stanzen«.

Bei Augen-Lasern älterer Bauart wurde die Hornhaut stufenförmig bearbeitet; zurück blieb eine aufgerauhte Hornhaut. Von den modernen Excimer-Lasern werden diese Unebenheiten glattgeschliffen. Zwei bis drei Tage nach dem Eingriff hat sich die äußerste Hautschicht neugebildet. Lasertherapie-Unternehmer Hassel: »Das Ganze ist dann wieder babyarschglatt.«

Dennoch taugt auch die perfektionierte Excimer-Technik nicht für jeden: Für Kinder und Jugendliche, deren Augen noch nicht ausgewachsen sind, ist die Laserbehandlung ebensowenig geeignet wie für Erwachsene mit instabiler Fehlsichtigkeit; auch Diabetiker oder Rheumatiker werden nicht therapiert.

Die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft hält die Behandlung nur bei medizinischer Indikation für gerechtfertigt: Sie liege vor bei Kurzsichtigen, die weder Brillen noch Kontaktlinsen vertragen und deren Augen obendrein einen Unterschied von mehr als zwei Dioptrien aufweisen.

Laserpionier Mortimer hält das für Humbug. Die deutschen Fachärzte, urteilt der Kanadier, »sind zu konservativ«. Nach gründlicher Aufklärung durch einen erfahrenen Arzt könne jeder Patient selber entscheiden, ob er mögliche Risiken in Kauf nehmen wolle. Die Laserprozedur sei im Grunde als kosmetische Operation einzustufen.

Billig war kosmetische Chirurgie noch nie. Rund dreieinhalbtausend Mark pro Auge, Mehrwertsteuer inklusive, kostet eine Laserbehandlung in München oder Hamburg. Die Krankenkassen zahlen nicht.

Kleiner Trost für die Kundschaft: Beim zweiten Auge gewährt Unternehmer Hassel einen Preisnachlaß. Y

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