Berlin-Gatow, das Militärhistorische Museum am Rande der Hauptstadt: Hier steht ein Exemplar von dem Flieger, über den neuerdings wieder viel gesprochen wird: das Kampfflugzeug MiG-29. Das Einzelstück aus ehemaligen DDR-Beständen parkt in Hangar 3 – ausrangiert und etwas eingestaubt. Ganz anders in der Ukraine: Kiew kämpft auch mit MiGs gegen die russischen Angreifer. Auch Russland hat die MiG neben moderneren Jets in seinem Arsenal. Die MiG-29 kann auch bei widrigen Bodenverhältnissen starten – dank einer Besonderheit an den Triebwerken.
Christoph Seidler, DER SPIEGEL: »Das sind die großen Lufteinlässe der Triebwerke, die lassen sich verschließen. Und das bedeutet, dass selbst wenn dieses Flugzeug von schlecht vorbereiteten Pisten abhebt, wo eben vielleicht nicht jedes kleine Steinchen, jeder Kronkorken, jeder Schraubenzieher ganz sicher entfernt worden ist, kann dieses Flugzeug trotzdem abheben, weil es während dieser Phase die Luft so verschließen kann. Dann kommt die Luft von anderen Einlässen oben am Flugzeug. Das heißt, die Gefahr dadurch, dass ein Objekt, zum Beispiel ein Stein, unabsichtlich eingesaugt wird und dann die Motoren beschädigt, ist damit verschwunden. Das ist ein großer Vorteil. Und daran hat man eben gedacht, als man die MiG-29 vor gut 40 Jahren für genau solche Fronteinsätze konzipiert hat.«
Ein Blick ins Cockpit. Der Jet stammt noch aus den letzten Jahren des Kalten Krieges – und muss es heute mit deutlich modernerem Kriegsgerät aufnehmen.
Christoph Seidler, DER SPIEGEL: »Hier drüben gibt es einen Bereich, da werden dann die Waffen ausgewählt. Hier vorne am Stick würde man dann den Abschuss initiieren. Hier drüben gibt es noch eine Anzeige, die möchte ich eigentlich relativ ungern aufleuchten sehen. Die zeigt nämlich, wenn ich selbst zum Ziel geworden bin. Und dann müsste ich mir sozusagen überlegen: Was tue ich? Ich weiß, das Flugzeug hat hervorragende Eigenschaften. Aber es ist eben auch so, das wissen wir aus der Ukraine, dass die MiG 29 mit ihrem ziemlich schwachen Radar, mit ihrer Bewaffnung, die nicht mehr ganz up to date ist, eben dann auch ein Problem bekommt, insbesondere bei Kämpfen aus der Entfernung.«
Seit Beginn der russischen Invasion hat die Ukraine wohl schon etwa 20 dieser Flugzeuge im Kampf verloren – und bisher vergeblich Ersatz durch moderne westliche Jets vom Typ F-16 gefordert. Stattdessen gab es nun neue alte MiGs: Die Slowakei hat Ende März die ersten vier von 13 Jets aus sowjetischer Produktion an die Ukraine geliefert. Auch Polen hat erste Maschinen übergeben, bis zu 20 sollen es insgesamt werden. Die beiden Nato-Staaten schicken zudem Ersatzteile und Munition – ein Knackpunkt, denn: Die sechs Raketen an Bord der Mig-29 sind aktuell noch nicht einsatzfähig. Sie stammen aus sowjetischer Produktion und werden logischerweise nicht mehr nachgeliefert.
Christoph Seidler, DER SPIEGEL: »Im vergangenen Jahr ist ihnen an dieser Stelle schon ein Kunstgriff gelungen. Und zwar hat es geklappt, amerikanische Antiradar-Raketen vom Typ HARM unter diese Flugzeuge zu bringen und damit zu verschießen. Das ist gar nicht so simpel, wie es klingt. Denn wir haben ein Flugzeug sowjetischer Bauart, was mit einer Waffe amerikanischer Bauart irgendwie kommunizieren muss. Und die Ukrainer denken jetzt darüber nach, wie es möglich wäre, auch Luft-Luft-Raketen amerikanischen Typs, AMRAAMs, mit diesen MiGs zu verschießen. Und das ist kompliziert, wie es das Flugzeug schafft, der Rakete mitzuteilen, wo sie eigentlich hinfliegen soll, sogar noch im Flug. Diese Information braucht diese AMRAAMs nämlich, um präzise zu sein. Und wie man das schafft, das ist die Herausforderung für die Ukrainer.«
Auch der Transport ist nicht trivial: Vor dem Einsatz müssen die gut 17 Meter langen Jets mit einer Spannweite von mehr als 11 Metern zerlegt und auf dem Landweg in die Ukraine geschmuggelt werden. Außerdem erfolgt eine wichtige Umrüstung.
Christoph Seidler, DER SPIEGEL: »Bevor solche Maschinen aus ehemaligen Nato-Staaten in die Ukraine gehen können, muss auch noch Technik ausgebaut werden. Da geht es vor allen Dingen darum, dass man das Freund-Feind-Identifikationssystem ausbaut, was es auch in dieser Maschine hinter mir mal gab, mit dem man wissen kann, wer wozu gehört. Weil der Flugzeugtyp ist ja gleich. Das heißt, die Russen und die Ukrainer fliegen dieselbe Maschine grosso modo. Und die Technik, die einem klar sagt, wer ist Freund, wer ist Feind, so ein Codesystem, die muss man ausbauen, bevor man die Maschinen an die Ukraine gibt. Weil man nie weiß: Was passiert dann mit diesen Flugzeugen? Wird womöglich eins abgeschossen? Gerät diese Technik dann in russische Hände? Das muss man verhindern.«
Auch wenn die Maschine zusammen mit modernen westlichen Flugabwehrsystemen bei der Verteidigung des Luftraums helfen kann: Die MiG-29 wird für die Ukraine im Krieg wohl nur eine Übergangslösung sein.
Christoph Seidler, DER SPIEGEL: »Man muss langfristig ukrainische Piloten auf westlichen Maschinen trainieren. Welche es dann sind, das ist eine politische Entscheidung. Das Training der Piloten ist durchaus noch mal eine Herausforderung für die Ukrainer, weil sie so schrecklich viele Piloten haben die nicht. Es sterben Leute im Kampfeinsatz, wenn man gleichzeitig Kampfeinsätze fliegen und für zukünftige Typen trainieren will. Auch das ist für die sicherlich eine große Herausforderung. Aber es ist eben auch so, dass sie gelernt haben, mit den Möglichkeiten, die sie haben, das Beste herauszuholen und unter schwierigen Bedingungen zu operieren.«
Bis moderner Ersatz zur Verfügung steht, bleibt der Ukraine nichts anderes übrig, als auf den Jet zu setzen, der andernorts bereits im Museum steht.