TROPENWÄLDER Keine Ahnung
Jürgen Stüber, Verkaufsleiter der Hamburger Baumarkt-Kette »Max Bahr«, war überfordert. Ob er denn nicht wisse, daß seine Edelholztüren und -fenster nur wegen des Raubbaus in den tropischen Wäldern Malaysias so billig seien, hielten ihm Aktivisten der Umweltorganisation Robin Wood vor. Stüber, den die Waldschützer Mitte Juni mit einer Besetzungsaktion in den Verkaufsräumen einer Bahr-Filiale überraschten, mußte passen.
Von der Herkunft des zu Sonderpreisen verscherbelten »Limba«- und »Meranti«-Holzes in den Bahr-Heimwerkermärkten, so einer der Besetzer, »hatte der keine Ahnung«.
Weil Robin Wood die Käufer mit einem Transparent-Text ("Auch Bahr zerstört Tropenwald") verschreckte, versprach der Baumarktleiter, über das Problem nachzudenken und seinen Chef zu informieren.
Wie Stüber könnte es demnächst vielen bundesdeutschen Holzhändlern gehen. Noch immer verarbeiten sie große Mengen tropischer Hölzer zu Produkten aller Art. Damit, behaupten Kritiker aus Wissenschaft und internationalen Umweltverbänden, seien sie mitverantwortlich für die bedrohliche Zerstörung der Regenwälder in Asien und Afrika.
Internationale Naturschutzorganisationen wie der World Wildlife Fund (WWF) und Friends of the Earth, aber auch der mitgliederstarke Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland riefen deshalb in den letzten Monaten zum Boykott von Produkten aus den exotischen Hölzern auf. Wer »am Tod« der ökologisch unverzichtbaren Wälder nicht mitwirken wolle, so eine Streitschrift von Robin Wood, »muß auf Tropenholz verzichten«.
Dabei geht es keineswegs nur um den Kauf edler Furniermöbel. Weil die importierten Hölzer meist besonders hart und wetterbeständig sind, dienen sie zum weitaus größten Teil als gewöhnliches Bauholz. Ob für kleine Brücken oder als Parkbank, für Schallschutzwände an Autobahnen oder schlichte Fenster und Fußleisten, ihre Verwendung ist breiter gestreut, als den meisten Verbrauchern bewußt ist.
So wird derzeit etwa ein Drittel aller bundesdeutschen Neubauten mit Fenstern aus asiatischem Meranti-Holz ausgestattet. Rund 1,5 Millionen Kubikmeter Rundholz müssen in Afrika und Asien jährlich gefällt werden, nur um den bundesdeutschen Bedarf nach Hart- und Edelholz zu decken. Die EG-Länder bringen es gemeinsam auf elf Millionen Kubikmeter, nur noch übertroffen von Japan, dem größten Tropenholz-Verbraucher der Welt. Japans Holzhändler beteiligen sich jährlich mit 14 Millionen Kubikmetern tropischem Rundholz, der Hälfte der Weltproduktion, am Ausverkauf der Regenwälder Südostasiens.
Dort gehen, wie auch in West- und Zentralafrika und in den Feuchtzonen Lateinamerikas, Jahr für Jahr Millionen Hektar der kostbaren Regenwälder verloren. Sie sind das reichste, aber auch empfindlichste Ökosystem der Erde - und das älteste. Weitgehend unberührt von eiszeitlichen Klimaschwankungen, konnte sich in rund 60 Millionen Jahren ein Artenreichtum entwickeln wie sonst nirgendwo: Fast zwei Drittel aller Pflanzenarten und rund 80 Prozent aller Insekten-Spezies finden sich in den äquatornahen Feuchtzonen. Nicht einmal die Hälfte der geschätzten 1,7 Millionen Pflanzen- und Tierarten des Tropendschungels ist bisher wissenschaftlich beschrieben, ihre genetische Vielfalt gilt als unverzichtbare Gen-Reserve für die Entwicklung neuer Medikamente und pflanzlicher Rohstoffe.
Zugleich sind die Regenwälder von unschätzbarem Wert für das ökologische Gleichgewicht im Raumschiff Erde. Als gigantischer Wasserspeicher, in dem einige Milliarden Tonnen Wasser in einem endlosen Kreislauf aus Verdunstung und Niederschlag zirkulieren, stabilisieren sie das tropische Klima und schützen weit über ihre Verbreitung hinaus vor Überschwemmung oder Trockenheit. Zudem bindet die ungeheure Pflanzenmasse über 500 Milliarden Tonnen Kohlenstoff. Würden auch sie noch als Kohlendioxid freigesetzt, würde sich die von Klimaforschern befürchtete Aufheizung der Erdatmosphäre ("Treibhauseffekt") erheblich beschleunigen.
Schon in den letzten 100 Jahren ging von den ehedem 20 Millionen Quadratkilometern Regenwald die Hälfte verloren. Eine Aufforstung ist kaum möglich. Denn anders als in den gemäßigten Zonen sind die Böden des Tropenwaldes extrem arm an Humus und Mineralien, die Nährstoffe sind fast vollständig im scheinbar überflußartig wuchernden Grün gebunden. Ist das einmal abgeholzt oder verbrannt, sind die Böden schutzlos den sintflutartigen Regenfällen ausgesetzt und verlieren ihre Fruchtbarkeit in wenigen Jahren. Versteppung und Verwüstung sind die Folge.
Doch alle Warnungen von Ökologen und Klimakundlern vor den Gefahren der Regenwaldzerstörung blieben bisher ohne Wirkung. 11 bis 15 Millionen Hektar Tropenwald, schätzen die Autoren einer kürzlich vom WWF finanzierten Studie, fallen jedes Jahr der Säge und dem Feuer zum Opfer - das entspricht einer Fläche von 30 Fußballfeldern pro Minute. _(Francois Nectoux, Nigel Dudley: » A ) _(Hardwood Story«. Friends of the Earth ) _(Trust Verlag, London; 120 Seiten; 4,50 ) _(Pfund. )
Die Erscheinungsformen und Ursachen der gefährlichen Entwaldung sind fast ebenso komplex wie das zerstörte Ökosystem selbst. Mal werden riesige Flächen für Wasserkraftwerke überflutet oder von großen Agrarkonzernen in Viehweiden verwandelt wie etwa im brasilianischen Teil des Amazonas-Beckens; _(Vor einem Heimwerkermarkt auf dem ) _(Berliner Kurfürstendamm. )
mal sind es landlose Bauern, vor allem in den westafrikanischen Ländern, die immer neue Wald-Stücke brandroden, um dort für ein paar Jahre ihre Äcker anzulegen, bis der Boden erschöpft ist. Dann wieder lassen die Regierungen der betroffenen Länder ganze Regionen für die Besiedlung erschließen, um ihrer wachsenden Bevölkerung Arbeit und Nahrung zu verschaffen - so die indonesische Regierung, die über die Hälfte der noch vorhandenen Waldfläche landwirtschaftlich nutzen lassen will, und sei es auch nur vorübergehend.
In weiten Teilen Südostasiens und Westafrikas aber ist, wie die WWF-Studie feststellt, auch der kommerzielle Holzeinschlag für den Export eine der »Hauptursachen für Rodung und Degradierung der Wälder«.
Das sehen die Holzimporteure und Einschlagsfirmen ganz anders. Natürlich, bekennt Hartmut Schulze-Riewald, Geschäftsführer im Verein Deutscher Holzeinfuhrhäuser (VDH), werde auch ihm »angst und bange« angesichts der rapiden Waldzerstörung in den Tropen. Doch ein Verzicht auf den kommerziellen Einschlag und den Holzimport von dort, meint er, würde daran »gar nichts ändern«. Verantwortlich seien die Regierungen der Export-Länder, die nicht genügend für die schonende Nutzung des tropischen Waldreichtums sorgen würden. »Das sind souveräne Länder«, sagt auch Hinrich Stoll, Weltreisender in Sachen Tropenholz für die Bremer Einschlagsfirma Feldmeyer. »Wir können denen keine Vorschriften machen.«
Zum Beweis für ihre Unschuld verweisen die Holzhändler zudem gern auf die sogenannte selektive Nutzung, wie sie von europäischen Firmen in ihren Einschlagsgebieten in Afrika praktiziert wird. Weil dort die nutzbaren Hartholz-Bäume nur vereinzelt stehen, werden stets nur ein bis zwei Bäume pro Hektar gefällt. Das habe, so ein Positionspapier des VDH, »keinerlei ökologische Schäden« zur Folge. Zudem dürften in allen afrikanischen Ländern nur Stämme von mindestens 50 Zentimeter Durchmesser gefällt werden. Die jüngeren Bäume könnten ungestört nachwachsen, wenn die Firmen ihre Konzessionsgebiete nach einigen Jahren wieder verlassen.
Das klingt gut, doch die Praxis läuft anders. Denn fast immer sind es die »selektiven« Baumfäller, die erst mit ihren Straßen und Wegen ein Waldgebiet erschließen. Erst dann folgen meist die Siedler aus anderen Landesteilen oder den nördlichen Ländern der Sahelzone, die den Wald mit Brandrodung vernichten. Im Ergebnis verlor Westafrika bis jetzt schon gut drei Viertel seiner ursprünglichen Waldreserven. An der Elfenbeinküste blieben von einst zwölf Millionen Hektar Wald im Jahre 1950 gerade noch drei Millionen Hektar übrig. Von der Position des ehedem größten Lieferanten für Tropenholz in Europa fiel das Land auf einen der hinteren Plätze zurück. Noch schlimmer erging es Nigeria, das mittlerweile sogar mehr Holz importieren muß, als es ausführt.
Weil in Westafrika immer weniger zu holen ist, konzentrieren sich die Anstrengungen der Einschlagsfirmen mehr und mehr auf den noch weitgehend ungenutzten Waldblock in Zentralafrika. Vor allem deutsche Firmen sind dort neben den französischen Konkurrenten tätig; so der Reutlinger Furnierhersteller Danzer, der für die Hälfte der Holzausfuhr Zaires verantwortlich zeichnet. In einem Joint-venture-Projekt mit der Regierung betreibt die Gesellschaft ein großes Sägewerk vor Ort, das mit Mitteln der bundeseigenen Finanzierungsgesellschaft DEG errichtet wurde.
In der Volksrepublik Kongo halten deutsche Firmen Konzessionsgebiete von rund 230000 Hektar Ausdehnung, darunter die Firma Wonnemann aus Rheda-Wiedenbrück (auch ihr bescherte die DEG ein Sägewerk). Andere westdeutsche Holzimport-Firmen sind in Kamerun und Gabun engagiert.
Ob auch diese Aktivitäten eines Tages die Vernichtung ganzer Waldregionen nach sich ziehen werden, ist einstweilen ungewiß. Weil die Länder Zentralafrikas noch extrem dünn besiedelt sind, so hofft Afrika-Experte Stoll, wird es zumindest länger dauern, bis sich das westafrikanische Walddrama wiederholt.
Nach den schlechten Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte glauben aber viele Ökologen ohnehin nicht mehr an die Möglichkeit einer sinnvollen Tropenwald-Nutzung. »Das Schlimmste«, schreibt beispielsweise der costaricanische Forstwirtschaftler Gerardo Budowski, »ist der Trugschluß, daß feuchttropische Primärwälder einer permanenten holzwirtschaftlichen Nutzung zugeführt werden« könnten. Diesen »Mythos der erfolgreichen nachhaltigen Nutzung« gelte es zu »zerstören«.
Dagegen steht freilich das berechtigte Interesse der betroffenen Länder, ihre Wirtschaft zu entwickeln. Ein Wald unter Naturschutz, meint Professor Heiner Ollmann, Forstökonom bei der Hamburger Bundesforschungsanstalt für Forst-
und Holzwirtschaft, »gilt doch dort als totes Kapital«. Erst wenn sich der Gedanke durchgesetzt hätte, daß am Regenwald Geld verdient werden könne, ohne ihn zu zerstören, seien die Waldreichtümer der Tropen zu retten.
Wenn es sie dann noch gibt - viel Zeit bleibt nicht. Vor allem in Malaysia, Indonesien und auf den Philippinen hat der Raubbau ein bedrohliches Tempo erreicht. Da die nutzbaren Baumarten dort dichter stehen als in Afrika, gehen die Einschlagsfirmen unter der Ägide japanischer Holzhändler nach der Kahlschlagmethode vor. Das habe, räumen sogar die westdeutschen Importeure ein, zu »bedenklichen ökologischen Schäden geführt«. Dem Importhandel tat das freilich keinen Abbruch, mit 490000 Kubikmetern Schnitt- und Sperrholz aus Südostasien wird auch der bundesdeutsche Holzmarkt jährlich bedient.
Schon jetzt ist absehbar, daß auch der eigentliche wirtschaftliche Nutzen für die Erzeugerländer äußerst begrenzt ist. Bis zur Jahrhundertwende, so eine Prognose der Weltbank, werden bei den jetzigen Nutzungsmethoden von derzeit 33 Exportländern noch ganze 10 übrig bleiben. Des jahrelangen Warnens müde, gingen die Weltnaturschutzorganisationen deshalb zur Mobilisierung der Konsumenten über, in den USA schon mit Erfolg.
So mußte der amerikanische Fleischbrötchen Konzern Burger King den Kauf lateinamerikanischen Rindfleischs einstellen, weil zunehmend Urwälder mit dem Ziel der Rindfleischproduktion für die USA in Weiden verwandelt wurden: Ein Boykott-Aufruf der Naturschützer hatte bei den Hamburger-Königen einen zwölfprozentigen Umsatzrückgang bewirkt.
Um es dazu gar nicht erst kommen zu lassen, stellte auch der Getränkeriese Coca-Cola ein Plantagen-Projekt im Wald des mittelamerikanischen Belize zurück, bis im Verein mit (von Naturschützern benannten) Experten eine umweltfreundliche Lösung gefunden ist.
In Westeuropa soll nun der Holzhandel in die Verantwortung genommen werden, zum Ärger der Importeure und Einschlagsfirmen. Ihnen gelten die Naturschützer, so Klaus Günther Dahms, Chef der Hamburger Firma Hans Otto Lütkens und Honorarkonsul des Kongo, als »bizarre halbpolitische Organisationen« mit »absurden Forderungen«. Vor allem aber bedrohen sie das Tropenholzgeschäft. Denn ginge es nach dem vom WWF und den Friends of the Earth ausgearbeiteten Rettungsprogramm, dann würde *___für Hölzer von bereits bedrohten Baumarten ein ____Einfuhrstopp ausgesprochen; *___den Importeuren ein Verhaltenskodex auferlegt, der sie ____verpflichtet, Tropenholzprodukte zu kennzeichnen und ____dem Verbraucher zu garantieren, daß die Rohstoffe ____umweltfreundlich gewonnen wurden; *___die Holzeinfuhr in Form von ganzen Stämmen ____zurückgedrängt zugunsten der Einfuhr von verarbeiteten ____Holzprodukten - je höher der wirkliche Gewinn für das ____Erzeugerland, um so mehr wächst auch das Interesse an ____der Erhaltung der Waldressourcen.
Zur Durchsetzung solcher Forderungen hoffen WWF und Robin Wood auf die Internationale Tropenholzorganisation (ITTO), die vergangenes Jahr auf Initiative der Unctad gegründet wurde. _(Unctad: Konferenz für Handel und ) _(Entwicklung bei den Vereinten Nationen. )
Dort beraten Vertreter der Exportländer mit denen der Importstaaten über einen gerechten Holzhandel. Der Versuch, die ITTO in ein Umweltforum zu verwandeln, fürchtet VDH-Geschäftsführer Schulze-Riewald, »könnte schlimme Folgen für den Holzhandel haben«.
Folgerichtig bedrängte Schulze-Riewald in den vergangenen Monaten das Bonner Wirtschaftsministerium, die Zuständigkeit für die entsprechenden Verhandlungen nur ja nicht an das Umweltministerium abzutreten. Zugleich versuchte er mit Hilfe eines Gewährsmannes im Wirtschaftsministerium, die »obskuren Überlegungen« der UN-Umweltorganisation Unep zu durchkreuzen.
Deren Vorsitzender Mostafa Tolba hatte den Vorschlag gemacht, auf Tropenholzprodukte einen Umweltzuschlag zu erheben und den Waldländern im Wege eines Schuldenerlasses einen Teil ihrer Wälder für Naturschutzzwecke abzukaufen. Schon im März, berichtete Schulze-Riewald seinem Vereinsvorstand, habe sich die Bundesregierung aber »ablehnend geäußert«, der VDH sei an der Stellungnahme »beteiligt worden«.
Die war wohl nicht viel wert. Von Ablehnung, berichtete die zuständige Referentin von Umweltminister Töpfer, könne keine Rede sein. Jetzt werde erst mal mit Unep-Chef Tolba verhandelt, »ganz im stillen«. _(Vor einem Coca-Cola-Abfüllbetrieb in ) _(Hamburg. )
Francois Nectoux, Nigel Dudley: » A Hardwood Story«. Friends of theEarth Trust Verlag, London; 120 Seiten; 4,50 Pfund.Vor einem Heimwerkermarkt auf dem Berliner Kurfürstendamm.Unctad: Konferenz für Handel und Entwicklung bei den VereintenNationen.Vor einem Coca-Cola-Abfüllbetrieb in Hamburg.