Kinder des Eises - DER SPIEGEL
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ETHNOLOGIE Kinder des Eises

• aus DER SPIEGEL 48/2001
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Sogar in Afrikas Wüsten überfiel ihn die Sehnsucht nach »einheitlichem Weiß«, die lange Polarnacht mit 60 Minusgraden empfand Jean Malaurie stets »als embryonal und warm«. Wie der französische Geograf auf mehr als 30 Expeditionen die Naturvölker im Reich des Eises erlebte, zeigt sein soeben erschienener Prachtband. In »Der Ruf des Nordens« (Bucher Verlag, München; 336 Seiten; 132,99 Mark; 300 Farbbilder) porträtiert Malaurie die Stämme, die am Ende der bewohnbaren Welt zu Hause sind - entlang der arktischen Küsten Kanadas, Alaskas, Sibiriens und Grönlands: Inuit, »Menschen«, nennen sie sich heute; als »Eskimos« ("Rohfleischfresser") wurden sie von den verfeindeten nordkanadischen Indianern bezeichnet. Mehr als 50 Jahre umspannt die Dokumentation des Polarforschers. Seit er 1950 erstmals mit Sondergenehmigung im grönländischen Thule anlandete, nahm Malaurie teil am Alltag der harten Jäger und ihrer »scheinbar unterdrückten, in Wahrheit dominanten Frauen«. Wie seine Gefährten, die ihm Solidarität beibrachten, aß er »rohes und übel riechendes Walfleisch«, schlürfte Fett aus Vogelhäuten und schlief halb nackt unter Fellen. »Wie die Couch eines Psychiaters« sei ihm der Hundeschlitten vorgekommen, auf dem er sich gemeinsam mit dem Inuit Awa wochenlang nördlich der Hudson Bay durch die vereiste Leere bewegte. In Alaska führten das Vordringen von Militärstützpunkten und die Ölbohrungen zur Enteignung und Demütigung der Inuit, in Sibirien war es der Stalinismus. Dem Forscher graute »vor den alkoholisierten Samstagen« auf der sibirischen Halbinsel Tschukotka, wo er zeitweise als Dorflehrer hauste. Für eine bessere Zukunft gründete Malaurie nach der Perestroika die Staatliche Polarakademie von St. Petersburg, in der 800 Inuit-Schüler von 60 russischen Lehrern unterrichtet werden.

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