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GESUNDHEIT »Körbeweise Rezepte«

Obwohl offiziell verboten, boomt der Versandhandel mit Medikamenten in Deutschland. Nun will die Bundesregierung Internet-Apotheken zulassen - gegen massiven Widerstand der Apothekerlobby, aber zur Freude von Krankenkassen und Patienten.
Von Heiko Martens, Cordula Meyer und Alexander Neubacher
• aus DER SPIEGEL 18/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Glaubt man der Apothekerlobby, dann hat Detlef Kronfeld Glück, dass er noch lebt. Seit etwa einem halben Jahr bestellt der Diabetiker seine Arzneien bei der niederländischen Internet-Apotheke DocMorris. Als chronisch Kranker braucht Kronfeld, wie er sagt, »ewig Medikamente: Blutverdünner, Blutdrucksenker, zweierlei Insulin«. Die Arzneien bezieht der 52-jährige Pförtner per Kurier aus den Niederlanden und ist damit vollkommen zufrieden.

Wenn es nach den deutschen Apothekern geht, dürfte Kronfeld das allerdings nicht sein: Unsicher sei der Versandweg für Arzneien, persönliche Beratung unmöglich - mit im Einzelfall womöglich lebensgefährlichen Folgen.

Ihn berate der Arzt, nicht der Apotheker, hält Pförtner Kronfeld dagegen. Und er denkt ans Geld: Er und seine Frau sparen so im Jahr rund 450 Euro Rezeptgebühren. »Das ist für mich schon ein kleiner Urlaub, und meine Krankenkasse verdient noch«, freut sich der Mann aus Köln. »Für mich ist DocMorris 'ne 100 Prozent gute Sache.«

Das sieht Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) inzwischen genauso. Seit der von ihr eingesetzte »Runde Tisch im Gesundheitswesen«, an dem Ärzte, Pharmahersteller und Kassen zusammensitzen, vergangenen Montag unter heftigem Protest der Apotheker empfohlen hat, den Versandhandel mit Arzneien zuzulassen, ist auch die Ministerin auf diese Linie eingeschwenkt.

Wird Schmidts Wille Gesetz, würde damit eine Entwicklung legalisiert, die wohl ohnehin nicht mehr aufzuhalten ist. Denn das Geschäft von DocMorris boomt.

Zwar ist der Versandhandel mit Medikamenten in Deutschland ausdrücklich verboten. Erst 1998 beschloss der Bundestag mit der Novelle des Arzneimittelgesetzes, dass Medikamente nur in den Räumen einer Apotheke abgegeben werden dürfen. Kranke sollten von fachkundigem Personal beraten werden.

Doch das ist graue Theorie. Längst versorgen, Arzneimittelgesetz hin oder her, die Pillenhändler mit der Netzadresse »www.0800doc morris.com« Zehntausende Deutsche. DocMorris, eine mit deutschem Risikokapital gegründete Apotheke im niederländischen Landgraaf, beruft sich dabei auf europäisches Recht. Das erlaubt das Geschäft per Post, wenn der Versender eine zugelassene Apotheke ist. Auch nach der E-Commerce-Richtlinie der EU ist der Netzhandel möglich.

Gegen Ende des Jahres muss der Europäische Gerichtshof den Streit entscheiden. Mehrfach in den vergangenen zwei Jahren - DocMorris eröffnete sein Internet-Geschäft im Juni 2000 - gingen deutsche Apothekerverbände und Pharmafirmen gerichtlich gegen die Händler vor. Als ihnen der Medikamentenversand tatsächlich vom Landgericht Frankfurt untersagt wurde, verfielen die Internet-Apotheker auf einen ebenso einfachen wie genialen Kniff: Die Tablettenschachteln werden seitdem nicht mehr versandt, sondern die Kunden beauftragen per Kreuzchen den Paketservice mit der Abholung - ein feiner juristischer Unterschied. Sonst blieb alles beim Alten.

Nur die Nachfrage explodierte geradezu. 80 000 Kunden haben die Wahl-Niederländer bereits, davon drei Viertel aus Deutschland. Vergangenes Jahr setzte die Cyber-Apotheke 5 Millionen Euro um, im ersten Quartal dieses Jahres waren es bereits 3,5 Millionen. »Pro Woche wächst der Umsatz um fünf Prozent, in jüngster Zeit sogar noch mehr«, freut sich DocMorris-Chef Ralf Däinghaus.

Erst waren Arzneien ohne Rezeptpflicht der Renner, danach verschreibungspflichtige Medikamente, die die Patienten selbst zahlen mussten, wie Viagra oder Haarwuchsmittel. Jetzt sind es auch Blutfett- und Blutdrucksenker.

Obwohl verboten, erstatten inzwischen fast alle gesetzlichen Krankenkassen die bei DocMorris eingereichten Rezepte. »Von den 520 deutschen Kassen machen das etwa 490«, berichtet Däinghaus. »Die meisten sagen es nur nicht laut.«

Die Kassen profitieren, weil die Preise der Versandapotheke im Schnitt zehn Prozent unter denen normaler Apotheken liegen, manchmal sogar um bis zu 60 Prozent (siehe Grafik Seite 168). Der Grund: geringere Handelsspannen, Mengenrabatte und niedrigere Einkaufspreise in Holland. Liefert die Netzapotheke nach Deutschland, führt sie 16 Prozent Mehrwertsteuer an den deutschen Staat ab. Auch für die Patienten lohnt es sich: Sie sparen die Zuzahlung von bis zu fünf Euro pro Medikament.

Die Bestellung ist dabei denkbar einfach. Über eine Hotline, per E-Mail, Fax oder Brief können die Kunden ein Bestellformular samt Freiumschlag anfordern. Darin geben sie das Medikament an und die Adresse, an die geliefert werden soll. Dazu kommt noch das Originalrezept vom Arzt, dann geht die Sendung per Post in die Niederlande. Wer möchte, kann seine Bestellung auch im Internet eingeben, muss dann aber das Originalrezept per Post hinterherschicken.

Zwei Drittel der Kunden nutzen nur den Postweg; insofern ist das Internet bislang Nebensache. Für ihn sei es bequem, die Medikamente an seinen Arbeitsplatz geliefert zu bekommen, so Patient Kronfeld. Gelegentlich hapere es aber mit den Lieferfristen. »Da hab ich auch schon mal mehr als eine Woche gewartet.«

»Die Rezepte kommen gerade waschkörbeweise, da können wir nicht nachkommen, obwohl wir in den vergangenen vier Wochen 20 Leute eingestellt haben«, räumt DocMorris-Chef Däinghaus ein. Deshalb werde die Apotheke vorübergehend sogar Verordnungen zurückschicken müssen.

Konkurrenz steht für diesen Fall schon parat: Anfang des Jahres ist die »Europa Apotheek« im niederländischen Venlo mit einem ähnlichen Konzept wie DocMorris angetreten - ebenfalls als Versandapotheke nahe der deutschen Grenze, mit deutschen Finanziers.

Richtig Schwung bekommen hat der Pillenboom per Post in den vergangenen Monaten durch die massive Unterstützung der Kassen, die riesige Einsparmöglichkeiten wittern. Nach einer vom SPD-Bundestagsabgeordneten Martin Pfaff vorgelegten Studie des Internationalen Instituts für Empirische Sozialökonomie könnten die Kassen etwa 500 Millionen Euro im Jahr einsparen, würden chronisch Kranke ihre Medikamente künftig über eine Versandapotheke beziehen. Wissenschaftler der AOK schätzen das Sparpotenzial gar auf knapp eine Milliarde Euro.

Ende vergangenen Jahres gingen die Kassen deshalb in die Offensive. Neun Betriebskrankenkassen (BKK) in Niedersachsen verkündeten, bei seriösen Versandapotheken eingereichte Rezepte erstatten zu wollen.

Die Gmünder Ersatzkasse (GEK), die ihre über eine Million Versicherten in der Mitgliederzeitschrift über Versandapotheken informiert hatte, wurde vom Bundesversicherungsamt in Bonn aufgefordert, die Erstattung der Medikamente aus dem Netz zu stoppen. Der GEK-Vorsitzende Dieter Hebel protestierte: »Ich erstatte weiter, bis ich ins Gefängnis komme.« Die Folge: 160 000 Euro überwies die Kasse im März an DocMorris, im vergangenen September war es nicht einmal ein Prozent davon (1500 Euro) gewesen.

Der BKK-Landesverband Bayern schloss vor wenigen Wochen einen Vertrag mit DocMorris ab; darin sind gestaffelte Rabatte festgelegt. Außerdem sieht der Kontrakt, den Bayerns Sozialministerin Christa Stewens (CSU) für nichtig hält, ein eigenes Qualitätsmanagement vor. Apotheker müssen für Patienten und Ärzte wochentags von 8 bis 20 Uhr telefonisch erreichbar sein und sind verpflichtet, jedes Rezept fachgerecht zu prüfen.

Der hämische Hinweis von Bayerns Apotheker-Verbandschef Gerhard Reichert, dass der Patient den Postboten nicht »zu Risiken und Nebenwirkungen befragen kann«, zieht also nicht recht. Ohnehin werden Pillen auch in herkömmlichen Apotheken oft gar nicht vom Patienten abgeholt, viele Apotheken liefern selbst nach Hause. Zum anderen zeigen Studien der Verbraucherzentralen, dass es auch mit der Beratung nicht so weit her ist: »Apotheker begreifen sich selbst oft als Einzelhändler im weißen Kittel und beraten allzu selten«, urteilt Thomas Isenberg, Leiter des Bereichs Gesundheit beim Bundesverband der Verbraucherzentralen.

Noch weniger vorteilhaft fiel jüngst eine Stichprobe des ARD-Magazins »Plusminus« aus. Zusammen mit dem Arzneimittelexperten Gerd Glaeske von der Uni Bremen testeten die Journalisten 50 Apotheken in fünf Großstädten: Kein einziger Pillenhändler wies die Testkunden beim Kauf eines Nasensprays auf Nebenwirkungen hin oder darauf, dass das Medikament für Herzkranke nicht geeignet sei. Besonders blamabel für die deutschen Weißkittel: Beim Test der Versandapotheke wurden alle diese Fragen von DocMorris angesprochen und beantwortet.

Dennoch beschwören die Apothekerfunktionäre unverdrossen Horrorszenarien herauf, sollte der Versandhandel zugelassen werden: Beratung und Nachtdienste seien dann kaum mehr möglich, weil die Versandapotheken sich die Rosinen aus dem Geschäft herauspickten. Gleichzeitig werden Seitenhiebe gegen die lästige Konkurrenz lanciert: Im Leserbrief einer Apothekerzeitung wurden deutsche Apotheker dazu aufgerufen, jede Woche eine Packung des Schmerzmittels Paracetamol bei DocMorris zu bestellen, um den »holländischen Kollegen« lahm zu legen.

So viel Engagement der Etablierten kann nicht verwundern - es geht schließlich um ein Milliardengeschäft: Im Jahr 2000 konnten die 21 600 Apotheken in Deutschland ihren Umsatz um 4,5 Prozent auf 26,9 Milliarden Euro steigern. Voriges Jahr gaben die Kassen erstmals für Pillen und Salben mehr aus als für Honorare von Praxisärzten: 22,4 Milliarden Euro. Knapp ein Drittel dieser Rekordsumme strichen Medikamenten-Großhändler und Apotheker ein.

Anders als Textil- oder Lebensmittelhändler, die um jedes Promille ihrer Handelsspanne ringen, brauchen sich Apotheker um ihre Gewinne keine Sorgen zu machen. Die deutsche Arzneimittelpreisverordnung garantiert ihnen üppige Renditen. Durchschnittlich 27 Prozent dürfen sie als »Festzuschlag« auf den Einkaufspreis drauflegen.

Unter der Hand wird allerdings noch mal abkassiert: In der Branche ist es üblich, dass Hersteller den Apothekern für ein bestimmtes verkauftes Präparat eines umsonst dazugeben, um den Umsatz anzukurbeln. Der Erlös für das zweite Präparat fließt voll in die Tasche des Apothekers. Nach Aussagen von Fachleuten im Gesundheitsministerium macht dies rund eine Milliarde Euro jährlich extra aus.

Unliebsame Konkurrenz hält sich die Branche mit Standesrecht und altertümlich anmutenden Privilegien vom Hals. Ein nordrhein-westfälischer Landarzt, der es wagte, überzählige Tabletten kostenlos an seine Patienten weiterzugeben, anstatt sie wegzuwerfen, handelte sich prompt eine Klage der örtlichen Apothekerkammer ein.

Tatsächlich könnte es einigen Apotheken an den Kragen gehen, wenn der Versandhandel offiziell legalisiert wird und weiter rasant expandiert. Erreicht er 5 Prozent Marktanteil, »dann müssen 20 bis 30 Prozent der Apotheken in Deutschland dichtmachen«, schätzt Maximilian Gaßner, Apotheken-Experte im bayerischen Sozialministerium.

Unterversorgt dürfte die Bundesrepublik, anders als der Apothekerverband behauptet, aber auch dann nicht sein. Deutschland hat mit die meisten Apotheken in Europa - auf 3800 Einwohner kommt eine. Viele Bewohner der Großstädte haben mehr Apotheken in ihrer Nähe als Metzger oder Bäcker.

Erfahrungen aus dem Ausland zeigen zudem, dass Versandapotheken und normale Apotheken durchaus nebeneinander existieren können: In der Schweiz etwa lag der Marktanteil der großen Versandapotheke Mediservice im vergangenen Jahr unter einem Prozent. Und auch hier zu Lande können sich gerade mal 39 Prozent der Bürger überhaupt vorstellen, bei einer Versandapotheke zu bestellen.

Wird erst einmal der EU-Binnenmarkt für Medikamente ganz geöffnet, werden auch feste Preise und das Verbot von Apothekenketten kaum mehr haltbar sein. Hans-Günter Friese, Chef der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, wirft der Bundesregierung deshalb vor, sie leiste der »hemmungslosen Kommerzialisierung Vorschub«, den Apothekern drohe die »Enteignung zu Gunsten des Großkapitals«.

Potenzielle Anbieter stehen in den Startlöchern. Am vergangenen Freitag gründete sich in Köln der Bundesverband Deutscher VersandapothekerInnen (BV-DVA). Die Mitglieder, Inhaber großer Apotheken, wollen in Deutschland Medikamentenversand betreiben. Mit dabei ist auch ein deutscher Ableger von Mediservice. Der hat bereits mit einigen Krankenkassen Lieferverträge abgeschlossen, so BV-DVA-Sprecher Thomas Kerckhoff, der gleichzeitig Geschäftsführer von Mediservice Deutschland ist.

»Das werden komplett neue und auch industrialisierte Strukturen«, prophezeit Kerckhoff. So könnten spezialisierte Versandapotheken entstehen, etwa eine, die sich besonders um Diabetiker kümmere und Zusatzleistungen wie eine »Insulin-Hotline« biete. Kerckhoff: »Für die deutsche Apothekenlandschaft wird der Versandhandel ein mittelschweres Erdbeben.« HEIKO MARTENS, CORDULA MEYER,

ALEXANDER NEUBACHER

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