Krebs Kurve nach oben
Mit Zytostatika und Photonenstrahlen werden die Tumoren traktiert. Kernspintomographen und Zellmarker spüren bösartige Geschwülste auf, Öko-Ärzte verordnen Misteln gegen Metastasen. Es wird geschnitten, bestrahlt und geröntgt. Doch der seit Jahrzehnten wogende Abwehrkampf gegen den Krebs zeigt wenig Wirkung. Die Krankheit ist auf dem Vormarsch.
Zu dieser düsteren Einsicht gelangt eine Studie der New York Academy of Sciences, die vorletzte Woche der Öffentlichkeit vorgestellt wurde*. Auf über 300 Seiten analysieren darin zwei Dutzend namhafte Epidemiologen die Krebshäufigkeit in den Industrienationen - mit beunruhigendem Ergebnis: *___Zwischen 1973 und 1987 nahm die Gesamtzahl der ____Krebsfälle (Inzidenz) in allen untersuchten Ländern zu. *___Trotz verbesserter Heilungschancen, etwa beim ____Hodenkrebs, stieg auch die Zahl der Krebsopfer ____(Mortalität) in den Industrienationen - von insgesamt ____rund 11 Millionen Todesfällen jährlich entfallen ____mittlerweile 2,3 Millionen auf Krebs.
Etwa 800 000 Tote gehen allein auf das Konto des Lungenkrebses. Er stellt mit rund 35 Prozent den Hauptanteil aller Krebsarten und breitet sich weiter aus: Bei den Frauen der sechs westlichen Wirtschaftsmächte wurde in kaum zwei Jahrzehnten eine Lungenkrebs-Zunahme von mehr als 150 Prozent registriert. _(* Devra Lee Davis, David Hoel (Hrsg.): ) _("Trends in Cancer Mortality in ) _(Industrial Countries«. Annals of The New ) _(York Academy of Sciences, Volume 609. ) _(348 Seiten; 90 Dollar. )
Um die Gesamtstatistik nicht zu verzerren, wurde dieser Hauptkiller aus den Berechnungen ausgeklammert. Beim Lungenkrebs ist die Ursache für die explosionsartige Steigerung bekannt: das Zigarettenrauchen. Doch selbst bei Ausschluß des stärksten Trendsetters weist die Krebskurve immer noch nach oben. Besonders gefährdet sind die Männer. Bei ihnen stieg die Mortalitätsrate seit 1950 - Lungenkrebs nicht mitgerechnet - um neun Prozent.
US-Epidemiologin Devra Lee Davis, Mitherausgeberin der umfassenden Trendanalyse, hat weitere Hiobsnachrichten gebündelt. Aus unbekannten Gründen nehmen bestimmte Krebserkrankungen, vor allem bei alten Leuten, sprunghaft zu. Überproportionale Zuwächse werden bei Melanomen, Brust-, Nieren- und Lymphkrebs verzeichnet, aber auch bei Hirntumoren sowie beim multiplen Myelom, einer Krebserkrankung, die vom Knochenmark ausgeht (siehe Grafik).
Besorgt sind die Forscher über die unheilvolle Parallelität der Entwicklung. Ob in Frankreich, Großbritannien, West-Deutschland, Japan, Italien oder in den USA - überall weisen die genannten Krebsarten hohe Steigerungsraten auf. Während der Magenkrebs international auf dem Rückzug ist (Abnahme während der letzten 70 Jahre in den USA und Deutschland: um 40 Prozent), sind die Organe Hirn und Haut zunehmend gefährdet. Edward Sondik, Vizedirektor am nationalen Krebsinstitut der USA: »Wir müssen unbedingt herausfinden, wie das kommt.«
Die Häufigkeit von Hirntumoren hat in den großen Industrienationen zwischen 1973 und 1987 um mehr als 60 Prozent zugenommen, in der Gruppe der 75- bis 84jährigen gab es sogar eine Verdoppelung. Die Japaner liegen zwar noch unter dem hohen West-Niveau, holen aber im Eiltempo auf. Bei ihnen stieg die Hirntumor-Inzidenz im selben Zeitraum »auf ein Vielfaches«.
Beträchtlich erhöht hat sich auch die Zahl der Brustkrebsopfer. US-Bürgerinnen laufen mittlerweile ein 30fach höheres Risiko, an Mammakarzinomen zu erkranken, als Frauen in Westafrika und Südamerika. Die Einnahme von Östrogenen, etwa mit der Antibabypille, oder ein Übermaß von Fett in der Nahrung, so die vage Vermutung, könnte die Entwicklung ausgelöst haben.
Ein überraschender Boom wurde bei den malignen Melanomen registriert. Die Häufigkeit dieser eitrigen, roten oder schwarzen Hauttumoren »steigt weltweit rapide an« (US-Krebsstudie); in Ländern wie Ungarn, West-Deutschland, Frankreich, der CSFR oder Neuseeland wurden jährliche Zuwachsraten von durchschnittlich sechs Prozent beobachtet. In der australischen Provinz Queensland ist die Krankheit fast zur Volksseuche geworden. Jeder zehnte Krebspatient wird dort von Melanom-Beulen zerfressen.
Krebsexpertin Davis macht Umwelteinflüsse für die meisten dieser Verschiebungen verantwortlich. Als Auslöser der Hautkrebs-Zunahme stehen gleich mehrere externe Faktoren in Verdacht: giftige Chemikalien, rauchende Schlote, das Ozonloch, übermäßiges Sonnenbaden.
Die von Abgaswolken umnebelten Bürger der hochtechnisierten Länder leben besonders riskant. Obwohl ihr Anteil an der Weltbevölkerung nur bei 20 Prozent liegt, stellen sie jährlich die Hälfte aller Krebstoten auf der Erde. Doch die schädlichen Einflüsse der Umwelt sind kaum erforscht. Nur sieben Prozent des milliardenschweren Krebsetats der USA, so klagt Statistikerin Davis, würden in die Epidemiologie und Ursachenforschung gesteckt.
Andere Experten nehmen die Ergebnisse der New Yorker Studie gelassener. »Schrott« werde da aufgetischt, höhnte etwa der britische Tumorforscher Sir Richard Doll. Für ihn ist der Anstieg der Krebszahlen lediglich die Folge verbesserter Diagnosen und aggressiverer Vorsorgeprogramme. Auch Leonard Kurland von der Mayo-Klinik in Rochester (US-Staat Minnesota) hält die Warnungen für übertrieben: Menschen mit einem wuchernden Hirntumor seien früher schlicht für »blödsinnig« erklärt worden. Heute dagegen würden Kernspintomographen selbst tief im Gehirn wachsende Geschwüre ohne Schwierigkeit aufspüren.
Auch der Oxford-Wissenschaftler Richard Peto sieht keinen rechten Grund zur Panik. Seiner Meinung nach hat die Seniorenschwemme in den Industrienationen das Zahlenwerk aufgeblasen. Peto lakonisch: »Daß alte Menschen sterben, ist normal.«
Die New Yorker Statistik-Autoren halten dem entgegen, die von ihnen vorgelegten Zahlen seien »altersbereinigt«. Auch an den verbesserten Diagnose-Techniken kann der globale Krebszuwachs nicht liegen. Um dieses Argument zu entkräften, hat die Arbeitsgruppe 60 000 überlieferte Krankengeschichten nach Hirntumor-Fällen durchkämmt. Bereits in den frühen siebziger Jahren, so das Resultat, wurden die Geschwülste mit Hilfe von Gewebsentnahmen zu 96 Prozent entdeckt. Den Krebsanstieg in einen Erfolg der Heilkunst umzumünzen, warnt US-Mediziner Davis, »wäre eine echte Tragödie«.
Ständig höhere Sterberaten fordert auch der Knochenmarkkrebs in den Industrienationen. Besonders gefährdet sind Männer ab 65 Jahren. Philip Landrigan, US-Experte für Umwelt- und Berufskrankheiten, nennt in der Studie das Benzol als möglichen Übeltäter. Wer den giftigen Stoff, etwa als Maler oder Tankwart, über Jahre hinweg in schwacher Dosis einatmet, vervierfacht sein Risiko, am multiplen Myelom zu sterben, so hatte eine Landrigan-Studie gezeigt.
Völlig ungeklärt dagegen sind die Ursachen der Zunahme von Non-Hodgkin-Lymphkrebs. Maligne Lymphome wuchern in den Mandeln oder Lymphknoten und können die Größe von Tennisbällen erreichen. In den USA nimmt die Zahl der Patienten, die unter diesen bösartigen Wucherungen leiden, jährlich um 3,2 Prozent zu.
Fachleute brachten die Ausbreitung des Lymphkrebses mit dem Versprühen von Herbiziden in Verbindung. In Australien, wo die Unkrautvernichter massenhaft auf den Feldern versprüht werden, tritt diese Krankheit jedoch nicht gehäuft auf.
»Wir haben uns über 1000 Fälle angesehen«, sagt US-Epidemiologe Brian Henderson, doch der Lymphom-Boom bleibe einstweilen »mysteriös«.
* Devra Lee Davis, David Hoel (Hrsg.): »Trends in Cancer Mortalityin Industrial Countries«. Annals of The New York Academy ofSciences, Volume 609. 348 Seiten; 90 Dollar.