ARZNEIMITTEL Kurzer Effekt
Im Kampf gegen des Leibes Fülle haben die Bundesdeutschen im vergangenen Jahr gut eine halbe Milliarde Kapseln, Dragees und Tabletten geschluckt, die von den Herstellern als wirksame Abmagerungsmittel gepriesen werden. Doch fast stets erleichtern die bunten Pillen nicht den Dicken, sondern nur sein Portemonnaie.
Das soll nun anders werden. Sachte erst, später wenn möglich energisch, will das Bundesgesundheitsamt den Konsum der umstrittenen Appetitzügler einschränken. Das Berliner Amt ärgert sich nicht so sehr darüber, daß die begehrten Eßbremsen aus runden keine ranken Menschen machen. Die Arzneimittelüberwacher sind vielmehr besorgt, daß mancher der pillengläubigen Abnehmer auch noch süchtig wird.
Wegen dieser Gefahr und weil »alle Abmagerungsmittel lediglich einen kurzdauernden appetitsenkenden Effekt haben«, hat die schwedische Arzneimittelbehörde schon am 1. April dieses Jahres die Appetitzügler »Mirapront« (der in Schweden anders zusammengesetzt ist als in der Bundesrepublik) und »Anfamon« von Amts wegen aus dem Verkehr gezogen. Eine dritte Firma beantragte von sich aus die »Rücknahme der Verkaufszulassung« für ihren Schlankmacher »Obesidyl«.
Die Präparate gerieten auf den Index, weil ihr Wirkstoff den Konsumenten »zentral stimuliert« -- das freilich tun auch viele der medikamentösen Appetithemmer ("Antiadipositas"), die es in Deutschlands Apotheken, oft rezeptfrei, zu kaufen gibt: Ihre Inhaltsstoffe sind meist gefäßverengende Chemikalien vom Typ des Kreislaufmittels Ephedrin oder Verwandte des berühmten Muntermachers Amphetamin.
Diese Droge gab, in süße Fliegerschokoladen eingearbeitet, deutschen Bomberpiloten des Zweiten Weltkrieges den aggressiven Mut und macht heute noch gedopten Radrennfahrern Beine. In der Drogenszene wird Amphetamin als »speed« gehandelt.
Belebt und munter, dazu vorübergehend ohne Hunger fühlen sich anfangs auch die Konsumenten der Appetitzügler. Die Präparate steigern die Herzfrequenz und erhöhen den Blutdruck. Mit Hilfe des Appetitzüglers »X-112« --Hersteller-Werbung: »Pfundig abnehmen« -- brachten sich in den letzten Jahren Hunderte von Drogensüchtigen so in Schwung, daß die begehrten Tropfen schließlich doch unter Rezeptpflicht gestellt wurden. »A-112«-Dragees hingegen gibt es für jedermann noch frei zu kaufen.
90 Prozent aller Appetitzügler, so schätzt Professor Peter Schönhöfer, Abteilungsleiter im Bundesgesundheitsamt (BGA), gehen ohne Rezept über die Apothekertresen. Der Kunde hat die Wahl zwischen mehr als einem Dutzend Präparaten. Offenbar um das Suchtpotential der Amphetamin-Abkömmlinge zu umgehen, mixen viele Pharmabetriebe in ihre Schlankmacher als Stimulans neuerdings chemische Varianten des Ephedrins. Doch damit ist wenig geholfen.
Ephedrin hat im menschlichen Organismus die gleichen Wirkungen wie das vom Nebennierenmark ausgeschüttete »Notfallhormon« Adrenalin: Es steigert Pulsfrequenz und Blutdruck, erweitert die Pupillen und vermindert die Beweglichkeit (Peristaltik) des Darmes. Der Körper wird auf Leistung und Aggressivität getrimmt: Auch Adrenalin und Ephedrin sind »speed«.
Angesichts dieser Ingredenzien ist die Liste möglicher Nebenwirkungen der Appetitzügler lang: Sie können Einschlafstörungen, Herzklopfen, Reizbarkeit und Konzentrationsstörungen hervorrufen. Mit Alkohol oder Psychodrogen zusammen sind sie besonders schlecht verträglich. Wer die stimulierenden Drogen länger als drei oder vier Wochen schluckt, muß sogar mit »Horror-Trips«, angstvollen Erregungszuständen, rechnen. Beim Absetzen driften manche Patienten in eine Depression.
Diese Niedergeschlagenheit wird durch das traurige Fazit der appetitzügelnden Therapie verstärkt: Im Endeffekt vermindern die Abmagerungsmittel das Körpergewicht nur selten. »Auf Dauer«, so erklärte Ende letzten Jahres die »Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft«, lasse sich Übergewicht »wirksam nur mit einer Ernährungsumstellung bekämpfen«.
Von angesehenen Kliniken werden die umstrittenen Schlankmacher deshalb nicht verordnet. Selbst die Vertreter der Apothekerschaft, auch sie vom BGA befragt, ließen das Amt wissen, daß die hohen Appetitzügler-Umsätze nicht als Beweis der Wirksamkeit, sondern lediglich als klares Indiz für millionenfachen Mißbrauch zu werten sind.
Nur die Pharma-Industrie sieht das alles ganz anders. Aus Produzenten-Sicht sind Appetitzügler wegen des weitverbreiteten Übergewichts und der damit verbundenen Gefahren »unentbehrlich«. Daß eine halbe Milliarde Schlankheitspillen pro Jahr -- gesetzt, sie bewirken, was ihre Hersteller versprechen S.217 -- den rund zehn Millionen dicken Deutschen eigentlich in einer Saison zur Silhouette von Suppenkaspern verhelfen müßte, will den Vertretern der Hersteller nicht in den Kopf.
BGA-Schönhöfer, nach der gesetzlich vorgeschriebenen Anhörung der »beteiligten Wirtschaftskreise": »Immer, wenn unsere Maßnahmen den Umsatz beeinträchtigen könnten, schreit die Industrie auf.«
Daran hat sich offenbar auch durch die trüben Erfahrungen nichts geändert, die Ende der sechziger Jahre mit dem -- in Amerika entwickelten, aber vor allem in Deutschland, Österreich und der Schweiz vertriebenen -- Appetitzügler »Menocil« gemacht wurden. Damals waren fast 1000 Menschen nach Menocil-Einnahme an schwerem, häufig tödlichem Lungenhochdruck erkrankt.
Die Sorge um den Umsatz ist bei den Pharma-Herstellern offenbar noch immer größer als die Sorge ums Patientenwohl. In der Sachverständigen-Kommission, der mehr als zwei Dutzend Experten der Heilberufe angehören, konnten die Pharma-Firmen das für sie Schlimmste diesmal noch verhüten. Die vom BGA erstrebte Rezeptpflicht bleibt den Pillen-Produzenten vorerst erspart.
Statt dessen soll der Verbraucher im kleingedruckten Text der Beipackzettel vor den Gefahren gewarnt werden, die den Anti-Hunger-Pillen eigen sind. Wie bei den Zigaretten sollen die Hersteller demnächst verpflichtet werden, auf die Packung eine abschreckende Wahrheit drucken zu müssen. Schönhöfer schwebt der Satz vor: »Dauergebrauch kann zur Abhängigkeit führen.«
Wenn das nicht hilft, will das BGA aufs neue die Rezeptpflicht fordern. Ob die Berliner beim nächsten Versuch damit durchkommen, ist zweifelhaft. Die Umsatz- und Verbrauchsentwicklung aller Medikamente wird von der Industrie zwar sorgsam registriert. Nur: Diese Daten, zusammengefaßt in dicken IMS-Bänden, sind »streng vertraulich« und dem BGA nicht bekannt.
Wären diese Zahlen den Berliner Gesundheitsbehörden vertraut, könnten sie allzu leicht auf die mißbräuchliche Verwendung der Appetithemmer schließen. Bezeichnend dafür ist beispielsweise der lawinenartig anschwellende Umsatz an X-112-Dragees in Westdeutschland. Waren es 1978 erst 350 000 verkaufte Packungen (zu je 100 Dragees), so schoben westdeutsche Apotheker im letzten Jahr schon 2,5 Millionen Packungen X-112 für rund 50 Millionen Mark über den Tresen.
Nur wenig schlechter verkauften sich zwei andere der chemischen Eßbremsen: Die »Adiposetten N« der Berliner Reiss-Werke brachten 40 Millionen Mark, die Recatol Kapseln der Woelm Pharma aus dem hessischen Eschwege runde 35 Millionen Mark in die Kassen der Apotheker.