Leben auf Pump - DER SPIEGEL
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MEDIZIN Leben auf Pump

US-Mediziner setzten einem Sterbenden ein neuartiges Kunstherz ein, das sein eigenes völlig ersetzen soll. Die Herstellerfirma hofft auf gute Geschäfte. Aber noch vor Ende des Experiments streiten Experten: Kann es sinnvoll sein, ein Herz aus dem Körper herauszuschneiden?
• aus DER SPIEGEL 28/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Barney Clark war 61 Jahre alt und schwer krank, als er auf der Schwelle zum Tode etwas tat, was noch niemand vor ihm vermocht hatte: Um weiterzuleben, opferte er sein Herz.

Der Zahnarzt im Ruhestand aus der Umgebung von Seattle ließ sein Herz am 2. Dezember 1982 entfernen. Sein Chirurg William DeVries setzte ihm stattdessen »Jarvik 7« ein, das erste implantierbare Kunstherz der Welt. Die Pumpe aus Plastik war groß wie zwei Fäuste und forderte Clark einiges ab: Zwei Meter lange Schläuche ragten aus seiner Brust. Sie führten zu einem kühlschrankgroßen Kompressor neben seinem Bett, der sein kaltes Herz mit Druckluft antrieb. Tagein, tagaus lärmte die Maschine: »plop - plop - plop«.

Der Traum vom neuen Pumporgan aus der Werkstatt wurde sehr bald zum Alptraum. Vor den Kameras der Weltpresse durchlitt Clark ein 112-tägiges Martyrium. Er kämpfte mit Panikattacken, Halluzinationen, Krämpfen und Depressionen, Infektionen, Schlaganfällen, Nieren- und Leberversagen. Sein Blut verklumpte an den Wänden seines Herzens. Am Ende bettelte Clark um Erlösung.

Vier weiteren Patienten setzte DeVries Jarvik 7 noch ein. Alle fanden ein ähnlich grauenhaftes Ende. Dann verbot die US-Arzneimittelbehörde FDA weitere Versuche mit dem Austauschherzen. Einer der Herzempfänger soll gesagt haben, es gebe Schlimmeres als den Tod, und das Kunstherz gehöre dazu. Die »New York Times« urteilte, Jarvik 7 sei »der Dracula der Medizintechnik«, und seither galt das Kunstherz als Inbegriff ehrgeiziger, aber letztlich Menschen verachtender Apparatemedizin, die nicht Leben rettet, sondern einzig Leiden verlängert.

Jetzt, 20 Jahre später, hat sich Dracula wieder erhoben.

Seit Montag vergangener Woche pumpt ein Kunstherz neuer Generation mit 120 Schlägen pro Minute Blut durch den Körper eines Mannes, der seit diesem Tag kein eigenes Herz mehr hat. In siebenstündiger Operation setzten die Herzchirurgen Laman Gray und Robert Dowling in Louisville (US-Bundesstaat Kentucky) diesem Schwerstkranken ein Gerät mit Namen »Abiocor« ein: 900 Gramm schwer, groß wie eine Pampelmuse - eine Maschine aus Titan und Plastik, die einem Sterbenden ein Leben auf Pump ermöglicht.

Auf Wunsch seiner Familie blieb er bisher anonym. Einzig, dass der Patient männlich und unter 60 Jahre alt sei, mochten die Ärzte verraten - und dass der Eingriff »perfekt« verlaufen sei. Gray und Dowling hatten ihre Handgriffe zuvor an 45 Kälbern erprobt. »Etwas Aufregenderes«, sagt Gray, »kann ich mir nicht vorstellen.«

Knapp 20 Jahre dauerte die Entwicklung von Abiocor. David Lederman, Gründer und Chef der Herstellerfirma Abiomed aus Danvers in Massachusetts, wünscht sich, seine Kunstherzen bald zu Hunderten und Tausenden zu verkaufen. »Niemand«, sagt der gelernte Luft- und Raumfahrtingenieur, »sollte sterben, nur weil sein Herz versagt.«

Im Vergleich zu Jarvik 7 ist Abiocor tatsächlich weit fortgeschritten. Es schlägt fast geräuschlos, selbst mit einem Stethoskop ist nicht viel zu hören. Lithium-Ionen-Akkus, wie in modernen Handys, sind im Brustraum implantiert und halten das Gerät am Laufen. Sie werden über eine Induktionsspule durch die geschlossene Haut hindurch aufgeladen. Anders als bei Jarvik 7 dringen deshalb weder Schläuche noch Kabel durch die Haut, infolgedessen ist das Infektionsrisiko weitaus geringer. Und der Patient ist, zumindest theoretisch, mobil: Clark und seine Leidensgenossen waren an große Apparaturen gekettet. Wer jetzt Abiocor eingesetzt bekommt, hat alles in sich, was er braucht; nur die äußere Induktionsspule mit Ladegerät hängt am Gürtel (siehe Grafik).

Hochmoderne Regeltechnik hält das Kunstherz flexibel. Sensoren messen ständig den Druck in den künstlichen Herzkammern. Bei körperlicher Anstrengung erhöht eine im Oberbauch eingesetzte Steuereinheit automatisch die Schlagfrequenz. Mit diesem Kunstherz, so verspricht die Firma, sollen Schwerstkranke wieder arbeiten, Tennis spielen, selbst Sex haben können. »Abiocor«, sagt Herzchirurg Gray, »ist das komplexeste medizinische Gerät, das je hergestellt wurde.«

Markiert das Titan-Kunstherz in Louisville nun also den Wendepunkt in der Behandlung der Herzkrankheiten? Könnte es der Ausweg sein aus dem chronischen Mangel an Spenderorganen? In einer Hinsicht zumindest ist der Wendepunkt bereits erreicht: Der Aktienkurs von Abiomed hat sich seit Bekanntgabe der Pläne im Frühjahr mehr als verdoppelt.

Vieles, weiß Lederman, hängt davon ab, ob der Patient in Louisville auch so erbärmlich leiden wird wie Clark und die anderen Jarvik-7-Empfänger. Dann wäre das implantierbare Kunstherz für lange Zeit in der Öffentlichkeit diskreditiert, und es wird weder Geld noch die Genehmigungen für weitere Versuche am Menschen geben.

Noch Freitagabend, so meldete das Jewish Hospital in Louisville, ging es dem Patienten »erstaunlich gut«. Unabhängige Berichterstatter wurden jedoch nicht vorgelassen. Der Abiocor-Empfänger sei bei Bewusstsein, habe seine Familie um sich und schon am Mittwoch im Rollstuhl sitzen können. Allerdings musste er wieder beatmet werden, nachdem die Schläuche zuvor für einige Stunden entfernt werden konnten.

Die Operation ist offenbar gelungen - und der Patient trotzdem bald tot: Nieren und Leber arbeiteten schon vor dem Eingriff schlecht, der Patient leidet an Diabetes und genereller Schwäche, nachdem er Monate im Rollstuhl saß. Sein eigenes Herz war vernarbt von vielen Infarkten und einer Bypass-Operation vor über zehn Jahren. Vor der Verpflanzung betrug seine Lebenserwartung keine 30 Tage, er war »so krank, wie man nur sein kann« (Gray) und zu hinfällig für eine Herztransplantation oder jede andere Therapie.

Falls er diesen Sommer überlebt, hätten die Abiomed-Ingenieure bereits erreicht, was sie sich vorgenommen haben: 60 Tage bei annehmbarer Lebensqualität, das ist das bewusst bescheiden angesetzte Ziel des Menschenversuchs.

Die Zulassungsbehörde FDA hat Abiomed erlaubt, vier weiteren Sterbenden ein Kunstherz einzusetzen. Die Eingriffe sollen in Boston, Houston, Los Angeles und Philadelphia stattfinden. Viel haben die Kranken nicht zu erwarten, wie Lederman sagt: »Manche von ihnen werden länger leben als 60 Tage, manche kürzer.«

Die Firma bemüht sich damit, überzogenen Erwartungen vorzubeugen. Die beteiligten Mediziner hingegen machen den

Kranken offenbar durchaus Hoffnungen auf Monate oder gar Jahre: »Ich habe einen Pakt mit ihm«, scherzt Gray über den frisch Operierten. »Er muss mir noch das Fischen beibringen.«

Wahrscheinlich erst wenn alle fünf moribunden Pionierpatienten operiert und beerdigt sind, wird Abiomed Menschenversuche mit 15 weiteren Patienten beantragen, die bessere Chancen haben, von einem Kunstherz tatsächlich zu profitieren.

Doch noch ehe Abiocor seine Stärken oder Schwächen beweisen kann, ist das Kunstherz bereits heftig umstritten. Viele Fachleute sprechen dem implantierbaren Kunstherzen jede Sinnhaftigkeit ab: Es sei schlicht ein Ausdruck von Größenwahn.

Der Traum, das anfällige Organ Herz in seiner Gesamtheit durch eine brillante Maschine zu ersetzen, stammt aus den Hochzeiten des Technik-Optimismus. 1964, inmitten der euphorischen Aufbruchstimmung in Richtung Mond, schoben die National Institutes of Health das erste Kunstherzprogramm an. Zahlreiche Firmen aus der Luftfahrt-, Raumfahrt- und Rüstungsindustrie witterten damals das große Geschäft.

Es ist nichts daraus geworden. Die Idee, ein biologisches Organ lasse sich einfach mechanisch kopieren, erwies sich als überaus naiv.

Die verblüffende Leistungskraft echter Herzen, das haben die Bioingenieure langsam lernen müssen, stellt alles in den Schatten, wozu sie fähig sind. Rund 100 000-mal schlägt ein echtes Herz jeden Tag. In einem 70-jährigen Leben hat sich der Herzmuskel - ohne Wartung, ohne Störung - fast 3 Milliarden Mal zusammengezogen. Mit jedem Schlag werden nur etwa 70 Milliliter Blut bewegt, doch das summiert sich: Im Laufe eines Lebens pumpt das Herz den Inhalt eines mittelgroßen Badesees leer.

Niemand weiß, wie gut sich Abiocor auf Dauer schlagen wird. Von den Kälbern, denen das Herz eingesetzt wurde, ist kein Aufschluss zu erwarten: Sie wurden wenige Monate nach der Operation getötet, als ihre Körper für ihre künstlichen Menschenherzen zu groß wurden. Nur im Laborversuch musste das Kunstherz seine Haltbarkeit beweisen - und auch das nur für die Dauer eines Jahres.

Zunehmend streiten Fachleute über das Bauprinzip der Abiocor-Herzen. Es geht um die Frage: Lohnt es sich, ein Herz, wie krank es auch sein mag, gänzlich zu opfern? Die meisten Experten halten dies mittlerweile für einen Fehler.

Selbst Kunstherz-Veteran Robert Jarvik, der Konstrukteur von Jarvik 7, schwört inzwischen ab. Er glaubt nicht mehr an ein von Menschen gemachtes Organ, das dem echten auch nur in Ansätzen ebenbürtig sein könnte. »Viele Jahre Erfahrung«, sagt er, »haben uns gelehrt, dass es unnötig ist, das Herz herauszuschneiden.«

Abiocor, sagt er, sei »obsolet«. Das Kunstherz erzeuge »nur falsche Hoffnungen«. Es sei eine anerkennenswerte, aber völlig fehlgeleitete Unternehmung. Unter anderem hält er Abiocor schlicht für zu groß: Das Implantat finde nur im Brustkorb breitschultriger Männer ausreichend Platz; Frauen, Schmächtige und Kinder hätten keine Chance.

Das Nachfolgemodell von Jarvik 7, Cardiowest, wurde nach vielen kleinen Verbesserungen - durchaus erfolgreich - nur noch zur Überbrückung bis zu einer Transplantation eingesetzt. So gut wie alle anderen Hersteller setzten auf Systeme, die das kranke Herz nicht ersetzen, sondern lediglich unterstützen sollen.

Viele dieser Unterstützungssysteme arbeiten bereits außerordentlich erfolgreich. Erst vor wenigen Wochen implantierten Freiburger Chirurgen einem Patienten das nur daumengroße Modell Jarvik 2000, das dauerhaft dessen linke Herzkammer unterstützen soll. Die Assistenzpumpe wiegt nur 85 Gramm. Der Patient ist bereits nach Hause gegangen.

Andere Patienten leben mit dem Modell Lionheart ("Löwenherz"), das wie Abiocor für seine Energieversorgung keine Verbindung mehr nach außen benötigt. Seit 1994 wurden weltweit mehr als 10 000 Menschen solche Unterstützungsapparate eingesetzt - sie alle waren todgeweiht; viele von ihnen überlebten, bis sich ein geeignetes Spenderherz für sie fand, oder sie führen mit dem Gerät ein erträgliches Leben.

Wie wichtig es ist, das kranke Herz am Platz zu lassen, haben Ärzte am Berliner Herzzentrum 1995 auf spektakuläre Weise entdeckt. Wegen einer Hirnembolie mussten sie einem 38-jährigen Patienten sein unterstützendes Kunstherz wieder entfernen - doch statt in eine schwere Krise zu geraten, schlug zum Erstaunen der Ärzte sein eigenes Herz wieder kräftig und sicher: Offensichtlich, so schlossen die Chirurgen, kann sich ein todkrankes Herz, wenn es zeitweise entlastet wird, wieder völlig erholen.

Ein derartiger Fall ist derjenige der einjährigen Myrthe. Das kleine Mädchen aus dem niederländischen Soest litt an einer akuten Herzmuskelentzündung. Ihr Herz hörte am 2. Juni auf zu schlagen. Im Notfallhubschrauber wurde sie nach Berlin geflogen. Dreimal musste sie unterwegs reanimiert werden. Auch Nieren und Lunge funktionierten nicht mehr. Im Herzzentrum wurde sie an eine Babyherzpumpe angeschlossen: Sie wird auf der Bauchdecke installiert und über Kanülen mit dem Herz verbunden.

Binnen zehn Tagen erholten sich das Herz und die anderen Organe so gut, dass das Kleinkind wieder vom Kunstherz getrennt werden konnte. Mitte vergangener Woche, während in Louisville Ärzte und Medizintechniker ihren todkranken Pionierpatienten beobachteten, kehrte Myrthe mit ihrer Familie nach Hause zurück.

Für den Chef der Berliner Herzchirurgie, Roland Hetzer, liegt die Zukunft in der Hilfspumpe, nicht im Ersatzteil. »Unterstützende Kunstherzen werden mal so gewöhnlich werden wie Herzschrittmacher«, prophezeit er. »Es gibt so viele alte Menschen, denen ein kleiner zusätzlicher Push gut tun würde.«

Trotzdem möchten Mediziner jetzt auch in Deutschland mit Abiocor experimentieren. In Bad Oeynhausen wollen Herzchirurgen bereits im September ein Kunstherz implantieren. Notwendig könnte das Austauschherz zum Beispiel sein, wenn eine Herzkrankheit nicht nur die linke Herzhälfte beschädigt hat, die für den Bluttransport in den Körper zuständig ist, sondern auch die rechte, die Blut durch die Lungen pumpt. Voll implantierbare Unterstützungssysteme können bislang lediglich der linken Seite aushelfen.

»Abiocor wird auf keinen Fall eine Universallösung werden«, sagt Aly El-Banayosy, Oberarzt am Herzzentrum von Bad Oeynhausen, »sondern, falls es sich bewährt, ein Modell unter vielen werden.« Für breiteren Einsatz sei es im Übrigen schlicht zu gefährlich: »Das Schlimmste, was passieren kann«, sagt er, »ist, dass der Motor versagt.« Dann ist der Patient, anders als bei unterstützenden Systemen, unrettbar verloren.

Überdies tun sich im Zusammenspiel zwischen Maschine und Körper Risiken auf, die bisher kaum abzusehen sind. Neben Blutungen und Infektionen bleibt trotz aller Fortschritte vor allem die Bildung von Gerinnseln unberechenbar. Dagegen verabreichen die Mediziner in Louisville gerinnungshemmende Medikamente. »Noch«, räumt jedoch Abiomed-Sprecher Edward Berger ein, »wissen wir nicht einmal genau, wie wir sie dosieren müssen.«

Zudem ist das Herz - wenngleich nicht, wie der griechische Naturforscher Aristoteles glaubte, der Sitz des Verstandes - doch mehr als eine bloße Pumpe. So produzieren zum Beispiel die Herzvorhöfe eine Reihe von Hormonen. Weil niemand weiß, was passiert, wenn diese auf Dauer fehlen, ließen die Chirurgen, als sie Abiocor einbauten und dabei das Herz entfernten, vorsichtshalber einen Teil der Vorhöfe stehen.

William DeVries, der besessene Operateur von Barney Clark, drückt seinen Nachfolgern die Daumen. »Die Arbeit muss getan werden«, sagt er. Voller Begeisterung verfolgt er die Bemühungen der Abiomed-Mediziner: »Diese jungen Kerle sind aggressiv. Sie erinnern mich an mich selbst vor 20 Jahren.«

DeVries, 57, operiert nicht mehr. Er ist nun selber herzkrank, eine Diagnose, die ihn tief erschüttert hat: »Als Chirurg hältst du die Herzen anderer Leute in deiner Hand, und du kriegst das Gefühl, dass du den Tod bezwingen kannst, dass du irgendwie übermenschlich bist. Aber dann wirst du plötzlich selber krank. Und dann erst wird dir klar, wie sterblich du selbst doch bist.«

MARCO EVERS, VERONIKA HACKENBROCH

* Mit Robert Kung (M.) von der Firma Abiomed.

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