Lebende Leiche - DER SPIEGEL
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ASTRONOMIE Lebende Leiche

Ratlos starren Astronomen auf Eta Carinae: Der größte Stern der Milchstraße strahlt immer heller. Wird er bald explodieren?
• aus DER SPIEGEL 10/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf dieser Welt wächst kein Gras mehr. Die blau glühende Riesensonne, die fast die Hälfte des Himmels bedeckt, grillt die Planetenoberfläche. Sekundenschnell verdampfen Flüsse und Berge.

Eine solche Flammenhölle wäre die Erde, wenn sie Eta Carinae umkreisen würde. Der 8000 Lichtjahre entfernte Feuerball ist der größte und schwerste Stern der ganzen Milchstraße. Vier Millionen Mal mehr Energie als die Erdensonne strahlt Eta Carinae ab. Sein Sonnenwind bläst so heftig, dass in jeder Sekunde rund 100 Billiarden Tonnen Sternenmaterial davonwehen. »Er gehört ins Guinness-Buch der Rekorde«, meint US-Astronom Kris Davidson, der den Giganten seit Jahren erforscht.

Der blaue Riese ist aber auch der rätselhafteste Stern der ganzen Galaxis. Alle paar Jahre verändert sich in unerklärlicher Weise sein Lichtspektrum. Oder es kommt zu Ausbrüchen von Röntgenstrahlung. Auch beobachten die Sternenforscher neuerdings einen seltsamen Anstieg seiner Temperatur. »Ein verrücktes Ding«, sagt Davidson. »Mit jeder neuen Entdeckung steigert sich das Rätsel nur noch.«

Seit kurzem bringt der Riesenstern die Astronomen restlos zur Verzweiflung. Wie aktuelle Messungen zeigen, hat seine Leuchtkraft sprunghaft zugenommen: Eta

Carinae strahlt jetzt mehr als doppelt so hell wie noch vor zwei Jahren.

»Das ist so unheimlich, dass viele von uns zunächst an den Messergebnissen zweifelten«, berichtet Davidson. »Noch heller darf er nun nicht mehr werden - sonst sprengt ihn sein enormer Strahlungsdruck auseinander.« Das Fachmagazin »Astronomy« warnte bereits: »Der Monsterstern läuft heiß.«

Könnte es tatsächlich passieren, dass Eta Carinae schon bald in einer gewaltigen Explosion zerplatzt? Und würde dieser dramatische Abgang von der Himmelsbühne, wie manche Sternenforscher warnen, auch auf der Erde zu spüren sein?

Fest steht: Die sonderbare Riesensonne ist schon einmal nur knapp der Auslöschung entkommen. Der britische Astronom John Herschel war kurz vor Weihnachten 1837 gerade auf einer Forschungsreise in Südafrika, als eines nachts am Firmament plötzlich Eta Carinae aufblitzte. »Nie zuvor«, schrieb Herschel, »habe ich dort ein so brillantes Objekt gesehen.«

Für kurze Zeit erstrahlte Eta Carinae als hellster Stern am Südhimmel. Dann wurde sein Licht immer schwächer, bis er mit bloßem Auge nicht mehr zu erkennen war. Eine urgewaltige Explosion, eine so genannte Supernova, hatte Eta Carinae scheinbar zerrissen. War er zu einem toten Stern geworden?

Erst später stellte sich heraus, dass die Sternenleiche noch sehr lebendig war. In einem bombastischen Ausbruch hatte Eta Carinae lediglich einen kleinen Teil seiner schier unerschöpflichen Gashülle ins All gehustet - selbst dieser geringe Aderlass war immerhin noch dreimal massereicher als die Erdsonne.

»Offenbar funktioniert der Riesenstern wie ein gigantischer Kochtopf«, erläutert die Heidelberger Astronomin Kerstin Weis, die über Eta Carinae soeben ihre Doktorarbeit geschrieben hat. »Als der Druck in seinem Innern zu groß wurde, hat er einfach etwas Dampf abgelassen.«

Tausendmal schneller als eine Gewehrkugel raste der Auswurf aus Gas und Staub ins All hinaus. Die dabei entstandenen Materiewolken, die aussehen wie ein kleines dickes Männchen, haben den Stern vollständig eingehüllt. Unter dieser wabernden Tarnkappe verschwand Eta Carinae nach 1843 scheinbar vom Himmel.

In der expandierenden Materiewolke sieht Astronomin Weis auch einen möglichen Grund, weshalb Eta Carinae neuerdings immer heller wird: »Je mehr sich der Materieschleier ausdehnt, desto dünner wird er - und wenn sich der Nebel lichtet, sehen wir eben wieder das Licht des Sterns.«

Mit dieser Hypothese lassen sich andere sonderbare Phänomene - beispielsweise die pünktlich alle 85 Tage von Eta Carinae ausgesandten Röntgenblitze - indes nicht erklären. Einige Astronomen vermuten deshalb, dass die Erscheinungen Vorboten für den großen Knall sein könnten. »In der Tat ist Eta Carinae bereits ziemlich ausgebrannt«, sagt Weis. »Der Stern kann deshalb jederzeit zu einer Supernova werden - spätestens in einigen tausend Jahren wird er explodieren.«

Am Ende seines feurigen Lebens wird der sterbende Stern sich dann ein letztes Mal aufblähen und seine gesamte Gashülle in den Weltraum schleudern. Für einige Tage werden seine Millionen Grad heißen Überreste heller strahlen als alle anderen Sterne der Milchstraße zusammen.

Weil Eta Carinae sich, kosmisch gesehen, in der Nachbarschaft befindet, werden großen Mengen der bei der Sternenexplosion freigesetzten Röntgen- und Gammastrahlung sogar die Erde erreichen. Mögliche Folge: In der irdischen Lufthülle wird eine chemische Reaktionskette ausgelöst. Der Ozonschild, der das Leben auf der Erde vor dem schädlichen UV-Licht der Sonne schützt, bekommt Risse.

Für den Weltuntergang wird die Supernova-Explosion aber wohl kaum reichen. Nur holen sich die Menschen dann weit schneller als gewohnt einen Sonnenbrand. OLAF STAMPF

* Aufgenommen mit dem Hubble-Weltraumteleskop; der blaue Sternverbirgt sich in einem dichten Materieschleier.

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