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MEDIZIN Lebensblut abgesaugt

Nur ein Mädchen überlebte in England die Trennung eines siamesischen Zwillingspaares. Dürfen Ärzte töten, um Leben zu retten?
Von Günther Stockinger
• aus DER SPIEGEL 46/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als die Chirurgen die gemeinsame Körperschlagader der beiden drei Monate alten Mädchen durchschnitten, war Marys Schicksal besiegelt: Das Mädchen starb innerhalb weniger Minuten.

Das 20-köpfige Operationsteam am St. Mary''s Hospital im nordenglischen Manchester stellte für eine Minute die Arbeit ein und verharrte schweigend um den toten Körper. Dann setzte das Klirren der Bestecke erneut ein - Mary war tot, nun mussten die Mediziner um das Leben ihrer Zwillingsschwester Jodie kämpfen.

Die chirurgische Trennung der siamesischen Zwillinge Mary und Jodie, deren Eltern von der zu Malta gehörenden Mittelmeerinsel Gozo stammen, sorgte vergangene Woche weltweit für Aufsehen. Die beiden Mädchen waren Unterleib an Unterleib zusammengewachsen. Ihre Beine standen im rechten Winkel vom Körper ab. Rückgrat, Aorta, Genitalien und Verdauungssysteme waren durch eine Laune der Natur verschmolzen. Nur durch Jodies Herz wurde sauerstoffreiches Blut in Marys schlaffen Körper gepumpt (siehe Grafik).

Die Trennung war prekär, denn nur Jodie würde den Eingriff überleben. Die 29jährige Mutter und der 44-jährige Vater der Zwillinge verbrachten die Zeit während des Eingriffs »traurig und völlig erschöpft« in einem Nebenzimmer - am Montagmorgen hatten sich die beiden vor der Operation von Mary verabschiedet.

Der gewagte medizinische Akt strapazierte das Durchhaltevermögen der Operateure stärker als vorgesehen. Neurochirurgen mussten das Rückgrat der Säuglinge voneinander trennen, das wie ein gemeinsamer Lebensstrang durch beide Körper lief. Anschließend formte das Team für Jodie ein künstliches Becken. In einem letzten Operationsabschnitt verschlossen die Mediziner die Wunden Jodies mit der Haut ihrer toten Schwester.

Erst nach 20 Stunden war der Eingriff beendet. Jodies Zustand sei »kritisch, aber stabil«, teilte eine Kliniksprecherin in knappen Worten mit. Ihre Schwester Mary dagegen sei »unglücklicherweise und trotz aller Bemühungen des Ärzteteams« gestorben - eine Beschönigung, die die Gemüter besänftigen sollte; denn schon vor dem Eingriff waren Teile der britischen Öffentlichkeit gegen die Operation mit Todesfolge Sturm gelaufen.

Abtreibungsgegner hatten das Treiben der Mediziner in die Nähe der Euthanasie-Politik der Nazis gerückt. Noch während der Operation demonstrierten britische Katholiken vor der Klinik gegen die Trennung der Zwillinge. Auch die Eltern selbst hatten sich gegen den Eingriff fast bis zuletzt verbissen gewehrt: »Wir legen unser Schicksal in Gottes Hände«, erklärten sie, »und vertrauen auf sein Urteil.«

Die konservative britische Zeitung »Daily Telegraph« warnte vor einem »Präzedenzfall, über den niemand glücklich sein kann: Zum ersten Mal in der britischen Geschichte haben Richter Ärzten die Erlaubnis gegeben, ein unschuldiges menschliches Leben zu nehmen«.

Britische Mediziner hatten ebenso entschieden für die Trennungs-OP gestritten: Marys Körper, so argumentierten sie, sei für Jodie nichts anderes als ein »Tumor«, der »radikal entfernt« werden müsse.

Die von den Ärzten in Manchester angerufenen Richter hatten das monatelange Tauziehen schließlich zu Gunsten von Jodie beendet. Ihr Urteil spickten sie mit drastischen Formulierungen: »Mary saugt das Lebensblut von Jodie.« Die stärkere der beiden Schwestern habe ein »Recht, dagegen zu protestieren, dass Mary sie umbringt«.

Tatsächlich zeichneten sich die Argumente der Lebensschützer vor allem dadurch aus, dass in ihnen Jodies Schicksal kaum vorkam. Ohne Operation hatten die Mediziner auch ihr nur noch wenige Monate zu leben gegeben.

Das Herz des Mädchens, das für beide Körper arbeiten musste, wäre der Doppelbelastung auf die Dauer nicht gewachsen gewesen - nach einer chirurgischen Trennung, so die Ärzte, lägen ihre Chancen dagegen bei etwa 95 Prozent, ein ganz normales Leben führen und später sogar eigene Kinder zur Welt bringen zu können.

Die Ethik-Debatte über die Trennung siamesischer Zwillinge wurde durch einen höchst seltenen Einzelfall ausgelöst. Denn zumindest in den westlichen Ländern werden zusammengewachsene Kinder kaum noch geboren.

Auf schätzungsweise 50 000 bis 100 000 Geburten (beziehungsweise auf 800 Zwillingsgeburten) kommt zwar ein siamesisches Zwillingspaar. Doch bei Ultraschalluntersuchungen werden Doppelfeten normalerweise früh erkannt und - auf Wunsch der Eltern - fast immer abgetrieben. »Oft hören wir nach der ersten Beratung nie wieder etwas von den Eltern«, sagt Ingolf Joppich, Leiter der Kinderchirurgie am Haunerschen Kinderspital der Münchner Universität.

Auch ohne den von den Medizinern durchgeführten Abort haben die Zwillingspärchen nur geringe Überlebenschancen: Rund die Hälfte aller siamesischen Paare kommen tot zur Welt - ihre Organverteilung ist zu ungünstig. Ein weiteres Drittel stirbt während oder kurz nach der Geburt. Wie viele bereits in den ersten Schwangerschaftswochen von selbst abgehen und in der Toilette verschwinden, weiß niemand.

Die chirurgische Trennung kommt medizinisch häufig einem Vabanquespiel gleich. Nur wenige Kinderchirurgie-Zentren in Deutschland sind personell genügend ausgestattet, um einen solchen Eingriff riskieren zu können: An jedem Kind müssen mindestens vier Chirurgen arbeiten; dazu kommen mindestens zwei Anästhesisten. Insgesamt zählen rund 18 bis 20 Ärzte und Helfer zum Team.

Dennoch führen auch deutsche Mediziner solche Trennungen gelegentlich durch. Am Haunerschen Kinderspital in München wurden seit 1959 insgesamt 14 siamesische Zwillingspaare behandelt, 13 davon wurden chirurgisch getrennt. Von den insgesamt 28 Kindern haben laut Joppich 16 überlebt.

Der bisher letzte Eingriff erfolgte 1998 - zwei fünf Monate alte Mädchen aus der Türkei, die am Bauch miteinander verwachsen waren und nur eine gemeinsame Leber besaßen, wurden in einer viereinhalbstündigen Operation voneinander getrennt.

Viele der »erfolgreich« Operierten können nach dem Eingriff nicht laufen oder haben zeitlebens einen künstlichen Darmausgang. Joppich: »Es ist sicher nicht so, dass alle voll gesund sind.« Andererseits lebt nach Auskunft des Münchner Experten eine ganze Reihe von ihnen »nach

außen hin völlig normal, noch nicht einmal ihre Mitschüler merken etwas davon«.

Auch auf Jodie, sollte sie den chirurgischen Gewaltakt heil überleben, wartet

eine Existenz im Schatten der Medizin. Zumindest in den ersten fünf Jahren seines Lebens muss das Mädchen noch viele weitere Operationen über sich ergehen lassen. Um die Eingriffe bezahlen zu können, haben die arbeitslosen Eltern die Geschichte ihrer Zwillinge für rund eine halbe Million Mark an einen britischen Fernsehsender verkauft.

Bei weitem nicht immer ist bei derartigen Operationen das Überleben beider Zwillinge von vornherein garantiert. Aus den USA sind drei Fälle bekannt, bei denen eines der Geschwister sterben musste, um das Leben des anderen zu retten - kein einziges Mal hatten die Eltern dabei gegen das Todesurteil protestiert.

Erst im vergangenen Mai hatte ein Fall siamesischer Zwillinge in Italien gezeigt, dass die ideologischen Frontlinien auch anders verlaufen können als in Manchester. Die beiden Schwestern Milagros und Marta aus einem Slum bei Lima waren an Bauch und Brust miteinander verwachsen. Eines der Mädchen mussten die Mediziner bei der Trennung töten, denn in beiden Körpern schlug nur ein einziges Herz.

Nicht einmal die katholische Kirche hatte gegen die vorsätzliche Tötung protestiert: »Für uns hat das Leben Vorrang«, teilte Kardinal Ersilio Tonini mit. Dafür hatte der Fall jedoch Streit unter den Medizinern ausgelöst. Ignazio Marino, ein italienischer Spezialist für Lebertransplantationen, verweigerte die Teilnahme an der Operation, weil er es »moralisch nicht verantworten« konnte, »vorsätzlich ein Menschenleben zu opfern«.

Sein Kollege, der Chefchirurg Carlo Marcelletti, warf ihm daraufhin öffentlich medizinische Fahnenflucht vor: »Du könntest Leben retten und würdest tatenlos zusehen, wie beide Babys sterben? Du bist ein Flüchtling!«

Von dem Eingriff am Civico-Hospital von Palermo hat indes keiner der in Not geratenen Säuglinge profitiert: Sie starben beide, nur wenige Stunden nach der Operation. GÜNTHER STOCKINGER

* Oben: im November 1998 operierte US-Mädchen Hayley undJessica Smith; unten: 1874 gestorbene Brüder Eng und Chang Bunker.

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