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COMPUTER Lesespaß interruptus

In Deutschland kommt das erste elektronische Buch auf den Markt. Doch Testleser finden das klobige »Rocketbook« zu umständlich und zu teuer.
• aus DER SPIEGEL 24/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was, um Gottes Willen, soll denn das sein?«, fragte der Zöllner misstrauisch. Als der Beamte an der deutsch-niederländischen Grenze das Gepäck von Ralf Gröne filzte, stieß er auf ein verdächtiges Gerät: Eigentlich sah es aus wie ein ultraflacher Laptop, nur fehlte daran seltsamerweise die Tastatur.

Der Computerdesigner, der im Auftrag der US-Firma Nuvomedia unterwegs war, trug aber keine versteckte Bombe bei sich, sondern den ersten Prototyp eines elektronischen Buchs. Drei Jahre nach der Grenzkontrolle ist das von ihm für Nuvomedia entworfene »Rocket E-Book« seit vergangener Woche nun in Deutschland erhältlich. Umgangssprachlich wird es kurz »Rocketbook« genannt - ein Wortspiel mit »Pocket Book« (Taschenbuch).

Mit einem Buch aus Pappe und Papier allerdings hat die 627 Gramm schwere Textdatenbank nicht viel gemein. Ihr Speicher fasst 18 000 Seiten oder rund 45 Bücher - eine komplette Handbibliothek.

Entworfen hat Gröne, 32, das Rocketbook mit Hilfe der 3-D-Grafiksoftware »Alias«, die zuvor schon die Saurier in »Jurassic Park« zum Leben erweckt hatte - der erste Auftrag für den jungen Designer, der im Anschluss an seinen Uniabschluss in Kiel nach Kalifornien ausgewandert war.

Die Möglichkeiten des Geräts erscheinen auf den ersten Blick verlockend: Fortan brauchen Leseratten nur ein einziges Buch einzupacken, um Stoff für Wochen zu haben. Neuerscheinungen können auch von unterwegs per Internet nachgeladen werden, Klassiker, deren Copyright abgelaufen ist, sogar kostenlos.

Für Sehbehinderte bietet das Rocketbook außerdem den Vorteil, dass sich die Schrift vergrößern lässt. Linkshänder können die Schrift auf dem Monitor drehen, bis das Gerät gut in der Hand liegt. Und Ehefrauen mit Schlafstörungen können schmökern bis sie schlummern, ohne den schnarchenden Gatten zu stören; denn der leuchtende Monitor ersetzt die Nachttischlampe.

Die ersten Testberichte indes klingen nicht gerade begeistert. Die Autorin Terézia Mora ("Seltsame Materie") liest zwar gern längere E-Mails auf ihrem neuen Rocketbook, wenn sie unterwegs ist. Auch ihre eigenen Texte lädt sie bei Reisen komplett auf das Gerät. Sie sieht dieses aber vor allem als Spielzeug, »eher mit Computer und Fernseher verwandt als mit einem Buch«.

Die Liste der Nachteile ist lang: Die Schrift zu grob-gepixelt und der Kontrast zu schwach, um in der Sonne am Strand gelesen werden zu können. »Außerdem sieht man sich ständig selber beim Lesen zu, weil der Bildschirm spiegelt«, kritisiert Mora.

Das Gerät ist so schwer, dass man es mit beiden Händen halten oder mit diesen aufstützen muss. Zum Herunterladen von Texten benötigt man zusätzlich einen Rechner mit Internet-Zugang. Ein weiteres Problem: Beim Lesen verliert der Benutzer leicht die Orientierung, an welcher Stelle im Buch er ist, denn die Seitenzahl wird nicht angezeigt.

»Elektronische Bücher sind doch eigentlich nur verkappte Computer«, urteilt der Essayist Michael Rutschky ("Lebensromane") nach dem Testlesen, »deswegen finde ich es enttäuschend, dass ich mit dem Rocketbook nicht auch im Internet surfen kann.«

»Ich werde die Vermutung nicht los, dass das Rocketbook genauso viel Tücken hat wie all der andere Bürohochrüstungskram«, nörgelt auch Matthias Politycki per E-Mail, zurzeit unterwegs auf einer Lesereise zu seinem neuen Roman »Ein Mann von vierzig Jahren«. »Man stelle sich vor, das Ding stürzt kurz vor der entscheidenden Liebesszene ab - Lesevergnügen interruptus!«

Kein Wunder also, dass der Absatz selbst im technikbegeisterten Amerika, wo das Rocketbook schon etwas länger auf dem Markt ist, äußerst schleppend läuft; die Verkaufszahlen werden zwar unter Verschluss gehalten, doch Experten reden von nur wenigen tausend Stück.

Aufgrund der schlechten Verkaufszahlen geriet die Herstellerfirma Nuvomedia bereits in die Krise und wurde Anfang des Jahres vom Elektronikkonzern Gemstar geschluckt, der seinen Jahresumsatz von 166 Millionen Dollar vor allem mit Programmierautomatik für Videorecorder macht. Doch auch nach der Übernahme des glücklosen E-Book-Pioniers ging es mit dem Absatz nicht recht nach oben. »Ich verkaufe weniger Bücher«, klagt Gemstar-Chef Henry Yuen, »als der kleine Buchladen an der Ecke.«

Alles deutet darauf hin, dass die Markteinführung des Rocketbook auch hier zu Lande ein Flop werden wird. So kann man das Gerät zunächst nur übers Internet bestellen - unter anderem auf dem Buch-Portal »BOL« des Medienkonzerns Bertelsmann. Die Elektronikmärkte hingegen glauben nicht an einen Verkaufserfolg. Das liegt auch am stolzen Preis von 675 Mark, bedingt durch die niedrigen Stückzahlen und den hohen Dollarkurs.

Der französische Elektronikkonzern Thomson Multimedia hat bereits angekündigt, mit der neuen Generation der Rocketbooks, die bis zum Weihnachtsgeschäft 2000 in Kooperation mit Nuvomedia entwickelt und hergestellt werden soll, viele der bisherigen Mängel zu beseitigen: Der Nachfolger des Rocketbook soll deutlich leichter werden und nur noch rund 200 Mark kosten. Ein Modem soll ins elektronische Buch integriert werden, damit auch ohne angeschlossenen Rechner neue Texte direkt per Telefonbuchse heruntergeladen werden können. Ein MP3-Player ermöglicht die Nutzung des E-Buchs als digitalen Walkman.

Mit der Ankündigung eines Nachfolgemodells bestätigen die Hersteller ganz nebenbei, dass das derzeitige Rocketbook schon bei seiner Markteinführung veraltet ist - ganz so, als ob man seinen Kunden einen klapprigen Ford T verkauft, obwohl man ihnen ein paar Monate später für weniger Geld eine S-Klasse von Mercedes anbieten will.

Auch die Computergiganten drängen neuerdings ins Elektronikbuch-Geschäft. Microsoft etwa kündigt ein eigenes Gerät namens »Smartbook« an. Unter dem Druck des Monopolisten haben sich die Anbieter kürzlich auf ein einheitliches Datenformat verständigt. Der Open-E-Book-Standard soll sicherstellen, dass sich dieselben Bücher auf verschiedene Lesegeräte herunterladen lassen.

Um die Verlage zu animieren, ihre Bücher auch elektronisch anzubieten, verleiht die Elektronikbuch-Branche diesen Herbst auf der Frankfurter Buchmesse erstmals den »Frankfurt Award« für die beste digitale Literatur, dotiert mit insgesamt über 300 000 Mark.

Auch auf der »Book Expo America« in Chicago, der wichtigsten Buchmesse der USA, waren elektronische Bücher ein Hauptgesprächsthema. Ausgerechnet Jeff Bezos, Pionier des Buchhandels per Internet, dämpfte allerdings allzu hohe Erwartungen. Zur Verwunderung aller kündigte ausgerechnet Bezos an, dass sein Online-Buchladen Amazon.com sich nicht am Handel mit elektronischen Büchern oder Texten beteiligen werde: »Die Industrie sollte nichts überstürzen und lieber noch ein bisschen experimentieren, anstatt die Kunden zu verunsichern mit all diesen verschiedenen technischen Formaten.«

Als Stephen King im März seine Gruselgeschichte »Riding the Bullet« ausschließlich per Internet verbreitete, so Bezos, seien binnen Stunden mehr als 100 000 Stück heruntergeladen worden. Aber das sei kein fairer Test gewesen: »Stephen King ist so beliebt - der hätte das Buch auch auf eine Banane drucken können, und eine halbe Million Leute wäre aufgekreuzt, um sich ihre Banane abzuholen.« HILMAR SCHMUNDT

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