Long Covid: Für diese vier Medikamente zahlen nun die Krankenkassen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Off-Label-Einsatz Diese vier Medikamente bezahlen Krankenkassen künftig für Long-Covid-Patienten

Erschöpfung, Müdigkeit, Schmerzen: Oft müssen Betroffene von Long Covid selbst für die Therapie zahlen – für vier Arzneien übernehmen nun die Krankenkassen die Kosten. Eine Heilung bringen aber auch sie nicht.
Frau bei einer Kundgebung für Betroffene von Long Covid 2025 in Berlin: Unerträgliche Müdigkeit
Frau bei einer Kundgebung für Betroffene von Long Covid 2025 in Berlin: Unerträgliche Müdigkeit

Frau bei einer Kundgebung für Betroffene von Long Covid 2025 in Berlin: Unerträgliche Müdigkeit

Foto: Christophe Gateau / dpa

Ein Gehirn wie im Nebel, dazu eine überwältigende Müdigkeit: Einige Menschen werden nach einer Coronainfektion nicht wieder gesund. Ähnliche Komplikationen sind auch bei anderen Viren bekannt.

Bisher mussten Betroffene von Long Covid häufig selbst für ihre Medikamente zahlen. Das soll sich in bestimmten Fällen nun ändern: Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) – ein Expertengremium, das in Deutschland darüber entscheidet, welche Medikamente von Krankenkassen bezahlt werden, hat erstmals vier Arzneimittel zur Therapie von Long Covid freigegeben.

Der Einsatz erfolgt off-Label. Das heißt: Die Medikamente sind eigentlich für andere Krankheiten zugelassen, es gibt aber Hinweise, dass sie auch Symptome von Long Covid lindern können. Heilen können sie die Krankheit jedoch nicht.

Konkret geht es um:

  • Agomelatin: Das Antidepressivum soll gegen lähmende Erschöpfung helfen, eine sogenannte Fatigue, unter der viele Betroffene von Long Covid leiden.

  • Vortioxetin, ebenfalls ein Antidepressivum, soll kognitive Beeinträchtigungen mildern, etwa Konzentrationsprobleme und depressiven Symptomen entgegenwirken.

  • Ivabradin: Das Herzmedikament ist für Betroffene vom sogenannten Pots-Syndrom gedacht. Bei ihnen schlägt das Herz beim Aufstehen so schnell, dass ihnen schwindelig wird und sie in Ohnmacht fallen können.

  • Metformin: Anders als die anderen Arzneien soll das Diabetesmedikament nicht die Symptome bekämpfen, sondern vorbeugend wirken. Es ist vorgesehen für übergewichtige Patienten mit einer akuten Coronainfektion.

»Die Entscheidung des G-BAs hat eine wichtige Signalwirkung und kann die Versorgung der Betroffenen verbessern«, sagte Carmen Scheibenbogen, Leiterin der Immundefekt-Ambulanz an der Berliner Charité, dem Science Media Center. Allerdings fehlen weiterhin Medikamente, die die Ursache der Beschwerden bekämpfen. Auch einen Test, mit dem sich Long Covid eindeutig nachweisen ließe, gibt es bislang nicht.

Dauerhaft krank

»Oberstes Ziel muss es sein, Therapien zu entwickeln, die nicht nur Symptome lindern, sondern eine Heilung ermöglichen«, so die Expertin weiter. Dafür seien weitere Studien nötig, etwa um die Ursache der Beschwerden zu klären und neue Medikamente zu entwickeln.

Long Covid bedeutet, dass Beschwerden nach einer Coronainfektion mindestens vier Wochen anhalten oder nach der Infektion neu auftreten, anhalten und nicht anderweitig zu erklären sind. Nach zwölf Wochen spricht die Fachwelt auch von Post-Covid-Syndrom, was sich umgangssprachlich aber nicht etabliert hat.

Ein Teil der Patientinnen und Patienten mit Long Covid entwickelt ME/CFS. Die Abkürzung steht für Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom . Es handelt sich um eine schwere, chronische Multisystemerkrankung. Ein wichtiges Symptom ist die post-exertionelle Malaise (PEM), die zeitverzögerte Zustandsverschlechterung nach zu großer Belastung. Die Krankheit entsteht in der Mehrheit der Fälle nach Infekten, Sars-CoV-2 ist dabei nicht der einzige mögliche Auslöser.

Wie viele Menschen genau in Deutschland an Long Covid erkrankt sind, ist unklar. Laut Schätzungen könnten es eine Million Menschen sein. Betroffene sind teils seit Monaten oder Jahren unverändert schwer krank.

»Erfreulicherweise nimmt die Rate von Long-Covid-Beschwerden ab«, sagte Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. »Dies liegt zum einen an den neueren Varianten des Erregers, zum anderen an der Durchseuchung und den Impfungen.« Während in der Anfangsphase bis zu zehn Prozent der Infizierten Langzeitbeschwerden entwickelt hätten, seien es jetzt nur noch zwei Prozent. »Aber es gibt immer noch Langzeiterkrankte aus der Anfangszeit der Pandemie.«

Mehr lesen über