Lotse auf Feindflug - DER SPIEGEL
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SATELLITENNAVIGATION Lotse auf Feindflug

Die EU-Verkehrsminister entscheiden diese Woche über die Zukunft des Navigationssystems »Galileo«. Eine militärische Nutzung der angeblich rein zivilen Satelliten wird immer wahrscheinlicher - zu wichtig sind die Sender im All inzwischen für die moderne Kriegsführung.
• aus DER SPIEGEL 23/2007
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wehe dem armen Tropf, auf den eine Fernlenkwaffe vom Typ »Taurus« zugeschossen kommt. Die neuartigen Marschflugkörper aus europäischer Fertigung fliegen 350 Kilometer weit, immer genau auf Kurs. Und dann treffen sie ein Ziel von zehn mal zehn Metern.

Das geht nur, weil sich die Projektile mit Hilfe der GPS-Satellitenortung ihren Weg suchen. Die populäre Navigationstechnik, die ein Auto unbeirrbar etwa in den Lehmweg 3 a lotst, lässt auch Bomben adressgenau in Brücken und Bunker einschlagen. Die Zielführung ist allerdings noch um einiges treffsicherer; denn das Militär hat sich besonders genaue Ortungssignale reserviert.

Der Rüstungskonzern EADS hofft nun auf gute Geschäfte mit seinen »Taurus«-Geschossen (Stückpreis: knapp eine Million Euro). Doch vor jedem Verkauf gilt es, in den USA um Erlaubnis zu fragen. Die US-Armee, Betreiber der GPS-Satelliten, hat die Oberhoheit über sämtliche militärischen GPS-Empfänger auf Erden - auch über diejenigen, die in »Taurus« stecken.

Kein Wunder also, dass die europäische Rüstungsindustrie besondere Hoffnungen auf eine von den Amerikanern unabhängige Satellitennavigation setzt. Das System »Galileo«, seit Jahren als das bessere GPS angekündigt, kommt da wie gerufen: 30 Satelliten als unübertroffen genaue Wegweiser in eigener Regie. Galileo müsse auch dem Militär verfügbar sein, forderte denn auch kürzlich EADS-Konzernchef Thomas Enders; das komme dem Export zugute.

Enders ist beileibe nicht der Einzige, der neuerdings den kriegerischen Sinn in Galileo entdeckt. »Es wird militärische Nutzer geben«, verkündete der zuständige EU-Verkehrskommissar Jacques Barrot. Und auch die Bundesregierung schwenkt um: Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD)

kann sich vorstellen, dass Galileo »innerhalb der normalen Anwendung« vom Militär genutzt werde. Schließlich dürfe ja auch ein Militär-Lkw über eine öffentlich finanzierte Autobahn fahren.

Das ist neu. Jahrelang beteuerten die Galileo-Strategen, die europäische Satellitenortung bleibe ein rein ziviles System - ganz im Gegensatz zu GPS, das einst fürs US-Militär entwickelt wurde. Dennoch verfolgten die USA die Vorbereitungen für Galileo von Beginn an mit einem gewissen Argwohn. Auch innerhalb der EU zeigten sich gegenläufige Interessen. Großbritannien etwa gilt, anders als Frankreich, als entschiedener Gegner einer militärischen Nutzung. Ein ziviles System für Europa war das Einzige, mit dem alle Beteiligten leben konnten.

Doch die alten Rücksichten gelten, wie es scheint, nicht mehr so streng. Für Rüstungsexperten kommt das nicht überraschend. Auf ihrem Gebiet hat sich in wenigen Jahren ein grundlegender Wandel vollzogen: »Fast alle neuen Waffensysteme sind inzwischen mit Satellitentechnik ausgestattet«, sagt Bernd Eissfeller, Professor für Navigation an der Münchner Universität der Bundeswehr.

Von den zielsicheren Ortungssignalen aus dem All profitieren nicht nur Panzer, Bomber und Raketen. Selbst unbemannte Aufklärungsflieger, »Drohnen« genannt, lassen sich damit aus sicherer Distanz ins Feindesgebiet lenken. Und die Soldaten haben häufig schon Handgeräte dabei, die ihnen den Weg durch fremdes Gelände weisen; zugleich wird ihr Aufenthaltsort ins Hauptquartier gefunkt, wo die Kommandeure in Echtzeit die Bewegungen ihrer Truppen verfolgen können.

Für die Industrie hat das Folgen. Höhere Waffentechnik ohne Satellitenempfänger ist heute so schwer zu verkaufen wie ein Wählscheibentelefon. Und weil die Ortung immer genauer wird, dürfte die Abhängigkeit der Militärs von den Sendern im Orbit eher noch wachsen - und die Angst, den Zugang eines Tages verwehrt zu bekommen. Nicht zufällig streben alle Mächte, die es nach Weltgeltung verlangt, nach eigenen Ortungssatelliten. Russland verdoppelte das Budget für das zuletzt etwas vernachlässigte Navigationssystem Glonass; noch in diesem Jahr soll die Zahl der Satelliten von zeitweise 8 auf 18 steigen. China will in aller Eile eine eigene Satellitenflotte namens Compass ins All schießen - angeblich mit Bauteilen der Schweizer Firma Temex, die auch für Galileo die extrem genauen Atomuhren fertigt, wie sie Ortungssatelliten der neuesten Generation benötigen.

Gut möglich, dass Galileo in diesem Wettlauf nun auf den letzten Platz zurückfällt. Der Start, geplant für 2008, wird wohl erst 2012 gelingen, vielleicht noch später. Zu der Verzögerung kam es, weil Galileo unbedingt als ein Projekt auftrumpfen musste, für das es nur wirtschaftliche Gründe gibt. Der Plan war: Galileo finanziert sich selbst. Sagenhafte Milliardengewinne beim Betrieb waren verheißen. Einstreichen sollte sie ein Konsortium europäischer Unternehmen, das dafür den Bau von 26 Satelliten und zwei Drittel der Anlaufkosten zu übernehmen versprach.

Das konnte kaum gutgehen. Denn auch bei Galileo ist, wie bei GPS, das Basis-Signal frei verfügbar. Geld lässt sich nur mit besonders genauen und abgesicherten Diensten verdienen. Bunte Broschüren erläutern, was damit gemeint ist: Spediteure, die ihre Lastwagenflotten mehr oder minder zentimetergenau durch die Lande bugsieren, oder Flugzeuge, die in schnurgeraden Bahnen Unkrautgift über die Äcker stäuben. Galileo macht es sogar möglich, dass Passagiermaschinen ferngelenkt landen: Anders als bei GPS kommen die Signale für solche Zwecke in garantierter Qualität; und im Störungsfall wird der Empfänger sofort informiert.

Doch der Großteil des zivilen Bedarfs ist wohl auch mit der vorhandenen GPS-Navigation zu decken, nur vielleicht nicht ganz so genau. Und auch das wird sich ändern. Die EU selbst hat ein Netz von 37 Bodenstationen, genannt Egnos, in Auftrag gegeben, die mit Korrektursignalen die herkömmliche GPS-Ortung verbessern. Egnos ist fast fertig, schon kommendes Jahr könnte es in Betrieb gehen. Dann steigt die Genauigkeit auf bis zu einen Meter (etwa 15 Meter sind es derzeit noch). Da bleibt nicht mehr viel zu wünschen.

Dass Galileo nun Mitte Mai im ersten Anlauf steckenblieb, überraschte daher niemanden mehr. Schon die Gründung des Betreiberkonsortiums war ein typisch europäischer Kompromiss: Die EU-Kommission hatte die zwei multinationalen Firmengruppen, die sich um das Geschäft bewarben, kurzerhand zusammengespannt. Politischer Druck aus maßgeblichen Mitgliedstaaten hatte das Wunder bewirkt. Dutzende Unternehmen fanden sich plötzlich in einem Zwangskonsortium wieder, darunter

die Waffenschmieden EADS und Thales und die Telekom-Tochter T-Systems. Erst später ging den EU-Bürokraten auf, dass sie fortan mit einem selbstgeschaffenen Monopol verhandeln mussten.

Auch anderweitig hatten die nationalen Interessen weitgehend freies Spiel. Als ein Streit um den Sitz des Kontrollzentrums ausbrach, wurden ebenderen drei beschlossen: je eines in Oberpfaffenhofen bei München, in Italien und in Spanien.

Über Jahre kam Galileo kaum mehr voran. Am Ende stritt das Konsortium mit der EU-Kommission um Haftungsfragen. Bei der geringsten Aussicht auf fette Gewinne hätten sich solche Zwistigkeiten wohl ausräumen lassen.

Mitte Mai musste Verkehrskommissar Barrot den Zweckverbund von Politik und Wirtschaft für gescheitert erklären. Die EU-Kommission will jetzt Galileo in eigener Regie bauen; erst der Betrieb soll dann nach und nach an ausgewählte Unternehmen übergehen.

Am Donnerstag dieser Woche treffen sich die Verkehrsminister, um das weitere Vorgehen auszuhandeln. Als wahrscheinlich gilt, dass die Europäische Raumfahrtagentur ESA die Leitung bei Galileo übernimmt. Sie könnte die nötige Technik in Auftrag geben und den Aufbau der Infrastruktur überwachen.

Die Satelliten selbst sind nicht allzu schwer herzustellen. Am meisten Raffinesse steckt noch in den Schweizer Uhren, die mit unfassbarer Genauigkeit den Takt für das Zeitsignal geben. In drei Millionen Jahren verlieren sie höchstens eine Sekunde.

Das nötige Geld müssen nun die europäischen Steuerzahler aufbringen. Von zehn Milliarden bis zum Jahr 2030 spricht die EU-Kommission. Schon aus Kostengründen rücken da auch die Verteidigungsetats ins Blickfeld.

Das Militär selbst hält sich tunlichst zurück. Der Bundeswehr genüge, heißt es, die Teilhabe an GPS; schließlich sei mit den USA die gemeinsame Nutzung innerhalb der Nato vereinbart. Einen Einsatz von Galileo schließt das Verteidigungsministerium gleichwohl nicht aus. »Das werden wir prüfen«, sagt ein Sprecher, »sobald die Rahmenbedingungen für Galileo geklärt sind.«

Aus militärischer Sicht kann man ohnehin nie genug Satelliten haben: Die beste Ortung erbringen Galileo und GPS erst zusammen. Ganz neue Möglichkeiten der Kriegsführung tun sich damit auf. Das geben die US-Militärberater James Hasik und Michael Rip zu bedenken. In einer ausführlichen Analyse kommen sie zu dem Schluss, dass eine verbesserte Navigation vor allem in Stadtgebieten entscheidende Vorteile bietet.

GPS allein ist in Städten nicht sonderlich genau. Während des Irak-Kriegs klagten die Soldaten oft über Aussetzer. In den engen Straßen der irakischen Städte ging leicht die Orientierung verloren. Das liegt an einer Schwäche der Ortungstechnik: Sie erfordert eine unverstellte Verbindung zu mindestens vier Satelliten. Im Häusergewirr sind die Signale aber häufig von Mauern abgeschattet.

30 GPS-Satelliten kreisen um die Erde; kämen die 30 geplanten Sender von Galileo hinzu, wären Mauern kaum mehr ein Problem. »Ein sicheres GPS-Signal bekommen wir in Städten nur auf etwa der Hälfte des Gebietes«, sagt Hasik. »Mit Galileo stiege die Abdeckung auf 95 Prozent.«

Auch die Genauigkeit der Ortung nimmt zu. Damit verlieren womöglich Straßenkämpfe einiges von ihrem Schrecken; bislang verlaufen sie oft zermürbend und verlustreich. Unterstützung aus der Luft ist schwierig: Weil GPS zu ungenau ist, müssen die Piloten auf Sichtweite heran und geraten selbst in Gefahr. Bei dichter Bewölkung geht gar nichts. Galileo dagegen würde gezielten Beschuss aus der Ferne

erlauben, meint Hasik - bei jedem Wetter und so treffsicher, dass im Idealfall weder die eigenen Truppen noch Zivilisten zu Schaden kämen.

Zudem ließen sich viele gefährliche Aufgaben an Maschinen übertragen. Hasik und Rip denken etwa an Nachschubkolonnen aus unbemannten Lkw, die hintereinander herrollen und die kämpfenden Truppen versorgen. Bei einer - dank Galileo - nahezu zentimetergenauen Routenführung sollten sie ihr Ziel erreichen können.

Auch alle Arten von Robotern profitieren von einem präzisen Steuersignal. Die US-Armee erprobt gerade 55 kleine »Drohnen« der Firma Honeywell. Die wendigen Miniflieger passen in einen Rucksack. Bei Bedarf lässt der Soldat sie aufsteigen zu Erkundungsflügen. Die »Drohnen« spähen dann aus, was sich hinterm nächsten Hügel verbirgt oder im Haus um die Ecke. Mit den genauen Navigationsdaten von Galileo könnten sie sogar ein verdächtiges Fenster in einem mehrstöckigen Gebäude ansteuern.

Umso merkwürdiger findet Hasik, wie vehement Galileo in Europa als reine Ziviltechnik verkauft wurde. »Wer einen Leuchtturm baut, kann ja auch schlecht behaupten, der sei nur für Handelsschiffe«, sagt der Militärberater. »Navigationssysteme sind naturgemäß für beides gut.«

Für die USA hätte ein Verbund aus GPS und Galileo seine Reize. Er garantierte einen gewaltigen Technikvorteil auch in Stadtgebieten. Den Gegnern bliebe nur das öffentlich zugängliche Signal. Es ist weit weniger genau und gegen Störungen nicht gefeit. Spezielle Sender können es vom Boden aus in einem gewissen Umkreis unbrauchbar machen.

Andererseits droht den USA mit Galileo der Verlust eines wichtigen Monopols. Noch verfügen sie letztlich unumschränkt über das genauere nichtöffentliche GPS-Signal. Es ist verschlüsselt. Zugang hat nur, wer den passenden Code zugeteilt bekommt. Bislang erhielten die Bündnispartner ihre Schlüssel in der Regel für je ein Jahr.

Das könnte sich aber bald ändern. Die Amerikaner arbeiten an einer Technik namens Otar, mit der sie jeden einzelnen militärischen GPS-Empfänger über Funk manipulieren können. Dann wäre es jederzeit möglich, im laufenden Betrieb die Schlüssel der Geräte zu verstellen. Gezielt ließen sich bestimmte Empfängergruppen, ja ganze Länder im Handumdrehen aussperren.

Wenn aber Galileo einmal in Betrieb ist, verliert diese Schlüsselgewalt an Wert. Die Europäer haben dann selbst einen Zugang zu vergeben. Und es trägt nicht zur Beruhigung des Bündnispartners bei, dass sich am Aufbau von Galileo auch Staaten wie Südkorea, Indien oder die Ukraine, ja sogar China und Saudi-Arabien beteiligen wollen.

Die Ortungstechnik ist, bislang fast unbemerkt, zu einem Gut geworden, das argwöhnisch beäugt wird, sofern es der andere besitzt. Es geht plötzlich um Kontrolle, Zugang und Ausschluss.

Der zivile, der öffentlich zugängliche Teil von GPS ist dagegen noch immer ein Reich des Gemeinnutzes und des globalen Einvernehmens. Das dürfte auch so bleiben, denn die Weltwirtschaft hängt inzwischen zu sehr von den Ortungssatelliten ab. Sogar die Telekommunikation kommt nicht mehr ohne sie aus: Funknetze werden mit Hilfe des präzisen GPS-Zeitsignals im Gleichtakt gehalten.

Unter Experten gilt es deshalb als ziemlich sicher, dass die USA niemals ihr öffentliches GPS abschalten würden. Im Laufe von zwölf Jahren und etlichen Kriegen haben sie nicht zu diesem Mittel gegriffen, und aus gutem Grund: Sie würden damit auch die eigene Wirtschaft ausknipsen. Solange nicht der Weltuntergang droht, ist damit kaum zu rechnen.

Ebendieses Schreckgespenst dient aber immer noch als Hauptargument für Galileo: Europa benötige eigene Satelliten, denn auf GPS sei auf Dauer kein Verlass. Mit jedem weiteren Satellitengeschwader, das demnächst um die Erde kreist, wird es noch weniger glaubhaft.

»Technisch ist es kein Problem, Empfänger zu bauen, die die Signale sämtlicher Ortungssatelliten verstehen«, sagt Navigationsexperte Eissfeller. Ein kleines Kästchen könnte dann ebenso Glonass empfangen wie Compass, GPS, Galileo und was es eines Tages sonst noch alles gibt - absolut ausfallsicher, denn irgendwas funkt immer. MANFRED DWORSCHAK

* Beim Start in Baikonur am 28. Dezember 2005.

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