PSYCHOLOGIE Lust auf Weichteile
SPIEGEL: Herr Marneros, im neuen »Hannibal« spritzt das Blut, Eingeweide quellen, und lustvoll verfüttert der Filmheld Großhirnrinde. Gibt es Menschen wie Hannibal Lecter?
Marneros: Ich habe als Gerichtsgutachter vier Kannibalen in langen Sitzungen psychiatrisch befragt, alles Männer. Drei waren Mitte 20, einer etwa 40 Jahre alt. Sie hatten Zungen abgebissen, Genitalien und Muskelfleisch gegessen. Es existiert eine klare Präferenz für Weichteile. Ein Patient hatte den Kopf seines Opfers gebraten.
SPIEGEL: Der Film also eine Doku-Soap?
Marneros: Kaum. Einem lebenden Menschen das eigene Hirn zu servieren, das kriegt nicht mal ein Meisterchirurg hin. Der Film dämonisiert. Stählerne Gesichtsmasken wie der Held sie trägt, gibt es im Maßregelvollzug nicht. Ich habe mich viele Stunden mit meinen Patienten unterhalten. Gebissen hat mich keiner. Nur einmal wurde mir mulmig. Einer sagte, als er eine Frau sah: »Die würde in der Pfanne gut schmecken.«
SPIEGEL: Also doch: wie im Film.
Marneros: Aber am Film stört mich, dass er nichts erklärt. Hannibal Lecter ist eine hochintelligente Figur, die Macht und Perversion demonstriert. Die Vorgeschichte dieses Mannes bleibt rätselhaft und völlig im Dunkeln.
SPIEGEL: Wie könnte sie ausgesehen haben?
Marneros: Die Freud-Schüler gehen davon aus, dass der Kannibale eine Verschmelzung mit der Mutter anstrebt. Entweder hat er eine stark erotische Neigung zur Mutter, oder er leidet an einer gefühlsmäßigen Ferne und Abstinenz zu ihr. Diese Sehnsucht wird dann auf ein anderes Objekt übertragen. Die kannibalischen Phantasien beginnen meist im 10. bis 14. Lebensjahr.
SPIEGEL: Warum fasziniert das Phänomen so?
Marneros: Kannibalen tun das Unvorstellbare, absolut Tabuisierte und gleichzeitig Sensationelle. Da blickt jeder gebannt hin. Selbst bei meinen Befragungen kam es mir manchmal so vor. Ich bin Zuschauer, er ist der Akteur.
SPIEGEL: In Italien wird über eine Zensur des Films nachgedacht. Was schlagen Sie vor?
Marneros: Ich halte nichts von Verboten. Jeder soll selbst entscheiden, ob er sich solche brutalen Szenen ansehen will. Gleichwohl habe ich ein mulmiges Gefühl. »Schlechte Menschen tun, was gute Menschen träumen«, sagt der US-Psychiater Robert Simon. Der Film zeigt uns: Ja, du kannst töten und Menschenfleisch essen. Bei wirklich Bedrohten, die mit solchen Gedanken kämpfen, könnte das die Hemmschwelle senken.