Mach's noch einmal, Sam! - DER SPIEGEL
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AUTOINDUSTRIE Mach's noch einmal, Sam!

Einst sollten sie den Smart als Elektromobil entwickeln. Nun haben zwei Schweizer Tüftler ihren alten Traum zur Serienreife gebracht - im Alleingang.
• aus DER SPIEGEL 10/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Immer wieder hat sich Marc Frehner in den vergangenen Monaten gefragt, was eigentlich Venture Capital ist. Nun scheint ihm klar zu sein: »Das gibt es gar nicht. Das ist eine Luftblase.« Wagniskapital gebe es nur noch dann, »wenn überhaupt kein Risiko mehr da ist«.

Dabei kann Frehner, 35, das Risiko beim »Sam« eigentlich ausschließen. Zum Beweis öffnet der Automobildesigner die Flügeltür eines seiner dreirädrigen Kunststoff-Scooter und flitzt in engen Kurven durch die Montagehalle im schweizerischen Biel. Sieben Jahre lang hat er mit seinem Freund Daniel Ryhiner, 55, an dem Elektroauto gebastelt, einer Art postmoderner Version des Messerschmitt-Kabinenrollers aus den Fünfzigern.

Wie in dem röchelnden Zweitakter können auch im »Sam« zwei Personen hintereinander sitzen. Es fehlt alles, was nicht unbedingt nötig ist: Heizung, Airbag und Getriebe. Das Nahverkehrsmobil wird 85 Kilometer schnell, fährt - ohne aufzuladen - 70 Kilometer weit und verbraucht auf 100 Kilometern fünf Kilowattstunden Strom (entspricht einem halben Liter Benzin). Im vergangenen Sommer überstand »Sam« den Elchtest und 440 junge Testfahrer: Der Einzelhandelskonzern Coop hatte die ersten 80 Modelle der Vorserie (Stückpreis: rund 8000 Euro) gekauft und über seine Filialen in Zürich und Basel an seine Kunden vermietet. »Flügeltüren«, sagt Frehner, »sind eben sexy.«

In diesem Winter sollte die Serienproduktion beginnen. Dachten Frehner und Ryhiner zumindest. Doch da blieb noch ein Risiko: Bisher ist kein Elektroauto in Europa über ein Nischendasein hinausgekommen. Schuld waren oft die nicht ausgereiften Batterien oder der zu hohe Preis. Der jüngste Misserfolg ist erst ein paar Wochen her: Der Hersteller des Schweizer Elektromobils »Twike« (Stückpreis: ab 13 000 Euro) konnte seine Angestellten nicht mehr bezahlen und beantragte beim Gericht Nachlassstundung.

Da die Skepsis der Investoren bis heute überwiegt, sind Frehner und Ryhiner in etwa da, wo sie 1995 waren: auf der Suche nach Partnern. Damals waren die beiden gerade aus dem Swatchmobil-Projekt ausgestiegen.

Der Schweizer Uhrmacher Nicolas Hayek hatte Frehner und Ryhiner Anfang der neunziger Jahre geholt, um ein »rezyklierbares Cityfahrzeug mit elektrischem Antrieb« zu bauen. Ryhiner war Projektleiter für den motorischen Antrieb, Frehner verantwortlich für Design und Aerodynamik. Als beide Ende 1994 gingen, dominierte bereits Daimler-Benz das Projekt und plante ein mit Extras voll gestopftes Lifestyle-Gefährt mit Benzinmotor.

»Wir haben lange gedacht, die könnten wir noch rüberziehen«, sagt Ryhiner. Doch irgendwann traf der Automobilingenieur Ryhiner, der lieber im Seemannspulli als im Anzug im Büro erscheint und Indianer-Weisheiten ("Erst wenn der letzte Baum gerodet ...") mehr schätzt als Marktforschungsstudien, auf Dieter Zetsche. Der heutige Chrysler-Chef war damals Mercedes-Entwicklungsleiter. »Kommt nicht in Frage«, habe »dieser deutsche Automann« gesagt, so Ryhiner. Der Schweizer dachte, dass Innovationen selten aus der eigenen Branche kommen - und ging.

In Biel traf er Frehner wieder. Gemeinsam sannen sie auf Revanche. Anfang 1995 hatte Frehner das erste Modell fertig. »Wir haben uns nur an den ursprünglichen Auftrag gehalten«, sagt Frehner, »reduce to the max«. Als der erste Prototyp fertig war, bewarben sie sich um Venture Capital. Doch im Gegensatz zum Auftritt junger Internet- und Biotech-Firmen sah ihr Businessplan mächtig alt aus. Ein Auto mit Elektroantrieb? Das war bestenfalls gut gemeint, also ohne Chance.

»Wenn wir aus der Halle fuhren, hieß es immer: 'Achtung, die Spinner kommen'«, sagt Frehner. »Wir waren so klamm, dass wir oft nur von Monat zu Monat planen konnten.« Doch irgendwie kam immer wieder frisches Geld - oft von Bekannten, die an das Projekt glaubten und in die Cree AG investierten.

Vielleicht lag es daran, dass sie sahen, wie sich die 15 Mitarbeiter in dem alten Omnibuswerk aufrieben. Vielleicht überzeugte sie das Baukasten-Prinzip, denn der »Sam« sollte überall einfach zusammengeschraubt werden können. Vielleicht hatten sie auch nur zufällig ein Exemplar in der Stadt stehen sehen und dessen Zukunftspotenzial erkannt, weil mal wieder eine Traube Kinder darum herum stand.

Frehner, der seine Erfindung schon in diesem Jahr nach Deutschland bringen wollte, wird damit noch warten müssen. Zwar haben sich mittlerweile Kapitalgeber zu einem Besuch in Biel angemeldet, doch der Ingenieur ahnt: »Wir sind noch nirgendwo.« Immerhin gelten sie inzwischen »nicht mehr als Spinner, sondern als Bastler«, sagt Ryhiner. NILS KLAWITTER

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