ANTHROPOLOGIE Märchen vom Totschläger
Erst brüllen die Wilden, dann schlagen sie mit Äxten und Macheten aufeinander ein. Und spätestens wenn sie zu Pfeil und Bogen greifen, wird es ernst. »Sie wollen töten«, beschreibt der amerikanische Menschenkundler Napoleon Chagnon das Wesen der Yanomami-Indianer, von denen heute noch ungefähr 20 000 im Regenwald Venezuelas und Brasiliens leben.
44 Prozent der Yanomami-Männer haben schon einmal einen Menschen getötet, will Chagnon auf seinen Exkursionen zu dem urtümlichen Volk festgestellt haben. Der Professor von der University of California in Santa Barbara hat ein Menschenbild gezimmert, das grausamer nicht sein könnte: »Männer, die Killer sind, haben möglicherweise einen Vorteil beim Heiraten und Fortpflanzen.«
Die Story vom Totschläger, auf den die Frauen fliegen, findet in der Zivilisation begierige Abnehmer. Ein 1968 erschienenes Buch Chagnons über die »grimmigen« Yanomami wurde bis heute fast eine Million mal verkauft; Magazine und Fernsehsender verbreiteten seine kriegslüsternen Bilder aus dem Regenwald in alle Welt.
So eindrucksvoll die Geschichte vom brutalen Wilden auch klingt - sie könnte sich als grandioses Märchen aus dem Urwald entpuppen. In einem Buch, das in Kürze in den Vereinigten Staaten veröffentlicht wird, erscheint Chagnons Tun in einem neuen Licht: Glaubt man dem Autor Patrick Tierney, dann hat der einflussreiche Anthropologe Daten gefälscht und die Yanomami bewusst als extrem kriegslüstern hingestellt, um an seinem Bild vom gewalttätigen Homo sapiens festhalten zu können*.
Auch der deutsche Abenteurer Rüdiger Nehberg, der die Yanomami auf 15 Reisen kennen gelernt und viele Monate mit ihnen gelebt hat, hält Chagnons blutrünstige Darstellung für abwegig. »Natürlich sind sie keine edlen Wilden«, sagt Nehberg, »doch sie streiten nicht anders als wir.« Die venezolanischen Behörden halten Chagnons Thesen sogar für derart überzogen, dass sie ihn mittlerweile nicht mehr ins Land lassen.
Der streitbare Gelehrte ist beileibe nicht der Einzige, der jetzt von Tierney attackiert wird. Der gerühmte Humangenetiker James Neel beispielsweise soll in den sechziger Jahren zweifelhafte Impfstoffe an den ahnungslosen Indios ausprobiert haben. Jaques Lizot wiederum, ein französischer Anthropologe, der 25 Jahre bei den Yanomami lebte, hielt sich angeblich einen Harem von Jünglingen. Sex soll er mit kleinen Geschenken entlohnt haben.
Chagnon ("grotesk") und Lizot ("ekelhaft") weisen sämtliche Anwürfe entschieden zurück. Doch manchen ihrer Kollegen kommt das Buch gerade recht. »In Ausmaß, schierer Kriminalität und Korruption« sei der Skandal »ohne Beispiel in der Geschichte der Anthropologie«, urteilen etwa Leslie Sponsel von der University of Hawaii in Honolulu und Terence Turner von der Cornell University in Ithaca. Sie gelten als Gegner Chagnons und haben das Buchmanuskript vorab gelesen. Das Tun des Wissenschaftlers erinnere sie an das Wirken »eines Josef Mengele«.
Der Vergleich mit dem KZ-Arzt ist typisch für Zoff unter Anthropologen. Aus-
gerechnet die vorgeblichen Freunde der letzten unschuldigen Menschenkinder und Retter bedrohter Völker sind bekannt für ihre eitlen Fehden, die sie meist auf dem Rücken ihrer »Studienobjekte« austragen. Kaum ein Volk litt darunter mehr als die Yanomami, von denen die meisten noch bis in die sechziger Jahre unberührt lebten.
Als die Weißen zu ihnen vordrangen, stießen sie auf eine Welt, die sich 3000 Jahre lang erhalten hatte. Die Menschen lebten in Runddörfern mit offenen Feuerstellen. Die Männer, nur mit Penisschutz bekleidet, waren Jäger und Fischer; die Frauen versorgten Hütte und Feld.
Aus Tierneys Sicht erscheinen die Anthropologen nur wie Vorläufer jener Goldschürfer, die seit den achtziger Jahren den Wald der Indianer mit Quecksilber vergiften: So soll 1968 eine Gruppe um Chagnon und den Humangenetiker James Neel von der University Michigan einen umstrittenen Impfstoff gegen Masern an den ahnungslosen Yanomami getestet haben. Dabei sei den Forschern vorher bekannt gewesen, dass die Vakzine unter den Yanomami, die keine natürliche Abwehr gegen das Masernvirus besitzen, schwere Krankheitssymptome herrufen kann.
»Hunderte, vielleicht Tausende von Ureinwohnern«, behauptet der Buchautor, hätten das Experiment nicht überlebt. Dass die Anthropologen seinerzeit mit Impfstoffen experimentierten, ist unstrittig. »In den Dörfern, in denen wir geimpft haben, starb kein Mensch an Masern«, setzt sich Chagnon jedoch zur Wehr. Im Tierney-Buch klingt es etwas anders: Demnach hat Neel den kranken Indianern medizinische Hilfe verweigert, weil er lieber den Verlauf der Epidemie studierte.
Das angebliche Motiv: Der Humangenetiker, der im Februar im Alter von 84 Jahren verstorben ist, wollte überprüfen, ob dominante Männer die Seuche überleben und ihre Gene weitergeben. Dazu schienen Neel, der wie ein Kolonialherr durch die Runddörfer schritt, die nach seiner Überzeugung primitiven Menschen gerade recht.
Auch die Angelhaken und anderen Mitbringsel aus der modernen Welt, um die sich die Yanomami rissen, gaben die Anthropologen offenbar nicht aus reiner Nächstenliebe. Denn im Gegenzug, so der Vorwurf, zapften sie den Indianern Hunderte von Blutproben ab. Den Lebenssaft sammelten die Forscher für die amerikanische »Atomic Energy Commission«. Diese Organisation wollte untersuchen, wie Strahlen auf das Erbgut verschiedener Ethnien wirken.
Doch nimmt sich dieser Vorwurf noch harmlos aus zu dem, was Chagnon den Indianern angetan haben soll: Um seine These vom wilden Krieger aufrecht zu erhalten, so Tierney, habe er nicht nur wissenschaftliche Daten verfälscht, sondern von außen Konflikte in die Stämme hineingetragen. Die blutigen Gemetzel habe er dann gefilmt.
Manche der zahllosen Chagnon-Fotos, auf denen beispielsweise Krieger auf dem Dorfplatz miteinander ringen, könnten demnach ebenfalls gestellt sein. Die Inszenierungen lösten später reale Gewalt aus, so die Kritiker: Nachdem die Kameras eingepackt waren, fielen die angestachelten Stämme übereinander her.
Der nächste Kampf der Wissenschaftler indes steht für November an. Auf der Jahrestagung der amerikanischen Anthropologen in San Francisco will Buchautor Tierney seine Vorwürfe vortragen.
Dass die offenbar nicht völlig aus der Luft gegriffen sind, lässt sich daran ablesen, wie der Franzose Lizot jetzt in Paris auf die Anschuldigung reagiert hat, er habe sich damals im Regenwald an Jünglingen versündigt. »Ich bin homosexuell, aber mein Haus ist kein Bordell«, erklärte der Anthropologe einem US-Reporter. »Ich war Single. Ist es verboten, sexuelle Beziehungen mit willigen Erwachsenen zu haben?« JÖRG BLECH
* Patrick Tierney: »Darkness in El Dorado. How Scientists andJournalists Devastated the Amazon«. W. W. Norton & Company, NewYork; 416 Seiten; 27,95 Dollar.