Magere Möwe - DER SPIEGEL
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RAUMFAHRT Magere Möwe

Die Sowjet-Union startete mit ihrem Raumlabor »Mir« das Kernstück für eine ständig bemannte Station im All und kündigte zugleich eine »neue Raumschiff-Generation« an. *
• aus DER SPIEGEL 15/1986
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Ein Stoß mit den Beinen, dann schwebte der Mann durch den Korridor: Arme und Beine angewinkelt das Kreuz hohl und den Kopf hochgereckt, wie ein ängstlicher Schwimmschüler an der Angel. Kein begnadeter Körper - doch Millionen von Fernsehzuschauern zwischen Kaliningrad und Wladiwostok folgten der Übung so begeistert, als spule ein sowjetischer Turnstar seine Weltmeisterkür ab.

»Wir sind zu Hause, und wir sind glücklich«, frohlockte Leonid Kisim nach seiner Schwebe-Übung aus dem Weltall. Und, als könne irgendeiner seiner Zuschauer die All-Verrenkungen vielleicht doch für den Hechtsprung eines Bodenturners halten: »Glaubt ihr jetzt, daß wir hier sind?«

Sie waren da. Stunden nur, nachdem Kisim und sein Ko-Kosmonaut Wladimir Solowjow am 15. März in ihre All-Behausung gekrochen waren, führten die Raumflieger dem sowjetischen TV-Publikum in einer Direktübertragung das jüngste Paradestück russischer Weltraum-Technologie vor: die Raumstation »Mir« ("Frieden").

Mit drei Raketenschüssen in einem Monat unterstrich die UdSSR in den

vergangenen Wochen ihre Entschlossenheit, den erdnahen Weltraum zu erschließen: Erst war, am 20. Februar, die Raumstation Mir ins All katapultiert worden. Am 13. März folgten die Kosmonauten Kisim und Solowjow in einer »Sojus T-15 Kapsel und machten zwei Tage später an der Mir-Station fest. Sechs Tage danach wuchtete das unbemannte Versorgungsschiff »Progress 25« einige Tonnen Fracht in den Orbit: Lebensmittel, Wasser, Treibstoff und Ausrüstungsgegenstände für die Station.

Erwartungsgemäß - und umständlich wie immer- bejubelte »Neues Deutschland« den neuen Roten Stern im All als »Basis für den künftigen Zusammenbau eines ständig bemannten Komplexes mit Spezialmodulen für Forschung und Produktion«. Griffiger, doch ebenso enthusiastisch, lobten amerikanische Raumfahrt-Experten wie B. J. Bluth den »Friedens« -Koloß als »ständig bemannte Raumstation«, die den Sowjets in der Technologie der Himmelslabore einen »Vorsprung von Lichtjahren« verschaffe - gängige Wortmünze, die den US-Kongreß für die Bewilligung von Raumfahrt-Geld geneigt machen soll.

Von ihrer Zwei-Mann-Crew »entkonserviert« ("Neues Deutschland"), zieht Mir in etwa 350 Kilometer Höhe um die Erde. Schwingengleich spreizen sich nahezu acht Meter lange Paddel mit Sonnenzellen aus dem zylindrischen Rumpf. An »eine Möwe, die hoch über der Erde schwebt«, fühlte sich Kisim beim Anflug in die Station erinnert.

Den Eindruck eines himmlischen Segelfliegers verstärkt noch eine taucherhelmähnliche Kugel, die wie ein Kopf aus dem vier Meter dicken und 17 Meter langen Rumpf wächst. Fünf Andock-Stutzen, an denen bemannte oder Robot-Raumfahrzeuge anlegen können, birgt allein der Kugel-Kopf; eine weitere Schleuse am Heck vermag eine sechste Raumkapsel aufzunehmen.

»Mir«, so beschreibt der sowjetische Kosmonauten-Ausbilder Alexej Leonow großspurig die Zukunft des neuen Himmelskörpers, bedeute den »Übergang vom Forschungs- und Experimentierstadium zur Groß-Produktion im All«. Mit vier Raumlabors, die speichenförmig mit dem Mir-Rumpf verbunden werden sollen, böte das dann einem Windmühlenrad ähnelnde Gebilde nahezu 300 Kubikmeter nutzbaren Raum für Forschung und Fertigung in der Umlaufbahn: *___Die Raumlabors - vermutlich knapp 13 Meter lange ____"Kosmos« -Module - werden auf der Erde ausgerüstet und ____als spezielle Produktionsstätten ins All verfrachtet: ____als Astro- und Physiklabor etwa oder als Mini-Fa briken ____für die Herstellung von Phar maka, Mikrochips oder ____Kugellagern. *___Während die jetzige Crew nur als Entmottungs-Team ____entsandt wurde, sollen nach einer Übergangsphase bis zu ____zwölf Kosmonauten ständig in der Station arbeiten und ____leben.

Maßgeschneidert: für die rote Renommierstation wurde auch eine neue Raumkapsel, die schon beim nächsten Flug zum Raumlabor eingesetzt werden soll. Das »modifizierte Raumschiff«, so enthüllte »Neues Deutschland«, werde nur mehr äußerlich den Sojus-Kapseln gleichen: »Festere und leichtere Materialien« seien verwendet worden das Kopplungssystem sei künftig »einfacher und zuverlässiger, die Bordcomputer seien leistungsstärker und die »sparsamen Antriebsaggregate des Schiffes gegenüber dem Sojus-Vorläufer »völlig neu« entwickelt worden.

Doch auch die sowjetische Raumkapsel der dritten Generation - nach Wostok und Sojus - wird nur drei Kosmonauten befördern können. Erst eine sowjetische Mini-Shuttle, dem Konzept der US-Raumfähre nachempfunden und wie diese beim Start auf Raketen angewiesen, wird vermutlich bis zu sechs Raumflieger aufnehmen können: Frühestens 1987, so westliche Schätzungen, sei die rote Fähre startbereit.

Doch sosehr das jüngste sowjetische Raumfahrtunternehmen in Bild und Text gefeiert wurde - von einem Vorsprung gegenüber den Amerikanern oder gar einem »technischen Durchbruch kann nicht die Rede sein.

Die Sojus-Schiffe, mit denen zuletzt Kisim und Solowjow ins All starteten, entsprechen technologisch etwa den US-Raumkapseln des »Gemini«-Typs, die schon 1966 ausrangiert wurden. Die neuen, technisch verbesserten, bislang noch unerprobten Sojus-Nachfolger dürften kaum den Standard der »Apollo« -Mondkapseln erreichen: eine Generation von Drei-Mann-Transportern, die von der Nasa 1975 ausgemustert wurde.

Auch die Raumstation Mir, wiederum im bekannt hausbackenen Orbit-Design, bietet nur ein eher mageres Ergebnis jahrzehntelanger russischer Raumfahrt-Mühen. Mir ist mit Eßtisch, Müllschlucker, Klappstühlen und Schlafsäcken ausgestattet, als Waschbecken dienen »durchsichtige Kugeln mit ovalen Löchern für Gesicht und Hände« (Ost-»Berliner Zeitung"). Doch das alles ergibt nicht einmal »Skylab - Komfort: Die US-Raumstation, von Astronauten 1973 jeweils für mehrere Wochen genutzt, bot den All-Werkern immerhin noch die Wohltat einer Dusche.

Auch die sowjetische Ankündigung, Mir ermögliche die »Groß-Produktion im All«, ist nur ein Werbespruch: Skylab entsprach mit seinem Gewicht von 90 Tonnen und einem Raumangebot von über 300 Kubikmetern den Maßen einer voll ausgebauten Mir-Station - aber die US-Industrie wußte mit dem Riesenlabor wenig anzufangen.

Schon ein Vierteljahrhundert lang experimentiert und forscht die Sowjet-Union nun im All. Doch weder die Mir-Vorläufer »Saljut-6 noch »Saljut-7« konnten die Hoffnung von der Lokomotiv-Funktion der Raumstationen für die Sowjet-Technologie erfüllen. Ob bei der Mikroelektronik, der Sensor-Technik, im Roboter-Bau oder im Bereich der Telekommunikation: in »praktisch allen Basis-Technologien"so heißt es in einem Bericht von Donald Hicks, Chef-Wissenschaftler des US-Verteidigungsministeriums, der Anfang März erschien - liegen die USA im ostwestlichen Technologie-Wettstreit um 10 bis 20 Jahre vor der UdSSR.

Eine führende Position war nach Wertung der Pentagon-Juroren den Sowjets auf keinem Technologie-Gebiet einzuräumen, und nur auf wenigen Feldern, hieß es, lägen sie mit den USA gleichauf - etwa bei der Entwicklung atomarer Sprengköpfe. _(Training im Jurij-Gagarin-Raumfahrtzen ) _(trum. )

[Grafiktext]

ROTER STERN AM HIMMEL Sowjetische Raumstation »Mir« Gesamtlänge: 17 Meter Größter Durchmesser: 4 Meter Gesamtgewicht: ca. 20 Tonnen (Schematische Darstellung)

[GrafiktextEnde]

Training im Jurij-Gagarin-Raumfahrtzen trum.

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