Mal nachsehen - DER SPIEGEL
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SCHATZSUCHE Mal nachsehen

Ein amerikanischer Hobby-Taucher will Geld und Schmuck aus dem 1956 gesunkenen Luxusliner »Andrea Doria« bergen.
• aus DER SPIEGEL 34/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Entsetzt starrte Piero Calamai, Kapitän des italienischen Luxus-Liners »Andrea Doria«, in die neblige Nacht: Auf Rammkurs näherte sich, wie von Geisterhand gesteuert, langsam und lautlos ein weißes Schiff.

Knirschend bohrte sich der scharfgeschnittene Bug des schwedischen Passagierdampfers »Stockholm« in den schwarzen, elegant geschwungenen Rumpf der »Andrea Doria«. Elf Stunden später, am Morgen des 26. Juli 1956, versank der maritime Stolz Italiens gurgelnd in der Tiefe.

Schon am nächsten Morgen kämpfte sich der amerikanische Hobby-Taucher und Dokumentarfilmer Peter Gimbel in das in 61 Meter Tiefe liegende Wrack hinunter. Er wollte in das Innere des Schiffes vordringen, im letzten Moment jedoch schreckte er zurück: »Ich hatte Angst.«

Nun, 25 Jahre später, will er es noch mal versuchen. Sein über eine Million Dollar teures Vorhaben soll jene Rätsel lösen, die den -- 250 Kilometer östlich von New York gesunkenen -- Luxus-Liner »neben der Titanic zum geheimnisvollsten Wrack auf dem Meeresgrund« (so die »New York Times") machen:

* Befinden sich auf der »Andrea Doria«, wie nicht nur romantische Schatzsucher glauben, tatsächlich Geld, Gold und Schmuck im Wert von Millionen Dollar?

* Sank die »Andrea Doria«, weil sie, so die bislang unbewiesene Vermutung von Schiffbau-Experten, falsch konstruiert war?

Seit über zwei Wochen ankert der Kutter »Sea Level 11«, von dem aus Gimbel und sein Taucher-Trupp operieren, über dem Wrack. »Es hat Teile der Aufbauten verloren und sieht gespenstisch aus«, berichtete der Amerikaner nach dem ersten Erkundungs-Tauchgang. Letzten Dienstag gelangten die Taucher in den Tresorraum der Banco di Roma, die auf dem Promenadendeck des Schiffes eine Filiale unterhielt. Immer wieder mußten sie aggressive Haie abschütteln; eklige Kraken und Krebse in jeder Größe, die sich in den Resten des einst luxuriösen Kabinenmobiliars eingenistet haben, wehrten sich gegen die Störung.

Im milchigen Licht ihrer superstarken Scheinwerfer stießen die Taucher auf verrottete Decksstühle, zerbrochene Whiskyflaschen und rostige Eisenteile. »Dieses Wrack«, sagte einer von ihnen, »ist eine tödliche Falle.«

In dieser Woche will die Crew zum Zahlmeister-Büro der »Andrea Doria« vordringen, in deren Safe die Passagiere Bargeld, Schmuck und andere Wertgegenstände deponierten. »Was da wohl alles drin ist?«, rätselte die »International Herald Tribune«.

Das hätten die Versicherungsgesellschaften und die Eigner der beiden Schiffe auch ganz gern gewußt, als die Schadenersatzforderungen der 1652 geretteten Passagiere der »Andrea Doria« auf sie einprasselten. Doch die Inventarlisten der Safes, auf denen sämtliche Depositen penibel verzeichnet waren, sind nie wieder aufgetaucht.

Ebenfalls verschwunden blieb mysteriöserweise das Logbuch des Schiffes. »Dieser Umstand macht es bis heute unmöglich, den Hergang der Katastrophe zu rekonstruieren«, so der Amerikaner Alvin Moscow, Autor des Standardwerks (Titel: »Collision Course") über den Untergang der »Andrea Doria«.

Bei teilweise dickem Nebel dampften die beiden Unglücksschiffe damals mit voller Kraft aufeinander zu. Schon zwei Stunden vor dem Zusammenstoß S.149 identifizierte »Stockholm«-Offizier Ernst Carstens-Johannsen mittels Radar die entgegenkommende »Andrea Doria«, wo wiederum Kapitän Camalai das schwedische Schiff unablässig auf seinem Radarschirm beobachtete. »Es war alles Routine, wie hundertmal zuvor«, beschrieb Moscow.

Doch offenbar schlampten die Italiener bei der Berechnung von Kurs und Standort der »Stockholm« -- wie blutige Landratten verwechselten sie, am Radargerät nicht ausgebildet, Backbord und Steuerbord: Als Kapitän Calamai eine Kurskorrektur befahl, um vermeintlich mehr Abstand zur »Stockholm« zu gewinnen, steuerte er sein Schiff direkt auf den schwedischen Dampfer zu.

Kaum lag die »Andrea Doria« auf dem Meeresgrund, begann eine Schar von Abenteurern, Spinnern und professionellen Tauchern das Wrack zu umschwärmen. Alle wollten den angeblichen Schatz der »Andrea Doria« heben, keiner jedoch kam bislang den legendenumwobenen Tresoren nahe:

* Um »etwas Wertvolles raufzuholen«, zwängte sich etwa der amerikanische Amateur-Taucher Pete Master Mitte 1957 durch eine offene Luke des Schiffes; er verirrte sich in dem Gänge-Labyrinth und erstickte.

* 1962 heuerten die amerikanischen Geschäftsleute Robert Solomon und Glenn Garvin einige Taucher an, die Geld und Juwelen aus der »Andrea Doria« holen sollten -- wertvollste Ausbeute des Unternehmens: ein Scheinwerfer und ein vergammeltes Radargerät.

* Ein Jahr später versuchte Jim Taylor, Chef einer Bergungsgesellschaft in Miami (Florida), 57 000 Kubikmeter Luft in den doppelten Boden des Schiffsrumpfes zu pumpen und so das ganze Schiff zu heben -vergeblich.

Am weitesten in das Innere des Wracks gelangten 1973 die beiden Kalifornier Chris Delucchi und Donald Rodocker, die Safes jedoch konnten sie nicht finden. Dafür entdeckten sie, daß die Schotten der »Andrea Doria« nicht aus Stahl, sondern offenbar teilweise aus Holz gefertigt waren -- für die Fachleute ein weiteres Indiz dafür, daß beim Bau der »Andrea Doria« möglicherweise gepfuscht worden war.

Von Anfang an hatten die Experten gerätselt, warum das angeblich unsinkbare Schiff nach der Kollision nicht schwimmfähig geblieben war: »Das Ausmaß des Schadens (ein zehn Meter langer Riß in der Außenhaut) war keineswegs so groß«, konstatierte 1957 ein Untersuchungsausschuß des US-Kongresses, »daß die ''Andrea Doria'' zwangsläufig hätte untergehen müssen.«

In der Tat war der Italo-Liner, 1951 von der Genueser Werft Ansaldo auf Kiel gelegt, nicht etwa wegen des Lecks in seinem Rumpf gesunken; vielmehr hatte er sich, Mangel an Stabilität, gleich nach dem Zusammenprall in einem 20-Grad-Winkel zur Seite geneigt und war dann langsam gekentert -- offenbar Folge eines Konstruktionsfehlers.

Diesen Verdacht erhärtete Ende letzten Jahres der Schwede Algot Mattson; 30 Jahre lang war er Pressechef der skandinavischen Reedereigruppe Broström gewesen, der damals die »Stockholm« gehörte.

Nach seiner Pensionierung enthüllte er, daß ein leitender Angestellter der Ansaldo-Werft dem Broström-Management in einem (allerdings anonymen) Brief gestanden hatte, die »Andrea Doria« sei voller Konstruktionsmängel gewesen: Die Schiffs-Designer hätten sich bei den Berechnungen vertan.

Um Schwierigkeiten bei der Abnahme des Luxusschiffes zu vermeiden, seien die Beamten der Kontrollbehörde Registro Italiane Navale bestochen worden. »Der Direktor dieses Amtes«, so Mattson, »hat die Baupläne nicht einmal angesehen.«

Schon 1957 hatte der Kongreß-Untersuchungsausschuß einen schwerwiegenden Baufehler entdeckt: In den Plänen fehlte die vorgeschriebene Schottentür zum Maschinenraum.

Nun wollen Gimbel und seine Crew »mal nachsehen, ob das Ding da ist oder einfach vergessen wurde«. Der Abstecher in den Bauch des Wracks wird, wie die ganze Unterwasser-Tour, von Taucherkollegen gefilmt -- Rohmaterial für einen geplanten Dokumentarfilm.

Maximal acht Stunden lang können die Taucher, zwischendurch mit frischen Sauerstoffflaschen versorgt, in dem Wrack werkeln -- nur möglich durch eine besondere Tauchtechnik: Um die zeitraubende, nach Tauchgängen in größere Tiefen notwendige Dekompression

( Dekompression: Anpassung des Organismus ) ( an niedrigeren Luftdruck. Bei zu ) ( rascher Dekompression können sich ) ( Gasbläschen im Blut und im Gewebe ) ( bilden (Taucherkrankheit). )

zu vermeiden, leben die Froschmänner während der gesamten Dauer des Unternehmens unter Druckverhältnissen, wie sie in rund 50 Meter Wassertiefe herrschen.

Zwischen Meeresboden und Versorgungsschiff pendeln die Taucher in einer Druckglocke, die luftdicht an zwei Überdruck-Kabinen der »Sea Level 11« angekoppelt werden kann.

In spätestens zwei Wochen will Gimbel die Tresore aus dem brüchigen Schiffsrumpf hieven -- nach Ansicht von Experten ist das freilich kaum zu schaffen. Denn die Tresore, selbst im Wasser noch zentnerschwere Ungetüme, müssen erst einmal durch ein Gewirr eingestürzter und brüchiger Gänge nach außen gebracht werden.

Sollte die Bergung trotzdem gelingen, steht Gimbel unter Umständen doch noch eine Enttäuschung bevor: Möglicherweise sind die Safes leer -geplündert von flinken Angestellten, die sich den Tumult während des Untergangs zunutze machten. »Am meisten fürchte ich den Augenblick«, gestand Gimbel kürzlich, »in dem wir die Kästen öffnen.«

S.149Dekompression: Anpassung des Organismus an niedrigeren Luftdruck.Bei zu rascher Dekompression können sich Gasbläschen im Blut und imGewebe bilden (Taucherkrankheit).*An Bord der »Sea Level 11« mit Ehefrau und Helfer.*

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