Arzneimittelzulassung Forscher kritisieren Weltbehörde FDA
Hauptsitz der amerikanischen Arzneimittelbehörde
Foto: © Jason Reed / ReutersDer genaue Weg eines Arzneimittels, von der Entwicklung im Labor bis in die Apotheke, ist schwer nachzuvollziehen. Viele der nötigen Schritte sind nicht transparent. Medikamentenhersteller und Behörden scheuen es, Daten aus Arzneimitteltests publik zu machen. Dabei entscheiden die Ergebnisse der klinischen Studien, ob ein Medikament auf den Markt kommt oder eben nicht. So sollen Mängel, die für Patienten gefährlich werden können, vermieden werden.
Jetzt haben Forscher erstmals systematisch untersucht, wie die größte internationale Instanz, die amerikanische Zulassungsbehörde FDA , über die Zulassung von neuen Medikamenten entscheidet. Die Forscher kommen zum Ergebnis, dass die geforderten Studien in ihrer Qualität weit auseinander gehen, wie sie im Fachblatt "JAMA" schreiben.
Nicholas Downing von der Yale University hat mit Kollegen in der ersten Studie untersucht, welche Beweise die FDA von Arzneimitteltests erwartet. Sie haben die Verfahren für alle 188 Wirkstoffe erforscht , die zwischen 2005 und 2012 zugelassen wurden. Dabei fanden die Wissenschaftler heraus, dass der Aufwand und Aussagekraft der geforderten Studien stark schwankt. Das wiederum bedeutet, dass die Sicherheit und Effektivität einiger Medikamente niedriger ausfallen könnte, als Ärzte oder Patienten bislang angenommen haben.
Obwohl beispielsweise die FDA normalerweise zwei klinische Studien fordert, erfolge ein Drittel der Zulassungen auf Basis von nur einer Studie. Die meisten Tests dauerten weniger als sechs Monate, auch wenn sie sich mit chronischen Erkrankungen befassten. Zudem erfolgte fast die Hälfte der Zulassungen aufgrund von Studien, die nicht das ganze Krankheitssymptom selbst, sondern kleinere Stellgrößen wie etwa einen Blutwert beobachteten. "Das ist problematisch, was wir eigentlich brauchen ist klinische Relevanz", sagt Gerd Antes, Direktor des Deutschen Cochrane Zentrums, einer gemeinnützigen Organisation, die medizinische Informationen öffentlich machen will.
Wegen dieser Schwankung in der Qualität unterscheide sich auch die Gewissheit über die Sicherheit und Effektivität der zugelassenen Medikamente, erklären die Autoren. Weshalb die FDA oft auf nötige Studien verzichtet und Zulassungen auch auf der Basis weniger relevanter Messgrößen erteilt, wissen die Forscher nicht. Sie vermuten, dass versucht wird, hocheffiziente neue Medikamente, die Fortschritte bei lebensbedrohlichen Krankheiten versprechen, schneller auf den Markt zu bringen. Das aber sei zweischneidig, sagt Antes. Mögliche Nebenwirkungen stellten sich dann erst heraus, wenn das Medikament bereits breit eingesetzt wird. "Dann ist es aber sehr schwer, es wieder zurückzunehmen, auch wenn Probleme bekannt werden", sagt er.
Erstmals Problemkandidaten veröffentlicht
Mit Komplikationen, die die Zulassung von Medikamenten scheitern lassen, befasst sich die zweite Studie, geleitet von Leonard Sacks von der FDA. Das Bemerkenswerteste an ihr sei, dass sie überhaupt durchgeführt werden konnte, schreiben Steven Goodman von der Stanford University und Rita Redberg von der University of California, San Francisco in einem Kommentar in "JAMA". Denn die FDA veröffentlicht normalerweise keine Informationen zu Wirkstoffen, die in Tests gescheitert sind.
Auch in Deutschland ist die die Lage ähnlich, Studien müssen nur dann veröffentlicht werden, falls das Medikament auch zugelassen wird. Forscher und Mediziner kritisieren seit langem, dass dies geändert werden muss - blieben doch bislang wichtige Erkenntnisse aus nicht veröffentlichten Studien für die Öffentlichkeit verborgen. Versuche mit bereits gescheiterten Substanzen würden von Konkurrenten sinnlos wiederholt.
Das Team von Sacks hat alle 302 neuen Wirkstoffe analysiert, die von der FDA zwischen 2000 und 2012 getestet wurden. Die Hälfte von ihnen wurde im ersten Anlauf nicht zugelassen. Der Grund dafür waren laut Studie oft nicht Probleme mit Sicherheit und Wirksamkeit, sondern technische Versehen wie unzureichende Information. "Das ist eine gigantische Ressourcenverschwendung und unethisch, weil man Patienten in Studien involviert, die nicht zur Zulassung führen", sagt Antes.
FDA ist Weltbehörde
Drei Viertel der zunächst abgelehnten Substanzen konnten im nächsten Anlauf zugelassen werden. Nur ein Wirkstoff wurde wegen Gesundheitsmängeln wieder vom Markt genommen. Doch das schließt Arzneimittel aus, die freiwillig vom Markt genommen wurden, kommentieren Goodman und Redberg. Jetzt sei es ohnehin zu früh, um sich über die Sicherheit der seit 2000 eingeführten Arzneimittel gewiss zu sein.
Antes findet diese Ergebnisse auch für Deutschland hochrelevant. "Die FDA ist die Weltbehörde", sagt er. Auch in Deutschland sei die Arzneimittelzulassung stark von der amerikanischen Behörde geprägt. Er würde sich trotzdem auch ähnliche Studien für Deutschland wünschen, die erforschen, wie Medikamente auf den Markt kommen. "Die Theorie ist klar", sagt er, "aber nicht, wie es in der Praxis läuft".