Wundheilung: Warum kaltes Plasma die Behandlung der Zukunft ist - DER SPIEGEL
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Neue Behandlungsmethode Wie kaltes Plasma alte Wunden heilt

Etwa drei bis vier Millionen Menschen in Deutschland haben chronische offene Wunden. Eine noch junge Technologie sorgt für eine schnellere und vollständige Heilung. Doch die Therapie kämpft um Anerkennung.
Ein Video von Eckhard Klein, Niko Bünten und Jonathan Miske (Animationen)

Es klingt ein bisschen wie ein elektrischer Rasierapparat. Seit gut einem Monat kommt Frank Lentes täglich in die Arztpraxis von Annette Abicht sein Geschwür mit kaltem Plasma behandeln zu lassen. Bei einem schweren Unfall wurde sein rechter Fuß zertrümmert. Seitdem war die Haut an der Stelle sehr empfindlich und leicht infizierbar. Es entstand ein Ulcus, das immer größer wurde.

Frage: »Wie fühlt sich das an?«

Frank Lentes, Plasma-Patient »Es ist nicht doll unangenehm. Es brennt so ein bisschen. Aber ansonsten geht das vom Gefühl her ganz normal. «

Anfangs konnte der 53-Jährige das Plasma-Kissen kaum ertragen. Die Entzündung war zu stark. Eine Standardtherapie mit Salben und Verbänden hatte zuvor nur wenig geholfen. Nun aber war nach kurzer Zeit Besserung spür- und sichtbar.

Frank Lentes, Plasma-Patient »Es sieht wesentlich besser aus. Es war vorher sehr entzündet und sehr, ich sage mal, verkeimt und roch auch unangenehm. Das ist alles weg. Die Besiedlung ist weg. Und die Schmerzen außen rum sind weg. Der Wundrand schmerzt nicht mehr so. Also alles sehr viel besser geworden.«

Exakte Daten liegen nicht vor. Aber geschätzt sind in Deutschland annähernd drei bis vier Millionen Menschen – vor allem Ältere - von Decubitus, Ulcus cruris, diabetischem Fuß, Verbrennungen oder anderen chronischen offenen Wunden betroffen.

Annette Abicht, Allgemeinmedizinerin » Man hat ja früher auch Ulcera ohne Plasmaderm heilen können. Aber das sind so schwierige Entzündungen. Zum Teil Jahre offene Stellen. Und wir haben die Erfahrung gemacht, wie gesagt in Anwendungsbeobachtung bei unseren Patienten, dass das schnell ging, und dass wir auch Sachen zubekommen haben, die undenkbar waren.«

Aber was führt zu der verbesserten Wundheilung? Die Antwort: Durch das Plasma werden heilungshemmende Keime abgetötet. Selbst gegen Antibiotika resistente Bakterien. Zudem fördert Plasma die Gewebedurchblutung und das Wachstum von Blutgefäßen.

Professor Wolfgang Viöl vom Fraunhofer Institut in Göttingen forscht seit vielen Jahren zu dem Thema. Er ist praktisch der Erfinder der Methode. Inzwischen gibt es diverse Geräte verschiedener Unternehmen, die diese Technologie nutzen. Hierbei wird ein weißer Schwamm mit einem Elektrodenfeld auf die Haut beziehungsweise Wunde gelegt. Elektrischer Strom verwandelt Stickstoff und Sauerstoff zu bläulich schimmerndem Plasmagas.

In diesem Laborversuch sieht man das Verfahren noch deutlicher. Ein kleiner luftgefüllter Spalt bleibt frei. Genau dort entsteht das kalte Plasma.

Wolfgang Viöl, Forschungsleiter Fraunhofer Institut Göttingen »Sie kennen Gewitterblitze und da ist natürlich sehr viel Energie drin, das ist heiß. Diese Gewitterblitze kann man klein machen und auch kalt machen. Und das ist der kalte Plasmazustand, den wir nutzen. Die Elektronen im Plasma spalten den Sauerstoff. Und atomarer Sauerstoff entsteht dabei und der wirkt sehr desinfiziert. «

Seit vielen Jahren wird die Plasmabehandlung erfolgreich erprobt. Warum aber hat sich das Verfahren noch nicht durchgesetzt? Ein Grund ist, dass die gesetzliche Krankenversicherung bisher nicht verpflichtet ist, die Kosten für die Behandlung zu übernehmen. Derzeit läuft eine klinische Studie, nach der entschieden werden soll, ob die Methode Kassenleistung wird.

Monika Lelgemann, Gesundheitswissenschaftlerin, Gemeinsamer Bundesausschuss »Wenn wir am Ende zu dem Ergebnis kämen, die Methode ist gut, die hat einen Nutzen, der möglichen Schaden übersteigt, und wir nehmen es in den sogenannten Regel-Leistungskatalog auf, dann ist die Kasse verpflichtet, das zu bezahlen.«

Bis zu einer endgültigen Entscheidung kann es noch dauern. Laut Befürwortern der Methode dürften die Kosten für die Plasmabehandlung sogar günstiger sein als die herkömmliche Wundversorgung. Und es gibt einen weiteren Vorteil.

Wolfgang Viöl, Forschungsleiter Fraunhofer Institut Göttingen

Man kann auch ökologisch sagen Es passiert eine ganze Menge. Wir haben ja sehr viel Wundmaterial, was als Abfall entsteht. Das sind so 100 Kilogramm pro Jahr, die kann man auch einsparen, also Müll einsparen tatsächlich. Und es gelangen auch keine Pharmazeutika, Wundsalben oder sonstiges ins Abwasser hinein. Das hat auch ökologische Vorteile.«

Eine Arztpraxis in Rellingen nahe Hamburg. Ruth Wolgast hatte vier Jahre lang eine offene Wunde am linken Fuß, die einfach nicht heilen wollte. Bis ider Wundexperte Lars Karland die 77-Jährige mit Plasma behandelte. Binnen zwei Wochen schloss sich die Wunde.

Ruth Wolgast, Plasma-Patientin »Ich kann ja wieder besser laufen. Ich komme ja wieder in andere Schuhe hier rein. Ich musste immer nur offene Schuhe tragen, weil das nicht scheuern durfte, weil das immer wieder kaputtging. So, jetzt sieht das schon wieder anders aus. Jetzt kann ich zum Winter endlich mal wieder schöne Stiefel anziehen. «

Noch wird die Plasmabehandlung bei chronischen Wunden nur selten angewendet. Viele Ärzte kennen die Methode noch gar nicht. Ruth Wolgast hat nur die besten Erfahrungen gemacht. Jeder müsse von der Methode erfahren, wünscht sie sich.

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