PHOTOGRAPHIE Mehr Licht
Einen »unglaublichen Durchbruch« in der Sofortbild-Photographie hatten die PR-Leute angekündigt. Der ekstatische Hinweis aus dem amerikanischen Polaroid-Konzern hatte für wilde Spekulationen gesorgt. Polaroid, mit 67 Prozent Marktanteil Gigant im Sofortbild-Geschäft, werde in den 35-Millimeter-Sektor der Amateur-Photographie vorstoßen, so ging das Gerücht an der Wall Street. Polaroid-Aktien zogen an.
Als Polaroid-Präsident William J. McCune dann am Mittwoch letzter Woche die neue Kamera »System 600« vorstellte, hielt sich die Begeisterung der Premierengäste dann doch in Grenzen. Polaroids Neuentwicklungen verwenden keinen 35-Millimeter-Film und produzieren auch keine Dias, wie Branchenkenner zuvor gemunkelt hatten.
Vielmehr waren die beiden neuen Photogeräte vom Typ 640 und 660, so schien es, nur eine Weiterentwicklung der Kamera SX-70, die Polaroid seit neun Jahren anbietet. Wie bei der SX70 rattert auch bei den 600ern nach S.210 der Belichtung ein Papier heraus, das sich bei Tageslicht nach rund 90 Sekunden zu einem Farbbild entwickelt.
Gleichwohl ist Polaroid mit dem »System 600« eine nennenswerte technische Verbesserung gelungen. Kernstück der 600er ist ein neuer Polaroidfilm, dessen Empfindlichkeit bei 600 Asa (29 DIN) liegt, also höher als bei allen Farbfilmen, die derzeit auf dem Amateur-Markt angeboten werden. In Kombination mit dem eingebauten Blitz ermöglicht es der hohe Asa-Wert, daß jedes Einzelbild unabhängig von den herrschenden Lichtverhältnissen gelingt.
Unterbelichtete Partien, die bei der SX-70, aber auch bei vollautomatischen Kleinbildkameras immer dann auftreten, wenn -- etwa bei Gegenlichtporträts -- die Lichtkontraste besonders kraß sind, fehlen bei den 600ern. »Vergessen Sie, wo die Sonne steht«, umschrieb Polaroid-Forschungschef Peter Kliem die 600er-Eigenschaft, Natur- und Blitzlicht automatisch auszubalancieren.
Beim Typ 660 sorgt überdies ein Ultraschall-Entfernungsmesser automatisch für die Scharfeinstellung. Automatisch gemessen wird auch die Helligkeit des anvisierten Objektes, ein Photoelement ermittelt gleichzeitig die des Hintergrundes.
Innerhalb von Mikrosekunden verarbeitet sodann ein elektronischer Schaltkreis in der Kamera die ermittelten Werte und bestimmt danach die Blendenöffnung und die Stärke des Blitzlichtes.
Die erforderliche Energie für Elektronik und Minimotoren, die den Bildausstoß und die Scharfeinstellung betreiben, besorgt eine neuentwickelte Flachbatterie, die mit jedem Filmpack (zehn Bilder) geliefert wird. Durchschnittlich drei von zehn Sofortbildern, so bestätigte Polaroid letzte Woche die mißliche Erfahrung von Instant-Klickern, sind zumeist fehlbelichtete »Fehlschüsse«. Solch magere Ausbeute soll es beim 600er-System nicht mehr geben.
Wie weit der Amateurphotograph die technischen Neuerungen der neuen Polaroid-Serie würdigt und statt einer Kleinbildkamera eine narrensichere 640 oder 660 bevorzugt, steht vorerst dahin. Am Kaufpreis, meinten New Yorker Börsianer nach der Präsentation, werde ein Erfolg der neuen Instant-Kameras, die am Monatsende in den USA und im kommenden Herbst an europäische Händler ausgeliefert werden sollen, wohl nicht scheitern. Der 640-Typ soll 70 Dollar, die 660-Kamera 95 Dollar kosten.
Mit über 20 Mark unverändert hoch freilich ist der Preis für den Filmpack, der jedes Sofortbild zu einem 2,30 Mark teuren Knipsvergnügen macht, gegenüber rund 90 Pfennig für die vergleichbare Papiervergrößerung eines herkömmlichen Farbnegativs.