Abu Dhabi: Catwalk der Kamele - DER SPIEGEL
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Abu Dhabi Catwalk der Kamele

Wer hat den hübschesten Höcker, die längsten Beine, die niedlichste Nase, den prallsten Hintern? Beim jährlichen Schaulauf der Kamele im Emirat Abu Dhabi geht es zu wie bei einer Miss-Wahl. Doch es zählt nicht nur Aussehen - sondern vor allem viel Geld.
Von Matthew Teague
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nebel liegt über der Wüste, dicht wie ein Sandsturm. Im Schutz der Dunkelheit schleichen Kundschafter von Lager zu Lager. Vor vier Wochen sind Beduinenkarawanen aus Oman, Saudi-Arabien, Katar und anderen Ländern über die Arabische Halbinsel gezogen, um hier, an einem abgelegenen Ort im Emirat Abu Dhabi, an einer der großen gesellschaftlichen Veranstaltungen Arabiens teilzunehmen: dem jährlichen Schönheitswettbewerb der Kamele.

Jetzt, in einer feuchten Januarnacht, geht es ums Ganze.

Neun Tage lang wurden Kamele aller Art vor einer Tribüne präsentiert, insgesamt 24.000. Eine Herausforderung für die Juroren, die mit kritischem Blick die Spreu vom Weizen trennten - bisweilen sehr zum Leidwesen der stolzen Besitzer.

Am zehnten Tag sind nur noch zwei Beduinen mit ihren Kandidaten im Rennen. Zwei Cousins aus dem gleichen Stamm, als Familienoberhäupter bei ihren Nachnamen gerufen: Bin Tanaf und Rames. Seit Jahren schon kämpfen die beiden Männer in kleineren Wettbewerben um Anerkennung und Prestige. Der Ausgang dieses Wettstreits wird über ihren Rang in der Welt der Kamelhalter entscheiden. Als Gewinn winken zwar auch attraktive Preise - vor allem aber Ansehen für den Sieger und seine Familie.

Ein langer Hals gilt als attraktiv. Hohe Beine sind schön

Also schicken beide ihre Spione aus: Kundschafter, die in den anderen Lagern nach dem schönsten Kamel suchen sollen. Es könnte im Moment der Wahrheit bei Sonnenaufgang den entscheidenden Vorteil bringen.

Maßgeblich sind die anatomischen Merkmale. Der große Höcker - ein Fettspeicher -, der mit jedem Schritt der dünnen Beine bedrohlich wankt. Plattfüße, alles andere als elegant. Ein Hals, der unter seinem Gewicht durchzuhängen scheint. Und der Kopf: fast absurd lange Augenwimpern, schlitzförmige Nasenlöcher und gummiartige Lippen, von denen dickliches Wiedergekäutes trieft. Nein, Schönheiten im klassischen Sinn sind Kamele nicht; sie kommen einem vor wie aus Ersatzteilen zusammengesetzt.

Die Juroren in Abu Dhabi sehen die Tiere mit ganz anderen Augen. Sie begutachten anhand strenger Kriterien jedes Detail zwischen Nase und Schwanz. Die Ohren müssen fest sein. Der Rücken soll hoch, der Höcker groß und symmetrisch sein. Das Hinterteil möglichst prall. Das Fell muss glänzen. Ein kräftiger Kopf ist ideal. Pluspunkte sammelt ein stark gewölbter Nasenrücken, dessen Rundung sich harmonisch bis zur weich herabhängenden Unterlippe fortsetzt. Ein langer Hals gilt als attraktiv. Hohe Beine sind schön. Selbst auf die Zehen achten die Juroren, genauer: auf die Länge des Klauenspalts.

Schließlich kommt es ja auch bei menschlichen Schönheitswettbewerben am Ende nur aufs Dekolleté an.

Bin Tanaf sitzt auf einer Düne über seiner Kamelherde und sinniert über das Leben der Nomaden. Ein kleiner Mann mit verkrüppeltem Bein und sauber gestutztem schwarzem Bart, der über sein fortgeschrittenes Alter hinwegtäuscht. Als Kind ist er mit seiner Familie auf der ständigen Suche nach Wasser und Futter von Oase zu Oase gezogen. Im Sommer können Kamele fünf Tage ohne Wasser auskommen, im Winter mehrere Wochen. "Durch sie haben wir überlebt", sagt er und deutet mit dem Kinn in Richtung seiner Herde.

Die innige Beziehung zwischen den Nomaden und ihren Kamelen hat sich über viele tausend Jahre entwickelt. Ihren Anfang nahm sie auf der Arabischen Halbinsel. Die wichtigste Aufgabe der Kamele war der Transport von Lasten. Sie wurden als Reittiere benutzt, um rivalisierende Stämme zu überfallen und Kamele zu rauben oder gestohlene Tiere zurückzuholen. Ihr Höcker diente den Beduinen auch als Nahrung - das ist die praktische Seite der Schönheit. Dieses Tier kann seine schlitzförmigen Nasenlöcher im Sandsturm fest verschließen, und die staksigen Beine halten seinen Körper in gebührendem Abstand vom heißen Wüstenboden.

Als er noch jünger war, sagt Bin Tanaf, hätten die Kamele seiner Familie auch als Milchtiere gedient. Aus ihrer Wolle habe man Decken und Zeltbahnen gewebt. Den Dung nutzte man als Brennstoff, und wenn man sich die Haare mit Kamelurin wusch, hielt das die Läuse fern.

Beduinen sind ständig unterwegs, daher hat eigenes Land keinen Wert für sie. Der Reichtum eines Mannes bemisst sich an der Zahl seiner Kamele. Zur Beschreibung dieser vielseitigen Nutztiere entwickelte sich ein differenziertes Vokabular: Asayel sind die reinrassigen Kamele mit rötlichem Fell, majahim solche mit dunklem Fell. Ein weibliches Kamelfohlen heißt houraa, ein junges Muttertier wird als bikr bezeichnet. Ein Hengst bei Eintritt der Geschlechtsreife ist ein fahl, die Stute eine jathaa. Ist ihr Euter nach einer Begattung bereits geschwollen, spricht man von einer laqha. Jede Lebensphase, jede Entwicklungsstufe und jeder Gemütszustand des Kamels wurden beobachtet. Mensch und Tier waren in Freud und Leid untrennbar miteinander verbunden.

Dann, endlich, der Höhepunkt: die Parade der Kamelstuten

Dann gab es einen tiefgreifenden Wandel. Nach Tausenden von Jahren eher gemächlicher Entwicklung änderten sich die Lebensumstände der Araber radikal. Mit dem Abzug der Briten im Jahr 1971 fiel die Kontrolle über die ergiebigen Ölfelder an die Beduinen. Die Scheichtümer schlossen sich zu den Vereinigten Arabischen Emiraten zusammen. Geld, viel Geld, floss in die Wüste.

Bin Tanaf ging ins Automobilgeschäft. Die Menschen verlangten Autos, und er schaffte sie aus Übersee herbei. Seine Landsleute waren nicht nur arm aufgewachsen, sondern ohne jede Vorstellung von einem anderen Leben. Jetzt saßen sie auf Bergen von Geld. Sie konnten weder lesen noch schreiben, aber ihre Söhne schickten sie auf Universitäten in London und Paris. Ein letztes Mal brachen sie ihre Zelte ab, dann zogen sie in die gläsernen Wolkenkratzer von Abu Dhabi und Dubai.

Mit den Lebensumständen änderte sich in weiten Teilen der Arabischen Halbinsel auch das Bild vom Nomaden. Zunächst betrachteten die Stadtbewohner, die ja selber gerade erst ihre Zelte gegen feste Behausungen getauscht hatten, jeden staubbedeckten Besucher als Kuriosität: als Tölpel, der seine Habseligkeiten in einem Sack mitschleppte. Eine Sichtweise, die zunehmend durch ein romantischeres Bild ersetzt wird. Heute gilt der Nomade als Inbegriff des Arabers: als Symbol der Freiheit.

Trottel oder Held - die Ähnlichkeiten mit dem Cowboy sind unverkennbar. Auch der arabische Edelmann verbringt das Wochenende in seinen Stallungen. Gibt seinen Tieren spezielles Futter, wäscht sie mit Hingabe. Spricht mit ihnen, singt ihnen vor. Er liebt sie.

Und ständig bereitet er sie auf den folgenden Wettkampf vor.

Die Arenaist im Stil der Nomaden gehalten und mit jedem erdenklichen Luxus ausgestattet. Auf der mehrstöckigen Tribüne unter einem riesigen Zelt stehen Polstersessel und großflächige Bildschirme, auf denen die Besucher die Schau der Kamele live verfolgen können. Diener servieren Tee und tragen Gefäße mit Inzens herbei, deren Duft sich die Männer in die Falten ihrer ghutras (Kopftücher) fächern. Auf dem Hubschrauberlandeplatz ist alles für die Ankunft von Scheichs und Prinzen vorbereitet. Die Frauen verbringen die Tage im nahe gelegenen Suq, einem Markt von der Größe einer Kleinstadt, den man eigens für die Veranstaltung gebaut hat.

Bei Tagesanbruch führen Männer aus den Beduinenlagern rund um die Wettkampfstätte den Juroren ihre Kamele vor. Als Preise winken unter anderem Geländewagen der Luxusklasse. Mehr als 140 Land Rover, Nissans und Toyotas stehen abfahrbereit neben der Haupttribüne.

600.000 Euro für eine einzige Stute

Dann, endlich, der Höhepunkt: die Parade der Kamelstuten. Bin Tanaf und sein Cousin Rames werfen einen prüfenden Blick auf ihre Tiere. Ihre Kundschafter haben ganze Arbeit geleistet. Bis Sonnenaufgang konnte Rames einige attraktive Kamele erwerben. Umgerechnet anderthalb Millionen Euro musste er für sie zahlen. Bin Tanaf hat gut 600.000 Euro für eine einzige Stute ausgegeben. Jetzt treffen sie die letzten Vorbereitungen. Die Sonne steht bereits am Himmel, aber von Hektik keine Spur. Gelassenheit ist ein geschätztes Wesensmerkmal der nomadischen Kultur. Wer andere warten lassen kann, hat Rang und Status. Beide Männer wollen ganz zuletzt in die Arena einmarschieren, stolz und erhaben.

Einer der Organisatoren der Veranstaltung geht zu Rames, um ihn zur Eile zu mahnen. "Ich fürchte, die Juroren lassen gleich das Tor schließen." Rames blickt ihn ruhig an. "Keine Sorge", sagt er. "Es wird offen bleiben."

Gleich nebenan geht Bin Tanaf zwischen seinen Kamelen auf und ab und wartet auf die Nachricht vom Aufbruch seines Konkurrenten. Er ist der Scheich seines Stammes und die maßgebliche Autorität - auch für Rames. Doch seit einigen Jahren pflegt dieser eine Freundschaft mit dem Kronprinzen von Abu Dhabi, Muhammad ibn Zayid Al Nahyan, dem Schirmherrn des Schönheitswettbewerbs. Ein Vorteil für Rames?

Bin Tanaf wartet. Als sich sein Cousin endlich auf den Weg in die Arena macht, kann auch er seinen Kamelen das Signal zum Aufbruch geben. Langsam nähert er sich der Tribüne - und erstarrt: Der Emporkömmling Rames hat seinen Kamelen silbern glänzende Capes umgehängt! Wie eine Gruppe von Popstars nähern sich die Tiere der Bühne. Außerdem hat sein Konkurrent jeden Monat 15.000 Euro für Spezialnahrung ausgegeben, was man seinen Kamelen ansieht. Am Tor nehmen seine Helfer ihnen die Umhänge ab. Darunter kommen hinreißende Hälse zum Vorschein.

Die beiden Kamelgruppen präsentieren sich der Menge. Dann nehmen Rames und Bin Tanaf auf der Ehrentribüne Platz, um die Entscheidung der Juroren entgegenzunehmen. Sänger überbrücken die Wartezeit mit Musik. Hubschrauber kreisen in der Luft, die Kabinen leicht schräg gestellt, damit die königliche Familie freien Blick auf die Veranstaltung hat. Die Cousins sitzen starr, ein nervöses Lächeln im Gesicht, als litten sie gleichermaßen an Gesichtslähmung.

Dann die Entscheidung: Der Sieger heißt Bin Tanaf!

Außer sich vor Freude werfen die Männer seiner Familie ihre Kopftücher in die Luft, stoßen Jubelschreie aus, nehmen ihren strahlenden Scheich auf die Schultern. Sie klettern auf einen Marmortisch, um ihn noch höher zu heben. Dann vollführen sie einen wilden Tanz, schwingen ihre Kamelpeitschen.

Bin Tanaf kann jetzt endlich seine Preise in Empfang nehmen: einen großen Lastwagen, Geld und einen Pokal. Aber der eigentliche, viel bedeutendere Lohn - erreicht durch taktisches Geschick, leidenschaftliches Engagement und fähige Kundschafter - geht über alles Materielle weit hinaus.

Die Feier in Bin Tanafs Camp dauert die ganze Nacht. 200 Beduinen singen, rezitieren Gedichte und erzählen Geschichten über Kamele. Andere fahren mit ihren Geländewagen in die Sanddünen. Bin Tanaf hingegen hockt mit seinem ältesten Sohn Mohammed und Freunden um eine große Platte mit Reis und Fleisch und unterhält sich angeregt. Sein Gesicht ist gerötet vor Freude. "Dies", sagt er, "ist der glücklichste Tag in meinem Leben."