Anästhesie: Torkelnde Goldfische - DER SPIEGEL
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Anästhesie Torkelnde Goldfische

Was Narkosen im Gehirn anrichten, ist bis heute nicht geklärt. Forschungen an Zierkarpfen konnten das Rätsel nun ansatzweise lösen.
Von Annette Bolz
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Viele Menschen haben Angst vor einer Operation. Zu Recht, denn die Narkose birgt Risiken. So sterben jedes Jahr schätzungsweise hundert Menschen in Deutschland an den Folgen der Ganz-Körper-Anästhesie.

Wie die gasförmigen Betäubungsmittel im Körper und im Gehirn wirken, ist noch immer ein Rätsel. Chemische Reaktionen zwischen den Narkosemitteln und der Hirnsubstanz sind unwahrscheinlich, da die Gase sich kaum mit anderen Stoffen verbinden.

Issaku Ueda von der US-amerikanischen University of Utah in Salt Lake City forscht seit 30 Jahren an diesem Problem - und ist nun der Lösung ein Stück näher gekommen. Der Mediziner fand heraus, dass die Anästhesie nur dann funktioniert, wenn sich die Proteine des zu narkotisierenden Körpers durch das Gas ausdehnen. "Bei der Narkose sind die jeweiligen Eiweißmoleküle im Gehirn irgendwie größer als im Stadium der Wachheit", sagt er.

Um seine Hypothese am lebenden Objekt zu überprüfen, schnappte sich der Arzt ein paar Goldfische und ein Töpfchen mit Myristinsäure, eine gesättigte Fettsäure, die in Butter oder Kokosnüssen vorkommt. Die Säure lässt Eiweiß-Moleküle schrumpfen.

Für die Zierfische hatte Ueda vier Glaskugeln vorbereitet. In drei davon gab er unterschiedliche Konzentrationen von Myristinsäure, das vierte Behältnis blieb zur Kontrolle frei von der Fettsäure. Anschließend blies eine Maschine in alle vier Wasserbecken das Narkosegas Halothan ein.

Erwartungsgemäß fingen die Goldfische langsam an zu torkeln. Nach etwa 30 Minuten schwammen sie nicht mehr - sie waren betäubt. In diesem Stadium reizte Ueda die Tiere mit schwachen Stromimpulsen.

Das Ergebnis: Die Myristinsäure erleichterte es den Fischen, aus der Narkose zu erwachen. Je mehr Fettsäure im Becken, desto eher reagierten die Zierkarpfen auf den Strom - sie versuchten, ihm durch Schwimmen zu entfliehen.

Auf welchem Weg die ausgedehnten Eiweiße eine Narkose entstehen lassen können, ist aber noch nicht geklärt. Möglicherweise verstopfen die dick gewordenen Proteine die Ionenkanäle der Nervenzellen. Das würde die Informationsweiterleitung im Hirn blockieren und den Verlust des Bewusstseins erklären.

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