Antarktische Seen Bakterienjagd im ewigen Eis
Über 70 Seen haben Wissenschaftler bislang unter der Eisdecke der Antarktis ausgemacht. Erst vor fünf Jahren erfuhr die Öffentlichkeit von den eingefrorenen Wasserreservoirs, die man bei der Auswertung von Radarmessungen aus den siebziger Jahren endeckt hatte. Die größte dieser verborgenen Welten ist der unter dem Eis der Ostantarktis liegende Wostok-See, der 240 Kilometer lang, 50 Kilometer breit und an manchen Stellen mehrere hundert Meter tief ist.
Zwar sind aus seinem Wasser bislang noch keine Proben entnommen worden, Modellrechnungen sowie Bohrungen im darüber liegenden Eis, die sich der Seeoberfläche bis auf 150 Meter genähert haben, erlauben jedoch Rückschlüsse auf die Beschaffenheit des Sees. Die aktuellen Forschungen sowie Pläne für zukünftige Expeditionen stellt ein Forscherteam um Martin Siegert von der University of Bristol in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Nature" vor.
Trotz der Abwesenheit direkter atmosphärischer Einflüsse kommt es im Wostok-See offenbar zu einer Zirkulation des Wassers, welche die Forscher auf die unterschiedliche Dicke der darüber liegenden Eisdecke zurückführen. An der Nordseite des Sees ist das Eis mit 4100 Metern etwa 400 Meter dicker als im Süden. Die daraus resultierenden Druckunterschiede bewirken, dass im Norden die Eisdecke schmilzt und in den See fließt, während im Süden Seewasser gefriert. Dieser Kreislauf ist eine wichtige Voraussetzung für die Existenz von Lebensformen.
Tatsächlich wurden bei Analysen der Eisproben aus der Decke des Sees nicht nur Stoffe gefunden, die auf Leben hindeuten, sondern auch lebensfähige Mikroben. Diese zeigen jedoch Ähnlichkeit mit Mikroorganismen, die an der Oberfläche leben. Die Wissenschaftler gehen daher davon aus, dass sie aus der Eisdecke stammen und untypisch sind für die im See selbst vermuteten Lebewesen. Deren Ursprung wird eher auf die Ablagerungen und Felsen am Grund des Sees zurückgeführt.
Die Lebenswelt des Wostok-Sees und anderer unter der Eisdecke liegender Seen ist aus verschiedenen Gründen von großem Interesse. Da das Alter dieser Seen auf bis zu 33 Millionen Jahre geschätzt wird, könnte die Evolution des Lebens in jedem einzelnen See einen eigenen Verlauf genommen haben. Das würde die von der Außenwelt abgeschnittenen Wasseransammlungen zu einzigartigen Laboratorien für die Evolutionsbiologie machen.
Bei völliger Abwesenheit von Sonnenlicht, Temperaturen unter dem Gefrierpunkt und einem Druck von etwa 350 Atmosphären wären diese Lebensformen zudem ein eindrucksvoller Beweis für die enorme Anpassungsfähigkeit des Lebens. Die Erforschung der antarktischen Seen beflügelt daher Hoffnungen, auch auf den Jupitermonden Europa, Ganymed und Callisto Leben zu finden. Diese Himmelskörper sind von Eisdecken umgeben, unter denen Wissenschaftler flüssige Ozeane vermuten.
Zunächst einmal steht aber auch auf der Erde der direkte Nachweis von Leben unter dem Eis noch aus. Der kann nur durch eine direkte Wasserprobe erbracht werden. Dem stehen jedoch vorerst nicht nur technische Probleme entgegen, sondern auch Umweltschutzbedenken: Schließlich würde durch eine Probenentnahme das einzigartige Ökosystem unwiederbringlich zerstört werden. Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern und Forschungsdisziplinen erarbeiten daher derzeit Richtlinien für das weitere Vorgehen.