Anthropologie: Der Mensch wird neu vermessen - DER SPIEGEL
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Anthropologie Der Mensch wird neu vermessen

Der Körperbau des Wohlstandsmenschen verändert sich rapide. Viele Kleidergrößen passen nicht mehr zum Durchschnittskunden. Großbritannien lässt deshalb seine Bürger neu vermessen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zielstrebig steuert Cathy Gilbert auf einen älteren Gentleman zu, der mit Einkaufstüten bepackt die Straße überquert. "Excuse me, Sir", sagt die aufgedrehte Mittfünfzigerin kokett, "würden Sie sich für mich ausziehen?"

Nach einigem Hin und Her werden die beiden sich einig. Gemeinsam marschieren sie hinüber ins Southampton Institute, einen grauen Zweckbau direkt an der Haupteinkaufsmeile der südenglischen Hafenstadt. Drinnen füllt der Herr einen Fragebogen aus, nimmt sich einen Bademantel und geht in die Umkleidekabine. Anschließend lässt er sich von jungen Studentinnen in eine Art Ganzkörper-Fotokabine führen, wo er sich, sobald er allein ist, bis auf die Unterhose entblößt. Von der sprichwörtlichen britischen Prüderie keine Spur.

Sechs weiße Scheinwerfer blinken abwechselnd auf und tauchen den fast völlig entblößten Körper in grelle Lichtstreifen ­ fast wie bei einer Lichtorgel in der Discothek. Die Streifen markieren Muskeln und Falten als Wölbung oder Delle, ähnlich wie Höhenlinien auf einer Wanderkarte. Sechs Digitalkameras fotografieren den ungewöhnlichen Strip im Dienst der Wissenschaft. So wird die Körperform des Probanden millimetergenau erfasst.

Schließlich wird in einer zweiten Kabine noch einmal per Hand und Maßband nach gemessen, um etwaige Ungenauigkeiten des automatischen Körperscanners auszugleichen. Entspannungsmusik soll helfen, den Probanden zu lockern; schamhafte Verkrampfungen würden zu Messfehlern führen. Zur Belohnung gibt es schließlich einen Cappuccino und einen Einkaufsgutschein für umgerechnet 32 Euro.

"Size UK" heißt das Forschungsprojekt, das helfen soll, den weit verbreiteten Kundenfrust beim Kleidungskauf zu mindern: Der Schuh drückt, der Rock zwickt, die Hose schlabbert. "Die Kleiderschnitte von heute entsprechen längst nicht mehr dem tatsächlichen Körperbau der Kunden", erläutert Richard Barnes, 40, ein schlanker Herr im gut sitzenden Anzug, der sich meist unauffällig im Hintergrund hält. Seine Firma "Select Research" koordiniert die Erkundung der Kundenkörper.

Size UK ist das aufwendigste und umfassendste Körpervermessungsprojekt, das es je gegeben hat. Rund 11.000 Menschen haben sich binnen einem halben Jahr in acht britischen Großstädten scannen lassen. Die Kosten von rund fünf Millionen Euro teilt sich das Ministerium für Handel und Industrie mit 17 interessierten Unternehmen, die privilegierten Zugang zu den Daten bekommen sollen.

"Dieser Schnappschuss der ganzen Nation", so Barnes, "ist längst überfällig." Denn für die Bekleidungsindustrie ist der Kunde ein unbekanntes Wesen, herkömmliche Stangenware basiert oft auf uralten Maßen. Die letzte groß angelegte Körpervermessung fand in den Fünfzigern statt. Und schon die ersten Vorergebnisse der Studie lassen ahnen: Die Briten sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.

Der Körperbau der weiblichen Inselbevölkerung hat sich in den letzten 80 Jahren dramatisch verändert. Rein statistisch gesehen, wachsen die Britinnen seit langer Zeit nicht nur in die Höhe, sondern vor allem immer mehr in die Breite ­ in Richtung einer stattlichen Tonnenform. Konkret legten sie an Brustumfang um 11 Zentimeter zu, an der Hüfte um 15 und an der Taille gar um stattliche 20 Zentimeter. "Die klassische Marilyn-Monroe-Figur verschwindet zu Gunsten der Röhrenform", fasst Barnes die Befunde zusammen.

Damit liegen die Briten voll im Trend: Auch in den anderen Industrienationen werden die Menschen immer dicker ­ und größer. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts überragen Kinder jeweils ihre Eltern. Vor 100 Jahren maß der durchschnittliche 19-jährige Deutsche unter 1,67 Meter, heute sind es glatt 15 Zentimeter mehr. Pro Jahr kommt rund ein Millimeter dazu.

Vorreiter sind junge niederländische Männer, die mit einer durchschnittlichen Körperlänge von 1,84 als "Riesen von Europa" gelten. Gleichzeitig werden sie schwerer: Während 1980 nur zehn Prozent der Jugendlichen Übergewicht hatten, sind es heute doppelt so viele. Ähnliches gilt heute fast überall ­ von Japan über Deutschland bis Amerika.

Würde sich dieser Trend kontinuierlich fortsetzen, würde der männliche Durchschnittsdeutsche in rund hundert Jahren die Zweimetergrenze überschreiten. Viele Experten glauben allerdings, dass das genetische Programm nur ein Wachstum auf durchschnittlich 1,90 Meter zulässt. Längere Menschen blieben demnach auch zukünftig Ausnahmeerscheinungen.

"In Deutschland geht das Längenwachstum schon heute zu Ende", sagt Hans W. Jürgens, Anthropologieprofessor in Kiel. Zwar erwarb er sich in den Sechzigern einen zweifelhaften Ruf mit Thesen zur "Asozialität als sozialbiologisches Problem". Doch seitdem hat er sich zu einem anerkannten Fachmann gewandelt, der sich seit Jahren mit der Normierung von Alltagsgegenständen wie Tischen, Stühlen und Schuhen befasst, unter anderem bei der International Organization for Standardization. "Es sieht derzeit so aus, dass wir den Niederländern im Längenwachstum nicht mehr weiter nacheifern."

"Säkulare Akzeleration" wird das beschleunigte Längenwachstum genannt, das vor über 150 Jahren einsetzte. Bis heute sind die Fachleute ratlos, was genau den sprunghaften Wachstumsschub im Gefolge der industriellen Revolution ausgelöst haben könnte. Mögliche Erklärungen sind unter anderem das künstliche Licht in den Städten, die Abschaffung der Kinderarbeit, bessere medizinische Versorgung oder etwa die vermehrte Einnahme von Zucker oder Eiweiß. Doch keiner der Faktoren reicht für sich genommen zur Erklärung aus.

"Die Antworten fallen umso eindeutiger aus", sagt Jürgens, "je weniger Ahnung ein Forscher hat." Die Fachwelt hat die Suche nach Einzelfaktoren im Wachstumsmarathon des Homo sapiens heute aufgegeben. Einig sind sich die meisten Forscher heute vielmehr darin, dass die Veränderungen der Körperform von den jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnissen geprägt wird.

"Armut macht klein" lautet die zugespitzte These von John Komlos, einem Anthropometrie-Experten, der an der Universität München Wirtschaftsgeschichte lehrt. "Je höher das Einkommen und der Bildungsgrad, desto größer werden die Menschen", sagt Komlos. Geld und Wissen ermöglichen meist eine gute medizinische Versorgung und eine gesunde Ernährung, erläutert der Forscher: "Am Körper lässt sich der Lebensstandard einer Bevölkerungsgruppe ablesen."

Sein Lieblingsbeispiel ist der Systemvergleich zwischen Ost- und Westdeutschland: Trotz gleicher Vorfahren waren Rekruten aus der ehemaligen DDR kurz nach der Wende 1,2 Zentimeter kürzer als ihre Westkollegen. Seitdem haben sie bereits bis auf einen halben Zentimeter aufgeholt ­ ein Beleg für die vergleichsweise schnelle Formbarkeit des Menschen durch die gesellschaftlichen Umstände.

Für diese These spricht auch, dass viele Bevölkerungen in der Vergangenheit nicht unaufhaltsam immer weitergewachsen sind, sondern bisweilen auch schrumpften. Junge Kolumbianer zum Beispiel büßten Mitte des 20. Jahrhunderts rund drei Zentimeter an Körperhöhe ein, als das Bevölkerungswachstum der Nahrungsmittelproduktion davonlief. Und während in der Steinzeit vor rund 40.000 Jahren in Europa bereits wahre Riesen mit einer Körperlänge von 1,80 Metern lebten, lag die Durchschnittsgröße im finsteren Mittelalter 20 Zentimeter niedriger. Kriege, Ausbeutung oder Hungersnöte passen oft erstaunlich präzise zu den Wachstumsdellen in Körpermaßtabellen.

Bislang wurden Größenunterschiede häufig zu pauschal der Vererbung zugeschrieben. Tatsächlich werden Pygmäen nur schwerlich 40 Zentimeter zulegen können, um die stattliche Länge von Niederländern zu erreichen. Doch innerhalb gewisser genetischer Grenzen tut sich ein gigantischer Spielraum auf, in dem der menschliche Körper von Generation zu Generation je nach Umweltbedingungen wächst oder schrumpft wie ein Akkordeon.

Folgt man Komlos' These, muss es den Briten blendend gehen. "Ich lasse mich vermessen, weil ich immer Probleme habe, passende Hosen zu finden", sagt ein fülliger Herr von 76 Jahren, der nach dem Einscannen noch ein wenig im Bademantel herumsitzt und plaudert, "ich will mit meinen Körperdaten den Markt zu meinen Gunsten beeinflussen."

Leute wie er sind besonders beliebt bei Size UK. Erst durch sie wird die Studie einigermaßen repräsentativ für die Gesamtbevölkerung. "Von den Teenies hatten wir schon am ersten Tag genügend gescannt", berichtet Cathy Gilbert von der Rekrutierungsarbeit, "die konnten es gar nicht erwarten, sich endlich auszuziehen."

Viel schwerer sei es dagegen gewesen, Senioren und Übergewichtige zu gewinnen. Tagelang klapperte Gilbert Altersheime und Cafés ab auf der Suche nach dicken Damen und alten Herren. "Der älteste Teilnehmer war 95 Jahre alt", erzählt sie stolz.

Bislang fallen Dicke und Alte oft aus dem Wahrnehmungsraster der Kleidungsproduzenten, bestätigt Lutz Walter, Forschungsbeauftragter beim europäischen Textilverband Euratex in Brüssel: "Nur ein Drittel der Kunden sind wirklich zufrieden mit der Passform ihrer Kleidung."

Die britische Körpervermessung sieht er als wegweisend an. "Aber was nützen uns ambitionierte Vermessungsaktionen wie in Großbritannien, wenn jeder in Europa weiter sein eigenes Süppchen kocht", sagt Walter. Obwohl die gesamte europäische Bevölkerung im letzten Jahrhundert einen ähnlichen Wachstumsschub durchlaufen hat, herrscht in der Bekleidungsindustrie weiterhin mittelalterliche Kleinstaaterei.

"Eine Vermessung der deutschen Männer ist dringend notwendig", fordert Elfriede Kirchdörfer vom Textilforschungszentrum Hohensteiner Institute. Regelmäßig vermisst sie Frauen, um die Miedergrößen anzupassen: Der Brustumfang nimmt immer weiter zu. Kirchdörfer: "Früher war die meistverkaufte Körbchengröße A, heute ist es D." Auch die Männerstatur verändert sich; doch die Herrengrößen basieren immer noch auf Zahlenmaterial aus den sechziger Jahren.

Mittlerweile sind die britischen Daten komplett und müssen nur noch ausgewertet werden. Das nächste Großprojekt ist bereits in Vorbereitung: Noch dieses Jahr soll "Size USA" die amerikanische Bevölkerung vermessen, orientiert am britischen Vorbild. Für eine europaweite Vermessungsaktion dagegen fehlt derzeit das Geld.

Doch auch ohne groß angelegte Vermessungsaktionen kommen Körperscanner immer häufiger zum Einsatz. Denn je unzufriedener die Kunden mit den Standardgrößen werden, desto bessere Chancen hat die junge Branche der computergesteuerten "Massen-Maßanfertigung": Die Kunden lassen sich bei Bedarf von einem Scanner vermessen, wählen einen Stoff und einen Schnitt aus ­ und bekommen ein paar Tage darauf ein maßgeschneidertes Hemd zugesandt. Und das zu einem Preis, der rund ein Drittel unter herkömmlicher Maßanfertigung liegt. Die Kaufhauskette C&A und der niederländische Ausstatter Possen experimentieren bereits mit derlei Angeboten.

"In ein paar Jahren werden viele Kunden wahrscheinlich ihre Scan-Daten auf einer Chipkarte bei sich tragen, um schneller die passende Kleidung zu finden", spekuliert Barnes, "vor allem beim Einkauf im Internet wäre das äußerst praktisch."

HILMAR SCHMUNDT