Archäologie Das Erbe des Kanonenkönigs
Mit Leuchtweste und Gummistiefeln stapft Detlef Hopp eine zerborstene Treppe hinab. Sie führt zu einer Stahltür. Er stößt sie auf, dahinter gähnt Dunkelheit. Im Schein der Taschenlampe ist ein Bunker zu sehen. "Ruhe bewahren" steht an der Wand und: "Kein lautes Rufen".
Platz für rund 500 Personen hat der Betonkeller dereinst geboten, er liegt auf dem Werksgelände von Krupp. "Drei Minuten blieb den Stahlkochern, um bei Alarm ins Unterirdische zu fliehen", erklärt Hopp, der Stadtarchäologe aus Essen.
Sieben solcher Schutzräume aus dem Zweiten Weltkrieg wurden bislang nachgewiesen. Zudem fand Hopp hundert Jahre alte Gummischürzen, Reste von Öfen und Schmelztiegel. Denn der Wissenschaftler spürt nicht Pharaonen nach, sondern einem Giganten der Schwerindustrie.
Auf rund 600 Hektar erstreckte sich das Kruppsche Firmenareal in der Phase seiner weitesten Ausdehnung im Jahr 1945. Der Historiker Lothar Gall nennt es einen "Kleinstaat", mit eigener Bibliothek, Turnhallen, Bäckereien, Feuerwehr und einem Krankenhaus.
Schon aus der Ferne war dieser Leviathan zu sehen und zu riechen. Aus einem Wald von Kaminen dampften Rauchwolken, Lokomotiven schleppten Eisenblöcke heran, während aus den Türen der Schmieden roter Feuerschein glomm.
Nirosta und V2A-Stahl wurde hier erfunden. Die Krupps stellten die Metallhaube fürs Chrysler-Building in New York her, sie bauten - für Hitler - die größten Geschütze der Welt und für Jacques Piccard jene Tauchkugel, mit der er fast elf Kilometer tief in den Pazifik hinabglitt.
All das ist Legende. Unklar ist bislang hingegen, wie genau der Aufstieg dieser Industriellendynastie verlief. Was unterschied ihre Werkhallen, die zum Gründungsmythos des Ruhrgebiets gehören, von anderen? Worauf fußte die technische Überlegenheit?
Vor allem Alfred Krupp (1812 bis 1887), der "Kanonenkönig", gab sich verschwiegen. Neue Stahlsorten belegte er aus Angst vor Spionage mit Codenamen. Der Bochumer Historiker Klaus Tenfelde spricht von einer "an Geheimniskrämerei grenzenden Abschirmung gewisser Produktionsstätten".
Die Ausgräber wollen die Rätsel dieses ersten deutschen Megakonzerns nun aufhellen. Bereits seit 2001 ist das Rheinische Landesbodendenkmalamt vor Ort, bei der Erkundung kamen sogar Flugzeuge mit Kameras zum Einsatz.
Detlef Hopp vergleicht das Areal mit einem Schutthügel ("Tell") aus dem Zweistromland. Immer wieder seien alte Hallen eingerissen und auf höherem Niveau überbaut worden: "Wir stießen auf ein Gewimmel an Grundmauern."
Besonders die letzten Monate waren spannend. Exakt dort, wo sich einst die Urzelle des Unternehmens befand, baut die ThyssenKrupp AG derzeit ein neues Hauptquartier. Für den Zweck musste das Erdreich zehn Meter tief enttrümmert werden.
Ergebnis: Die Bagger stießen auf verrostete Radreifen und Deckel von Gussformen. Sie legten altertümliche Pfannen und Stützsäulen frei. Das schwerste Fundstück war ein Riesenamboss ("Schabotte"). Er wiegt 26 Tonnen.
Bergen ließ sich kaum etwas. Die Radlader drängelten. Meist blieb nur Zeit für fotogrammmetrische Aufnahmen und Laserscans. Deren Auswertung hat die Hochschule Bochum übernommen. Es ist Forschung an den dunklen Wurzeln der industriellen Revolution.
Angefangen, so viel ist klar, hat alles mit dem Kaufmannssohn Friedrich Krupp. Um 1810 - Goethe hatte gerade den "Faust" abgeschlossen - nahm er sich vor, Gussstahl herzustellen.
Nur wie? Die Formel, Roheisen so mit Kohlenstoff anzureichern, dass dabei Stahl entsteht, der sich in Formen gießen lässt, kannten seinerzeit nur die Engländer. Und sie hielten das Rezept streng geheim.
1819 errichtete der Pionier eine kleine Ziegelfabrik mit acht Schmelzöfen. Mehr Alchemist als Metallurge wollte er die Stahlformel knacken - und verschleuderte dabei das Familienvermögen. Immer wieder kam es zu Fehlgüssen.
Von Geldsorgen geplagt, zog der Chef in das Aufseherhaus neben der Fabrik um. In einer Windmühle mahlte er Korn für den Eigenbedarf - die Archäologen fanden den Mühlstein. Mit 39 Jahren war seine Kraft erschöpft. Er starb an "Brustwassersucht"; einige Historiker vermuten als Todesursache Gram.
Sohn Alfred, beim Tod des Vaters erst 14 Jahre alt, balancierte den Betrieb mit seinen sieben Mitarbeitern hart an der Pleite entlang. Weil Großaufträge ausblieben, stellte er Löffel und Gabeln her.
Gleichzeitig führte er die Versuche des Vaters weiter. Er standardisierte das Verfahren, indem er penibel das Erhitzen des Roheisens und die Schmelzzeit im Tiegel kontrollierte. Robotern gleich rührten seine "Puddler" Sauerstoff in den glühenden Metallbrei und schöpften hernach die Schlacke ab.
So entstand schließlich Spitzenqualität, Krupp wurde zum Meister des Erzes - und verkündete ein neues Weltzeitalter: die "Stahlzeit".
Entsprechend rasch ging es nach der Revolution von 1848 wirtschaftlich voran. Die Firma lieferte Schiffsschrauben und Achsen für Raddampfer. Größter Kunde wurde die Eisenbahn, für die der Betrieb nahtlose Stahlreifen goss, die auf die Räder der Lokomotiven gezogen wurden. Das machte ihm weltweit keiner nach. Bald fuhren sogar die Dampfrösser in den USA beim legendären "Go west" mit den patentierten Radreifen von der Ruhr.
Krupps Unternehmen prosperierte. 1852 hatte es 250 Angestellte, fünf Jahre später waren es schon über tausend.
"Treue gegen Treue"
Exakt aus dieser Boomzeit zwischen 1840 bis 1860 haben die Archäologen eine Reihe von Anlagen nachweisen können. Das Kerngebiet der Fabrik ist mit zerbrochenen Keramiktiegeln übersät, auch wurden Dampfrohrleitungen geborgen.
Manche Funde geben allerdings mehr Rätsel auf, als sie lösen. Um 1850 zum Beispiel ließ der Chef ein neues Werk zum Walzen von Blech errichten. Die aktuellen Untersuchungen zeigen, dass er dafür eigens teure Schamottsteine aus Frankreich heranschaffen ließ. Nur warum? Rastlos lief der Chef zu dieser Zeit durch die mit Dampf und Funken gefüllten Hallen und trieb seine Leute zu mehr Tempo an. Auf alten Fotografien wirkt er düster und hager, fast knochig. Frauen spielten in seinem Leben lange keine Rolle.
Erst 1853, in einem Kölner Theater, passierte es. Neben dem damals 41-Jährigen saß ein junges Mädchen, 21, für das der Hagestolz umgehend Feuer fing: "Wo ich glaubte, ein Stück Gussstahl sitzen zu haben, ist ein Herz."
Nach der Heirat war Gattin Bertha den Lärm der Stahlschmiede allerdings bald leid. Immer öfter floh sie mit dem kränkelnden Sohn Friedrich Alfred nach Ägypten und nach Italien, der Kunst wegen. Der Ehemann genoss derweil den Krach seiner Maschinen. Der sei ihm "Musik" genug.
1861 ließ Alfred Krupp "Fritz" bauen, den damals größten Schmiedehammer der Welt. Allein dessen Kopf wog 50 Tonnen. Bei Volllast schlug das "Ungeheuer" (Historiker Gall) so wuchtig auf und nieder, dass in der nahen Krupp-Villa das Geschirr aus dem Schrank sprang.
Auf ihrer Entdeckungsreise in die Frühphase der Stahlzeit sind die Forscher auch in die alte metallurgische Geheimzone Krupps eingedrungen. Entdeckt wurde das "Bessemerwerk 3", wo erstmals auf dem europäischen Kontinent ein von Engländern entwickelter Fließstahl hergestellt und verfeinert wurde.
Und sogar die Fundamente des geheimnisumwitterten "Probirhauses H" kamen zutage. Dort gelang es der Firma 1871 unter strenger Abschirmung erstmals, massenweise Schrott zu Stahl umzuschmelzen.
Angesichts solch findiger Methoden schossen die Gewinne in die Höhe, bis zu 40 Prozent der Waren gingen in den Export. China und Brasilien gehörten zu den Abnehmern. Und immer öfter klopfte das Militär an.
Denn der Fabrik war es gelungen, Geschütze aus Stahl zu gießen. Diese Kanonen schossen weit genauer und vor allem doppelt so weit wie die herkömmlichen Bronzemörser.
Im Rüstungswettlauf der Heere avancierte Krupp zum Königsmacher. Es waren seine neuartigen Waffen, mit denen Bismarck 1864 die dänische Armee und 1871 Frankreich bezwang. Als kurz danach Russland und die Türkei in Streit gerieten, versorgte der Unternehmer gleich beide Seiten mit Kriegsgerät.
War Alfred Krupp skrupellos? Gewiss ist, dass er nie zögerte, mit Waffen Geld zu machen. Und dass er politische Betätigung in seinem Betrieb als Verrat ahndete. Wer nicht gehorchte, flog.
Wer sich dem Diktat fügte, kam allerdings in den Genuss üppiger Wohlfahrt. Die Firma führte früh eine Krankenversicherung ein. Es gab Speiseräume, Köche verteilten Suppen. Zudem zahlte der Boss mit die höchsten Löhne im Reich.
Sein altmodisches Motto: "Treue gegen Treue".
Als der Patriarch 1887 starb, standen über 12.000 Arbeiter mit schwarzen Fahnen Spalier. Kaiserliche Emissäre aus Berlin eilten herbei. Die Metallschmiede von der Ruhr hatte sich längst zum "nationalen Unternehmen schlechthin" (Gall) entwickelt.
Mit der Thronbesteigung Wilhelm II. im Jahr 1888 wurde die Verbindung zwischen Berlin und Essen noch enger. Unverhohlen machte der neue Kaiser Weltmachtansprüche geltend. Die Krupps unterstützten ihn dabei.
Auf 30.000, 40.000, 50.000 schnellte die Belegschaft hoch. Das Unternehmen stieg in den Brücken- und Hochbau ein. Es erwarb Kohlezechen und Erzhütten. Der Kaiser wollte eine Flotte. Die Krupps halfen sie zu bauen.
Auch aus dieser Hochphase haben die Archäologen Spuren entdeckt. Zutage kamen die Fundamente der alten Hauptverwaltung von 1912 mit seinem mächtigen Uhrturm. Im Boden lagen unzählige Telefonleitungen, aber auch rostige Tresore, in denen die Kassierer einst das Geld verwahrten.
Das Ende der hitzigen Entwicklung ist bekannt: Im Mai 1945 war ein Drittel des Werks zerbombt. Rund 250.000 Menschen hatten zuletzt in der fauchenden Gluthölle bei Essen geschuftet, um der erdrückenden Übermacht der sowjetischen Kombinate und US-Stahlschmieden zu widerstehen.
Nach dem Zusammenbruch drängten vor allem die Engländer unerbittlich auf die Zerschlagung des Konzerns. 270.000 Tonnen Maschinen und Geräte ließen die Alliierten wegschaffen. Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, der Urenkel von Kanonenkönig Alfred, musste wegen Ausbeutung fremder Länder und Sklavenarbeit für sechs Jahre ins Gefängnis. Sein Vater Gustav entging aus gesundheitlichen Gründen einer Strafe.
Es ist eine an Triumphen und Tragödien reiche Firmengeschichte. Über 5000 Fotos haben die Archäologen geschossen, um sie nun mit neuen Details anzureichern. Bodenproben wurden genommen und Funde gesichert. Vieles davon überrascht selbst Experten. Von den Bunkern zum Beispiel, wundert sich Hopp, "war keiner auf den Plänen eingezeichnet".
Die Konzernleitung verfolgt die Spürarbeit mit Wohlgefallen. Besonders freut sie eine Entdeckung in einem der Luftschutzräume. Dort prangt in fetten Lettern: "Für russische Arbeiter".
Hopp nennt die Inschrift ein "bedeutendes Zeitzeugnis". Sie beweist: Krupp ließ seine Zwangsarbeiter nicht ungeschützt im Bombenhagel stehen.