Archäologie Der Krieg ist ein Kind des Reichtums
Der Krieg ist schon aus antiken Kulturen gut dokumentiert, seine Entstehung vom einzelnen Mord über Gruppen-Überfälle bis hin zur Schlacht aber lag bisher im Dunkeln. Kent Flannery und Joyce Marcus von der University of Michigan haben jetzt bei Ausgrabungen in Mexiko Hinweise darauf gefunden, dass der Krieg zeitgleich mit den ersten Dörfern entstand - und dass er nicht aus Armut geboren wurde, sondern ein Kind des Überflusses war.
Die Überfälle zwischen Dörfern auf dem Gebiet des heutigen Mexiko, schreiben Flannery und Marcus im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences", begannen zur gleichen Zeit, als die Menschen um das Jahr 1200 vor Christus die ersten Holzfestungen bauten. In den 1200 Jahren danach weiteten sich kleine Konflikte zu veritablen Kriegen aus.
Erst die Siedlungen, dann der Krieg
Die Ausgrabungen im Oaxaca-Tal bestätigten nach Ansicht der Forscher eine Theorie, der zufolge Krieg mit dem Aufbau permanenter Siedlungen entsteht, die ihre Bewohner mit reichlichen Ressourcen versorgen und damit bewaffnete Auseinandersetzungen erst ermöglichen. Sie widersprechen zugleich anderen Annahmen, nach denen Krieg das Resultat des Kampfes um knappe Lebensgrundlagen ist.
Die Forschung von Flannery und Marcus geht auf Erkenntnisse von Raymond C. Kelly zurück, der vor drei Jahren die These aufstellte, dass Kriege vor allem in sesshaften Gesellschaften mit einer Unterteilung in Familienclans aufflammen. Tötet ein Mitglied einer Gruppe jemanden aus einer anderen Gruppe, wird dies als Aggression gegen die gesamte Gruppe gewertet und mit Blutrache vergolten. Unter Jägern und Sammlern, die über eine kleine Gruppe hinaus keine Organisation besitzen, machte Kelly dagegen die geringste Kriegshäufigkeit aus.
Kelly beobachtete zudem, dass Kampfhandlungen oft in üppiger Umgebung stattfinden, die so reich an Ressourcen ist, dass ihre Bewohner sich Feindseligkeiten mit ihren Nachbarn leisten können. Die Formel des Forschers: Je größer die Bevölkerung, je größer die Vorratskapazitäten und je verlässlicher der Überschuss, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit von Kriegen.
Verkohlte Festungen im Oaxaca-Tal
Flannery und Marcus prüften Kellys Theorie, indem sie im Oaxaca-Tal nach alten Spuren von Gewalt suchten. Per Radiokarbon-Analyse bestimmten sie das Alter von verbrannten Gebäuden und Kriegsdenkmälern. Die älteste Struktur, die sie fanden, war ein verbranntes Haus aus dem Jahr 1540 vor Christus - ein Jahrhundert nach dem Entstehen der ersten permanenten Siedlung, dem Dorf San José Bogote. In jener Zeit lebten dort bereits hunderte von Menschen - genug, um in einzelne Clans zu zerfallen. Zudem standen zu jener Zeit mindestens 18 weitere Dörfer in dem Tal.
Zwar könnte das Feuer in dem Haus ein Unfall gewesen sein, räumen die Forscher ein. Auf die Einäscherung einer Palisade, die einen Teil von San José Bogote schützte, treffe das dagegen mit Sicherheit nicht zu. Die Wissenschaftler datierten die hölzerne Befestigung auf das Jahr 1300 vor Christus - das höchste bislang festgestellte Alter einer Festung in Mexiko. Zudem tauchten Hinweise auf, dass Scharmützel zwischen den Clans und die Opferung von Gefangenen immer häufiger vorkamen.
Expansion durch Eroberungskriege
Nach der Eroberung mehrerer Dörfer in der Umgebung zogen die rund 2000 Bewohner von San José Bogote der Studie zufolge auf den leichter zu verteidigenden, 400 Meter hohen Monte Albán. Die Festung wurde zur Keimzelle für ihren Staat, der im Oaxaca-Tal um 500 vor Christus bereits acht- bis zehntausend Menschen zählte.
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Im Jahr 20 vor Christus brannten die Bewohner Monte Albáns ihren Erzrivalen, die Stadt Tilcajete nieder. Monte Albán kontrollierte danach das komplette, 2150 Quadratkilometer große Oaxaca-Tal und avancierte zur Hauptstadt des Zapotekenreichs. Die immer größeren Eroberungen haben die Ressourcen des Reichs dermaßen vergrößert, dass es immer neue Gebiete unterwerfen konnte. Der Studie zufolge wuchs der Staat in den kommenden 200 Jahren auf ein Gebiet bis zu 150 Kilometer jenseits der Grenzen des Oaxaca-Tals aus. Die Forscher fanden an einem Gebäude auf einem öffentlichen Platz in Monte Albán eine Inschrift, die 40 eroberte Provinzen aufzählt.
Im Dorf La Coyotera stellten die Zapoteken nach der Eroberung ein grausiges Siegessymbol auf, dessen Überreste die Forscher fanden: Ein "Yàgabetoo" genanntes Holzgestell mit den Schädeln von 61 enthaupteten Feinden. Als die Zapoteken um das Jahr 40 nach Christus eine große Festung am nördlichen Zugang des Gebietes errichteten, war ihr Militär laut Marcus und Flannery bereits professionell strukturiert. Die besten Krieger erhielten Helme mit Darstellungen von Pumas, Coyoten und Raubvögeln.
Nur 1200 Jahre nach dem ersten Palisaden-Fort, so das Fazit der Forscher, führten die Zapoteken bereits Krieg auf eine Art, wie sie noch im 16. Jahrhundert die spanischen Konquistadoren beschrieben. Die wiederum beherrschten die Kunst des Tötens noch besser - und metzelten die Indios nieder.