Autodeskription "Tatort" für Blinde
München - "Blinde sind begeisterte Fernsehgucker", sagt die Psychologiestudentin Yesim Erdogan, selbst blind, und lacht. Rund 80 Prozent der Blinden in Deutschland schauen regelmäßig fern. Neben Nachrichtensendungen sind Spielfilme am beliebtesten, erklärt der Bayerische Blindenbund.
Nachrichtensendungen zu verfolgen, ist für Blinde kein Problem. Doch bei Spielfilmen verraten die Geräusche nur einen Teil der Handlung: Wenn eine Schießerei im Gange ist, hört der Blinde zwar die Schüsse, weiß aber nicht, wer getroffen wird.
Seit rund drei Jahren bieten Filmbeschreibungen einen Weg aus dem Dilemma: Mindestens einmal pro Woche wird ein Film mit so genannter Audiodeskription im Zweikanalton ausgestrahlt. Die Resonanz auf die Angebote sei enorm, sagt Martina Wiemers von Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband . Viele Blinde seien dem Fernsehen auch daher so verbunden, da sie erst im Laufe ihres Lebens erblindet seien.
"Das ist, als würde ich das Sehen zurückgewinnen", erklärt eine Blinde. Elmar Dosch vom Bayerischen Blindenverband , einer der Pioniere auf dem Gebiet der Audiodeskription, betont: "Das ist keine Spielerei, sondern Teil der Integration." Blinde können auf diese Art und Weise fernsehen, ohne auf die Erklärungen eines Nicht-Blinden angewiesen zu sein. Außerdem rede man am Montag im Büro eben eher über den letzten "Tatort" als über das Hörspiel vom Vorabend.
Autodeskription erinnert an Regieanweisungen. Pausen nutzen die Sprecher für ihre Erklärungen: "Er trägt dunkle, gescheitelte Haare und hält einen Knochen." So wird Forscher Huxley zu Beginn der Komödie "Leoparden küsst man nicht" beschrieben. Wenn der Blinde Geräusche und einen Schrei hört, heißt es: "Huxley rutscht tollpatschig aus."
Für die Texter der Autodeskription gilt es, alles zu beschreiben, was auch zu sehen ist, erklärt Bernd Benecke, der beim Bayerischen Rundfunk Fernsehfilme mit Audiodeskription produziert. Dabei dürfe nicht interpretiert und auch keine Erklärungen vorweggenommen werden. Es darf nicht heißen: "Sein Magengeschwür tut wieder weh." Sondern es muss lauten: "Er greift sich mit der Hand an den Bauch. Sein Gesicht ist schmerzverzerrt."
Kinovorstellungen für Blinde auf der Berlinale
Einem Film zu folgen, erfordert vom blinden "Zuschauer" dennoch höchste Konzentration. "Manchmal achte ich so sehr auf die Beschreibung, dass ich die eigentlichen Filmgeräusche gar nicht mehr höre", berichtet Yesim Erdogan.
Manche Streifen seien nur schwer zu bearbeiten, erklärt Benecke. Schnelle Action- oder Zeichentrickfilme, aber auch erotische Filme bereiten den Textern Schwierigkeiten. Doch sei gerade das Interesse an "schwierigen", beispielsweise James-Bond-Filmen, groß. "Ich bin immer wieder verblüfft, was dann doch alles möglich ist." Da hilft es auch, dass an den Arbeiten des Bayerischen Rundfunks immer ein Blinder beteiligt ist.
Bislang ist das Blindenfernsehen eine Domäne der öffentlich-rechtlichen Sender, sagt Benecke. Schließlich ist die Zielgruppe auch relativ klein: In Deutschland leben nach Angaben des Bayerischen Blindenbunds rund 155.000 blinde und 500.000 sehbehinderte Menschen.
Während das Hörfilmangebot im Fernsehen zugenommen hat, sind Kino- und Theatervorstellungen für Blinde jedoch noch selten. Immerhin werden auf der Berlinale inzwischen Kinofilme für Blinde gezeigt, sagt Wiemers. Über Kopfhörer abrufbar, beschreibt ein Sprecher die gezeigten Filme live. "Das ist ein tolles Gefühl", schwärmt Yesim Erdogan. "Ich muss nicht mehr meine Freundin antippen, um mir die Handlung erklären zu lassen."