Babys kurz nach Geburt: Weibliche schauen länger auf Gesichter, männliche auf Gegenstände - DER SPIEGEL
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Kurz nach der Geburt Weibliche Babys schauen länger auf Gesichter, männliche Babys auf Gegenstände

Sind Unterschiede zwischen Geschlechtern angeboren oder anerzogen? Eine Untersuchung an wenige Stunden alten Babys liefert neue Hinweise.
Baby unter Bettdecke
Baby unter Bettdecke

Baby unter Bettdecke

Foto: Cecile Lavabre / The Image Bank / Getty Images

Wenige Stunden nach der Geburt widmen Mädchen menschlichen Gesichtern mehr Aufmerksamkeit, als Jungen das tun. Wie Forschende im Fachjournal »Biology of Sex Differences«  berichten, würden Jungen dagegen Videos mit beweglichen Objekten länger betrachten als Mädchen. Ihre Studie liefert einen Beitrag zur Frage, wie stark Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen anerzogen oder angeboren sind.

Stereotype Bilder von Geschlechtern stecken in vielen Köpfen: Frauen gelten oft als soziale Wesen, die die Familie zusammenhalten, und Männer als technisch interessiert und versiert, aber mit Defiziten im Sozialen. Beim Verhalten werden Unterschiede beobachtet: Schon im Kindergarten sind Mädchen gern bei Spielen wie »Mutter, Vater, Kind« dabei, während Jungs eher umherflitzen oder in der Bauecke werkeln.

Woher diese Unterschiede stammen, ist schwer zu ergründen: Soziale Einflüsse beginnen früh. Eltern, Betreuungspersonen, Geschwister, Gleichaltrige, Medien und Institutionen vermitteln Erwartungen darüber, was als typisch für Mädchen oder Jungen gilt. Schon das Design von Schnullern und Greiflingen ist geschlechtsspezifisch. Forschende schauen sich daher die Zeit direkt nach der Geburt an, bevor Gesellschaft und Kultur die Entwicklung spürbar beeinflussen.

Pendel bei Jungen beliebter

Eine im Jahr 2000 veröffentlichte Studie der Universität Cambridge hatte bereits darauf hingewiesen, dass Mädchen bei der Geburt im Durchschnitt länger Gesichter betrachteten, während Jungen im Durchschnitt länger Objekte betrachteten. Das Team um Yumnah Khan von der Universität Cambridge bezog nun 130 Neugeborene in eine neue Studie mit verbesserter Auswertung ein.

Die Babys wurden im Mittel 33 Stunden nach der Geburt getestet. Ihnen wurde gleichzeitig ein Video eines menschlichen Gesichts mit wechselnder Mimik sowie eines von einer Reihe schwingender Metallkugeln, einem sogenannten Newton-Pendel, gezeigt.

Unabhängig vom Geschlecht betrachteten die Neugeborenen bevorzugt das Gesicht, wie die Forschenden berichten. Diese Präferenz war aber bei weiblichen Säuglingen stärker ausgeprägt: Im Mittel verbrachten sie anteilig einen größeren Teil der Zeit damit, den sozialen Reiz zu betrachten, als männliche Säuglinge. Männliche Neugeborene wiederum verbrachten im Vergleich zu weiblichen einen größeren Anteil ihrer Zeit damit, das Objekt zu betrachten.

Die Forschenden werten das als Hinweis, dass biologische Faktoren während der Schwangerschaft, etwa der Hormonspiegel und die Genetik, im Durchschnitt zu Geschlechtsunterschieden führen könnten. Es seien allerdings auch andere Gründe möglich, beispielsweise könne sich der Reifungsstand der Kinder unterscheiden.

Die Unterschiede würden sich zudem nur im Durchschnitt »beim Vergleich von Gruppen männlicher und weiblicher Säuglinge« zeigen, erklärt Mitautorin Carrie Allison von der Universität Cambridge: »Innerhalb jedes Geschlechts gibt es große Schwankungen und Überschneidungen.«

msk/dpa