Babys Schrei-Attacken schaden der Entwicklung
Dass Neugeborene in den ersten drei Monaten häufig schreien, ist relativ normal. Meist sind Verdauungsprobleme die Ursache, weshalb die Schrei-Attacken auch "Drei-Monats-Koliken" genannt werden. Doch etwa jedes zwanzigste Kind brüllt sich auch nach dem dritten Monat regelmäßig die Seele aus dem Leib.
Solche Schreibabys können ihre Eltern zur Verzweiflung bringen. Sie weinen, obwohl ihnen offensichtlich kaum etwas fehlt. Manche Städte haben extra Schreiambulanzen eingerichtet, um den Eltern in ihrer Not zu helfen. Ein Geheimrezept gibt es nicht, Ärzte und Hebammen setzen unter anderem auf sanfte Massagen für Babys und Entspannungstechniken für die Eltern.
Das Dauergeschrei schadet jedoch nicht nur dem Nervenkostüm von Vater und Mutter, sondern auch der Entwicklung der Kinder, wie eine Untersuchung von 300 Kindern in Norwegen ergab. Wissenschaftler von den US National Institutes of Health (NIH) in Bethesda, Maryland, hatten das Schreiverhalten und die spätere Entwicklung der Kinder analysiert.
Das Ergebnis überrascht: Im Alter von fünf Jahren zeigten Kinder, die als Säuglinge sehr lange und sehr viel geschrieen hatten, deutlich häufiger eine eingeschränkte Entwicklung ihrer geistigen Fähigkeiten als ihre Altersgenossen, deren Schreiverhalten maximal drei Monate lang auffällig gewesen war, berichtet der Onlinedienst des Wissenschaftsmagazins "Science".
Wenn Babys auch drei Monate nach der Geburt ständig schreien, sollten Eltern dies als Alarmsignal betrachten, schreibt das NIH-Team um Malla Rao. Die Forscher haben die Daten von 327 Kindern ausgewertet, die bis zum Alter von 13 Monaten regelmäßig medizinisch untersucht worden waren. Diese Daten verglichen die Wissenschaftler mit Informationen aus Fragebögen, welche die Mütter fünf Jahre später ausgefüllt hatten. Bei den Schreikindern waren Verhaltensstörungen, eingeschränkte feinmotorische Fähigkeiten, Hyperaktivität und schlechtere Werte bei IQ-Tests sehr viel häufiger zu beobachten als bei weniger schreifreudigen Kindern.
Dieser Zusammenhang war selbst dann noch vorhanden, wenn andere Faktoren wie Gesundheitsprobleme, Bildungsstand der Eltern und sozioökonomischer Status der Familie berücksichtigt wurden. Wie genau das Schreien und die späteren Entwicklungsprobleme zusammenhängen, können die Forscher noch nicht sagen. Sie vermuten jedoch, dass Schreikinder aufgrund von neurologischen Störungen insgesamt reizbarer sind als andere Kinder, und dass diese Störungen auch für die verzögerte Entwicklung verantwortlich sind.
Forscher von der University of Hertfordshire hatten im Jahr 2002 herausgestellt, dass bei Schreikindern das so genannte Aufmerksamkeitsdefizit (ADHD) 14 Mal häufiger auftritt als bei Kindern ohne exzessive Schrei-Attacken. Der Leiter der damaligen Untersuchung, Dieter Wolke, fühlt sich durch die neuen Erkenntnisse bestätigt: "Jetzt wissen wir, dass da mit Sicherheit etwas passiert", sagte er gegenüber BBC Online.
Wolke glaubt, dass die Ursache des Ganzen in einer Unterregulierung liegt. "Bei ADHD kann man seine Aufmerksamkeit nicht steuern. Man kann sich zum Beispiel nicht konzentrieren." Gleiches passiere beim Schreien. Möglicherweise sei das Gehirn eines Schreikinds nicht in der Lage, sich selbst zu steuern, sagte der Forscher. "Die Kinder lernen nicht, sich von selbst zu beruhigen, trotz bester Betreuung durch die Eltern."
Wolke verlangte weitere Studien, um festzustellen, ob ein frühzeitiges Eingreifen die negative Entwicklung von Schreikindern stoppen kann. Der Forscher empfiehlt unter anderem einen strikt eingehaltenen Tagesablauf bei gleichzeitig intensiver Fürsorge, um den Babys das Schreien abzugewöhnen.