Bio-Historiker: Die ethischen Tücken von Elvis' Haaren - DER SPIEGEL
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Bio-Historiker Die ethischen Tücken von Elvis' Haaren

Mit immer besseren Gentests versuchen Forscher Details aus dem Leben historischer Persönlichkeiten zu ergründen. Doch die Bioanalyse wirft viele ethische Fragen auf. Jetzt haben Wissenschaftler erstmals Richtlinien für die Untersuchung Verstorbener aufgestellt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Manchmal erzählen Gene die besten Geschichten. Zum Beispiel über Albert Einstein: Auf der Suche nach seinem Genie haben Wissenschaftler das Hirngewebe des Ausnahme-Physikers eingehend analysiert und dabei auch ergründet, ob Einstein eine genetische Neigung zu erweiterten Arterien - dem Grund seines Todes im Jahr 1955 - hatte.

Oder Ludwig van Beethoven: Eine Untersuchung seiner mitunter wirren Haare sollte die Frage klären, ob der Musiker an einer schleichenden Bleivergiftung litt und dadurch langsam taub wurde. Bio-Historiker heißen die Wissenschaftler, die sich immer häufiger mit Dingen wie Elvis Presleys Haarpracht oder Abraham Lincolns Blut befassen. Doch die neue Fachrichtung bietet jede Menge ethischen Zündstoff.

Kritiker fragen sich: Dürfen biologische und genetische Tests, wie beispielsweise DNS-Analysen, überhaupt dazu verwendet werden, um bislang unbekannte Einzelheiten aus dem Leben historischer Figuren zu erfahren? Und falls ja, welche sozialen, rechtlichen und wissenschaftlichen Vorgaben sollten dabei greifen?

Selbst wenn die untersuchten Persönlichkeiten bereits seit längerem tot sind, können neue Erkenntnisse über Erkrankungen oder Verhaltensstörungen gravierende Auswirkungen auf noch lebende Verwandte haben - besonders, wenn Erbkrankheiten festgestellt werden: Versicherer könnten angesichts einer drohenden Behandlung plötzlich die Prämien erhöhen, Arbeitgeber an eine Kündigung denken.

Bislang gab es so gut wie keine Regeln. Jeder, der sich Blut oder Haarbüschel einer historischen Persönlichkeit beschafft hatte, konnte mit der Analyse beginnen. Zwar existieren in den einzelnen beteiligten Disziplinen - wie Biologie, Genetik oder Anthropologie - spezielle Verhaltensmaßstäbe. Die schreiben in ethischen Zwickmühlen jedoch meist vor, die Identität der untersuchten Menschen geheim zu halten - im Fall geschichtlicher Größen kein besonders gangbarer Weg.

Deshalb hat ein Team um die US-Historikerin Lori Andrews von der Chicago Historical Society nun im US-Fachblatt "Science" ethische Richtlinien für die Arbeit der Bio-Historiker aufgestellt. Dabei sollen die Vorgaben nicht nur für Berühmtheiten gelten, sondern für alle Menschen, deren Schicksal von Biohistorikern untersucht wird:

  • Wissenschaftler sollten sich vor dem Start ihres Forschungsprojekts mit den davon betroffenen Menschen und den Verwandten des Toten über ihr Vorhaben unterhalten. Den Betroffenen könnte sogar eine Art Veto-Recht eingeräumt werden.
  • Wissenschaftler sollten mit offenen Karten spielen: Die Ziel der Untersuchung, ihre Methode, die Auswirkungen auf den Untersuchten und die Art der Finanzierung sollte allen Beteiligten bekannt gemacht werden.
  • Wissenschaftler sollten vor Beginn ihrer Arbeit klären, ob sich der Verstorbene vor seinem Tod schriftlich gegen eine derartige Untersuchung ausgesprochen hat.
  • Wissenschaftler sollten, wenn ihre Arbeit - zum Beispiel für historische Vergleiche - DNS-Tests bei lebenden Menschen einschließt, die gültigen Geheimhaltungsregeln für solche Tests beachten.
  • Wissenschaftler sollten sich kritisch fragen: Bringt Bioanalyse die Forschung in diesem Fall überhaupt weiter? Oder ist das Opfer möglicherweise schon so alt, dass die Gene gar nichts mehr erzählen können?
  • Und Wissenschaftler sollten niemals das gesamte zur Verfügung stehende Probenmaterial aufbrauchen, so dass ihre Arbeit von Kollegen verifiziert werden kann.
Vor allem aber müssten die Auftraggeber entsprechender Studien - Museen, Universitäten und Forschungseinrichtungen - sehr genau darauf achten, welche Projekte sie fördern. Ein mit Vertretern verschiedener Fachrichtungen besetztes Gremium soll dabei helfen. Nur so, schreiben Andrews und Kollegen in "Science", könnten Wissenschaftler auch für ihre Forschungsprojekte verantwortlich gemacht werden.

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