Biotech-Bier: Gentechnik im Gerstensaft - DER SPIEGEL
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Biotech-Bier Gentechnik im Gerstensaft

In Deutschland wäre es ein Sakrileg: Bier mit genmanipulierten Zutaten. In Skandinavien aber versucht eine kleine Brauerei offensiv, Biotech-Bier an den Tresen zu bringen.
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Vor genau 100 Tagen trat die EU-Verordnung in Kraft, nach der gentechnisch veränderte Lebensmittel gekennzeichnet werden müssen. Aus der Not macht eine schwedische Brauerei eine Tugend: Auf dem Etikett wird fast stolz mit dem Hinweis auf die Gentechnologie geworben.

Das helle "Kenth", benannt nach seinem Braumeister Kenth Persson, wird mit den üblichen Zutaten Hopfen und Malz hergestellt - und mit gentechnisch verändertem Mais. Über die Verkaufszahlen in Schweden und Dänemark hält sich der Hersteller bedeckt, was nicht unbedingt für reißenden Absatz spricht. Immerhin: 4000 Flaschen sollen an Geschäfte und Kneipen im vom Reinheitsgebot verwöhnten Deutschland verschickt worden sein, mit britischen Händlern wird noch verhandelt.

Der im Kenth-Bier verwendete Mais wird in Deutschland angebaut. Das Getreide ist mit dem Gen eines Bakteriums versehen, das es der Pflanze ermöglicht, dem Schädling Maiszünsler auch ohne Pestizide zu widerstehen. Dieser graubraune Falter ist äußerst schwer zu bekämpfen, seine Raupen dringen in Stängel und Maiskolben ein und ziehen häufig Pilzbefall nach sich. Mitunter geht bis zu einem Drittel der Ernte verloren.

Ein Konsortium der weltgrößten Biotech-Firmen unter der Führung von Monsanto unterstützt den schwedischen Bierbrauer, um die abstrakte Debatte über gentechnisch veränderte Lebensmittel zu konkretisieren, wie Monsanto-Sprecher Matthias Zetterstrand in Stockholm erläutert. Bislang sei die Diskussion nie über den geschlossenen Kreis von Wissenschaftlern, Politikern und Nichtregierungs-Organisationen heraus gekommen.

Zetterstrand will nicht sagen, wie viel das Biotech-Konsortium zu dem Projekt beigetragen hat. Allerdings hätten die Unternehmen sich nicht bei Kenth Persson eingekauft, auch gebe es keine Umsatzbeteiligung. Die anderen Firmen im Syndikat sind Bayer CropScience, DuPont, Plant Science Sweden, Svaloef Weibull und Syngenta.

Beide Seiten sind mit dem Feldversuch ein Tauschgeschäft eingegangen: Braumeister Kenth Persson hofft, dass sein kleines Unternehmen von der öffentlichen Diskussion profitiert. Die Biotech-Firmen wollen die Verbraucher zu ihren Gunsten beeinflussen. Das wird schwer, denn obwohl in Skandinavien die Diskussion um genetisch veränderte Lebensmitteln nicht so heftig geführt wird wie in Deutschland, sind auch hier Rinderwahn und Hühnerpest den Verbrauchern auf den Magen geschlagen. Bei vielen kommt nichts auf den Tisch, was nicht rein und natürlich ist.

Eine Studie des nationalen finnischen Zentrums für Konsumforschung in diesem Jahr zeigte, dass gentechnisch veränderte Lebensmittel unter Verbrauchern die größte Skepsis hervorrufen. Laut der Umfrage äußerten 60 Prozent der Einwohner "starke Vorbehalte". Darüber hinaus jagte Greenpeace bereits Kenth-Bierlaster in Schweden und Dänemark. Auch deswegen lehnen viele Geschäfte und Kneipenbesitzer den Einkauf des Biotech-Biers ab. Greenpeace-Sprecher Dan Belusa sagt, der Protest habe beispielsweise die große schwedische Lebensmittel-Kette ICA dazu gebracht, Kenth wieder aus den Regalen zu nehmen.

Die Brauerei und Monsanto wollen sich durch die Anstrengungen von Greenpeace nicht entmutigen lassen. Bierfans können in den Läden des staatlichen schwedischen Alkohol-Monopolisten Systembolaget einen großen Schluck "Kenth" nehmen - allerdings nur in Südschweden.

Matt Moore, AP