China Computermodell soll verschollenes Grab verraten
Als der Kriegsherr Wen Tao mit seinen Mannen im 10. Jahrhundert den imposanten Berg Jiuzongshan hinaufstieg, hatte er nur ein Ziel: das Grab des 649 verstorbenen Kaisers Taizong, eines der mächtigsten Herrscher in der Geschichte Chinas. Während sich seine Vorgänger in einem meist um die sechzig Meter hohen, künstlich angelegten Erdhügel (Tumulus) bestatten ließen, wählte der zweite Kaiser der Tang-Dynastie (618907) den 1188 Meter hohen Gipfel des Jiuzongshan als letzte Ruhestätte.
Sein Grab ließ er in den Fels schlagen. In den Dokumenten aus jener Zeit steht geschrieben, es sei "äußerst gut gesichert" und vom Hang aus über einen 235 Meter langen Gang zu erreichen, und dass sein Inneres "an Glanz der äußeren Welt in nichts nachsteht". Gemälde, Bücher und Handschriften seien darin zu finden gewesen. Es ist aber auch zu lesen, dass Wen Tao all das an sich genommen und unter die Leute gebracht hat.
Das Grab ist Teil der rund 20.000 Hektar großen Nekropole Zhaoling. Heute zeugen von der einst prächtigen Zeremonialanlage an der Flanke des Jiuzongshan nicht mehr als ein paar verwitterte Mauerreste. Und wo sich einmal ein Holzsteg die steilen Hänge hinaufwand und den Eingang zum eigentlichen Grab wies, sieht man heute nichts. "Niemand weiß, wo der Zugang ist", sagt Manfred Koob von der Technischen Universität Darmstadt. "Obwohl die chinesischen Forscher seit vierzig Jahren danach suchen."
Koob ist Architekt und tauschte schon vor vielen Jahren das reale Zeichenbrett gegen ein elektronisches. Mit Hilfe seiner umfangreichen Software des Computer Aided Design (CAD) haben er und seine Mitarbeiter in den letzten Jahren bereits die Baugeschichte des Moskauer Kreml oder des Petersdoms in Rom in Filmen sichtbar gemacht. Auch zahlreiche von den Nazis niedergebrannte Synagogen sind auf diese Weise dreidimensional wieder auferstanden, so dass man sie zumindest virtuell besuchen und besichtigen kann.
Im Fall der Grabanlage Zhaoling waren die Herausforderungen indes ungleich größer, schließlich hat der Zahn der Zeit anderthalbtausend Jahre an den Stätten genagt. Präzise Zeichnungen oder Maße sind nicht überliefert. "Wir haben die Fundamente und wissen, wo einst die hölzernen Pfosten standen", erzählt Koobs Mitarbeiterin Mieke Pfarr. "Dann zählen wir die Ziegel und berechnen, wie groß das Dach war." Den Rest erfahren die Forscher aus zeitgenössischen Quellen, durch geophysikalische Vermessungen und den Vergleich mit erhaltenen Bauwerken jener Zeit. "Die chinesische Architektur einer Epoche ist recht einheitlich, so dass wir die Gebäude sehr genau rekonstruieren können."
Nach den Regeln des Fengshui
Wie gut das geht, zeigt Koob am Beispiel des Nordtors der Zeremonialstätte. "Es galt als symbolische Einladung des Kaisers an die befreundeten Herrscher im Norden und ist heute nur noch an seinen Fundamentresten zu erkennen." Im Film entstehen binnen Sekunden aus den Ruinen einzelne Gebäude, die sich bald zu einer prächtigen Anlage zusammenfügen. Zu der Nekropole gehören neben dem Nord- noch ein Südtor sowie der eigentliche Palast. Hier ging der ganze Hofstaat, auch nachdem Taizong in das Reich der Toten gezogen war, seinem gewohnten Tagwerk nach. "Die haben für die Kaiser gekocht und ihre Kleidung gepflegt", beschreibt Mieke Pfarr die aufwändige Totenwache. "Erst nach dem Ende der Dynastie, mitunter also erst nach vielen Jahren, verließen Kammerzofen und Hofdamen den Ort."
Nur die in Vergessenheit geratene Grabkammer des Kaisers Taizong fehlte in Koobs virtuellen Ansichten bis er auf eine Idee kam. "Jetzt vergessen wir mal für einen Moment die Forschung und befassen uns mit der Geomantik" (von gaia, griechisch: Erde, manteia, griechisch: Weissagung). Er weiß, dass die Wahl der letzten Ruhestätte von symbolischen Vorstellungen des Fengshui (chinesisch: Der Lauf von Wind und Wasser) geprägt war.
Den Berg im Rücken
"Schon zu Lebzeiten ließ der Kaiser von Geomanten die Gegend erkunden. Wie im Leben, so galt es auch im Tod, den Berg im Rücken zu haben und vor sich das Wasser." Für das Mausoleum von Taizong galt somit: das Gebirge im Norden und das weite Tal mit dem Wei-Fluss im Süden. Der Gipfel des Jiuzongshan war der perfekte Ort.
Und noch etwas weiß der Architekt: Am Hang des Bergs gibt es zahlreiche Höhlen, in denen streng nach Rangfolge die Frauen des Kaisers bestattet wurden: seine Ehegattinnen weit oben, die Konkubinen weiter unten. Diese strenge, über den Tod hinausgehende Hierarchie vereinfacht die Suche: "Der Kaiser hat sich ganz sicher nicht unterhalb seiner Untergebenen zur Ruhe betten lassen", sagt Koob.
Außerdem ist er sicher, dass er nicht nur das untere Limit, sondern auch die maximale Höhe kennt. Denn in den historischen Schriften ist ja auch von jenem 235 Meter langen Tunnel die Rede. Und davon, dass das Grab von östlichen und westlichen Seitenräumen flankiert ist.
Kurzum: Ab einer bestimmten Höhe ist im Gipfel des Jiuzongshan schlichtweg kein Platz mehr für eine solche Anlage. Dann zeigt Koob auf das oberste bekannte Höhlengrab 62 Meter unterhalb des Berggipfels. Auch die Grabhügel der anderen Kaiser sind überlicherweise gut 60 Meter hoch, was der Architekt als weiteres Indiz dafür wertet, dass der Eingang unmittelbar über dieser Höhle liegen muss.
Weil ihm ohnehin nichts anderes bleibt, als die teils gesicherten, teils vagen Überlieferungen zu kombinieren, bleibt der Wissenschaftler bei geomantischen Überlegungen. Überzeugt davon, die ganze Anlage entspräche den geometrischen Vorstellungen des Fengshui, zieht er zwischen Nord- und Südtor eine gerade Linie und zeigt am Hang seines modellierten Jiuzongshan auf einen markanten Felseinschnitt. Hier, an diesem weithin sichtbaren Punkt, nur wenig oberhalb jenes höchsten Höhlengrabs, an diesem schwer zugänglichen Ort muss der Eingang zu Taizongs letzter Ruhestätte liegen. Davon ist Manfred Koob überzeugt.