Demographie: Die Alten werden jünger - DER SPIEGEL
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Demographie Die Alten werden jünger

Zwei Wissenschaftler schlagen einen völlig neuen Blick auf unsere alternden Gesellschaften vor. Die steigende Lebenserwartung, so ihr Ansatz, müsse stärker berücksichtigt werden. So kommen sie zu einem erstaunlichen Ergebnis: Das "standardisierte" Durchschnittsalter der Deutschen steigt kaum an.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Trick, den Warren Sanderson und Sergei Scherbov anwenden, ist ein ganz einfacher: Statt nur zu berücksichtigen, wie alt jemand bereits sei, müsse auch in Rechnung gestellt werden, wie lange er noch zu leben habe, schreiben die Wissenschaftler im Fachblatt "Nature" (Bd. 435, S. 811). Dieses "prospektive Alter" sieht heute ganz anders aus als noch vor hundert Jahren - schließlich werden die Menschen, zumindest in den westlichen Industrienationen, immer älter.

Sanderson und Scherbov, die beide am "World Population Project" beteiligt sind, rechnen vor: "Im Jahr 2000 war der durchschnittliche Deutsche 39,9 Jahre alt. Wir sagen vorher, dass er im Jahr 2050 etwa 51,9 Jahre alt sein wird." Der durchschnittliche Deutsche im Jahr 2000 habe deshalb im Mittel für 39,2 verbleibende Jahre vorausplanen müssen. Trotz der schnellen Alterung der Gesellschaft werde der Durchschnittsdeutsche im Jahr 2050 (jetzt 52 statt 40 Jahre alt) immer noch etwa 37,1 Jahre vor sich haben. "Der Planungshorizont wird sich also in einem Zeitraum von 50 Jahren nur um etwa 2,1 Jahre verändern."

Rettet das "standardisierte Alter" die Renten?

Mit anderen Worten: Ein 52-Jähriger wird sich im Jahr 2050 noch immer im mittleren Alter befinden. Eine atemberaubende Entwicklung angesichts der Tatsache, dass die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland noch im Jahr 1900 unter 50 Jahren lag. Für die USA sagen Sanderson und Scherbov sogar voraus, dass die verbleibenden Jahre eines Durchschnittsbürgers im Vergleich zu heute zunehmen - obwohl dieser Durchschnittsbürger dann 6,4 Jahre älter sein werde als der heutige. "Einerseits werden die Bevölkerungen älter sein. Aber andererseits könnte die einzelne Person einen sogar noch weiteren Zeithorizont haben", so die Forscher.

Sanderson und Scherbov schlagen deshalb ein neues Maß für Alter vor, dass sie "standardisiertes Alter" nennen, und das den Zustand im Jahr 2000 als Bezugspunkt annimmt. Wenn die verbleibende Lebenserwartung eines 30-Jährigen im Jahr 2000 bei 50 Jahren lag, und ein 40-Jähriger im Jahr 2050 sich ebenfalls auf 50 weitere Jahre einstellen muss, ist nach dieser Rechenmethode das "standardisierte Alter" des 40-Jährigen Zukunftsmenschen 30 Jahre - weil er noch genauso viel vor sich hat wie der 30-Jährige im Jahr 2000.

Das mittlere "standardisierte Alter" werde für viele Gesellschaften nur wenig ansteigen, für manche sogar abnehmen, prophezeien die Autoren - und gießen damit gewissermaßen den Satz "man ist so jung wie man sich fühlt" in Zahlen. Denn schließlich kommt das zunehmende Alter nicht von ungefähr, sondern liegt in der durchschnittlich besseren körperlichen Verfassung der Menschen begründet.

Darsus leiten die Forscher einen konkreten - und nicht ganz neuen - Vorschlag ab. Um das Risiko zu entschärfen, dass das langsame, aber stetige Kippen der Alterspyramide für Renten- und Pensionssysteme darstellt, dürften die Menschen erst später zu arbeiten aufhören: "In den USA würde das jährliche Verschieben des Rentenalters um zwei Monate praktisch die Nachhaltigkeit des Rentensystems garantieren, ohne die versprochenen Auszahlungen zu reduzieren."