DER SPIEGEL "Melone bleibt Melone"
SPIEGEL:
Ein internationales Forscherteam hat erstmals das komplette Erbgut einer Pflanze eines Krauts namens Ackerschmalwand entschlüsselt. Was bedeutet das für die so genannte grüne Gentechnik?
Saedler: Es handelt sich um einen Meilenstein der Forschung. Die gesamte Erbinformation einer Pflanze liegt nun gleichsam wie ein Buch in Wort und Buchstaben vor. Leider können wir das Buch noch nicht lesen. Im nächsten Schritt müssen daher nun die Funktionen der identifizierten Gene bestimmt werden.
SPIEGEL: Die Ackerschmalwand ist ein Wildkraut, das für die Forschung ausgewählt wurde, weil es schnell wächst und ein kleines Genom hat. Sind die Ergebnisse auf Nutzpflanzen wie Raps, Mais oder Weizen übertragbar?
Saedler: Auf Raps oder auch Kohlsorten ja. Denn die sind sehr nah verwandt. Für Getreide wie Mais, Reis, Roggen oder Gerste gilt das allerdings nicht so ohne weiteres. Sie gehören zu einer Pflanzengruppe, die von der Ackerschmalwand genetisch etwa so weit entfernt ist wie die Säugetiere von anderen Wirbeltieren wie Reptilien oder Amphibien. Allerdings wird derzeit auch mit Hochdruck an der Entschlüsselung des Reisgenoms gearbeitet. Wenn diese Arbeit abgeschlossen ist, können wir beide Genome vergleichen.
SPIEGEL: Mit welchem Ziel?
Saedler: Wir sind zum Beispiel daran interessiert, mehr über die Entwicklung der Pflanzen zu erfahren. Es gibt Gene, die sehr komplexe Prozesse steuern; andere hingegen kodieren beispielsweise einfache Transporteiweiße, die in den Zellwänden sitzen und Substanzen in die Pflanze schleusen. Wenn man so ein Gen in eine Kulturpflanze transferieren würde, ließe sich zum Beispiel die Nährstoffaufnahme aus den Böden wesentlich verbessern.
SPIEGEL: Welche Eigenschaften von Pflanzen könnten noch verändert werden?
Saedler: Die Industrie ist natürlich am meisten an der Steigerung der Erträge interessiert. Dazu trägt vor allem eine bessere Schädlings- und Unkrautbekämpfung bei. Hunderttausende Tonnen von Agrochemikalien könnten eingespart werden, wenn es gelänge, die Pflanzen zur Produktion eigener Pestizide zu bewegen. Bei dem so genannten Bt-Mais ist das ja schon gelungen: Eingeschleuste Gene eines Bakteriums bilden in den Maispflanzen Toxine, die Schädlinge töten.
SPIEGEL: Bei den Verbrauchern kommen gentechnisch veränderte Produkte bislang nicht besonders gut an. Was ist in Zukunft in den Supermarktregalen zu erwarten?
Saedler: Die so genannte Tomoffel, die Mischung aus Tomate und Kartoffel, wird es mit Sicherheit nicht geben. Andererseits wird es aber Pflanzen geben, die neue Inhaltsstoffe produzieren. Bereits heute gibt es Reis mit erhöhtem Beta-Karotin-Gehalt. Wir werden süßere und gehaltvollere Tomaten bekommen und Melonen ohne Kerne. Viele Eigenschaften der Pflanzen werden wir unseren Wünschen entsprechend verändern können alles jedoch nur bis zu einem bestimmten Grad: Eine Melone bleibt letztlich doch immer nur eine Melone.
SPIEGEL: Gegner der grünen Gentechnik befürchten, dass einmal in Kulturpflanzen eingeschleustes Erbgut auf Wildformen überspringen könnte. Ist es gefährlich, Gene anderer Pflanzen oder genetisch noch weiter entfernter Organismen in Kulturpflanzen zu übertragen?
Saedler: Bei dieser Frage kommt es sehr darauf an, worüber wir reden: Genveränderter Mais beispielsweise kann in Europa problemlos angebaut werden, weil es hier keine dem Mais nah verwandten Wildpflanzen gibt. Was immer im Mais drin ist, kann nicht in eine andere Pflanze entkommen. Vorsicht ist nur geboten, wenn etwa der Ökobauer sein Maisfeld neben einem transgenen Maisfeld hat. Dann kann das neue Erbgut über den Pollen auf die unveränderten Maispflanzen übertragen werden. Allerdings ist das nicht ökologisch, sondern nur ökonomisch ein Problem: Der Ökobauer kann dann nämlich nicht mehr garantieren, dass sein Mais frei von transgenem Material ist.
SPIEGEL: Allerdings gibt es bei uns auch viele Pflanzen, die gleichzeitig in Wild- und Kulturformen vorkommen.
Saedler: Ja, von Hafer, Rüben oder Raps beispielsweise kommen bei uns Wildformen vor. Hier sind Fallstudien notwendig, um zu untersuchen, welches fremde Gen sich in den Wildformen durchsetzen und welche Konsequenzen dies haben könnte.
SPIEGEL: Ist es nicht leichtsinnig, mit genveränderten Pflanzen zu experimentieren, so lange solche Fragen nicht geklärt sind? Gegner warnen vor "Superunkräutern", die durch nichts mehr zu stoppen wären?
Saedler: Ich habe kürzlich im Fernsehen einen kleinen Roboter gesehen, der sich selber bewegen und durch Sensoren steuern kann. Ich könnte mir vorstellen, dass sich so ein Roboter zukünftig vervielfältigt und uns das Leben zur Hölle macht. Er könnte sich gar zum Kanzler aufschwingen. Im Ernst: Mit einer blühenden Phantasie kann man sich alles vorstellen.
SPIEGEL: Sie halten die Bedenkenträgerei also für übertrieben?
Saedler: Absolut. Es gibt eine ganze Batterie von Sicherheitsvorkehrungen in Europa, die den Umgang mit transgenen Pflanzen regeln. Nirgends sind die Sicherheitsstandards so hoch wie hier. Außerdem müssen wir uns doch fragen, was als Alternative bleibt. Auch in Zukunft wird eine Hochertragslandwirtschaft unvermeidlich sein. Wahrscheinlich müssen wir die Produktivität sogar noch erhöhen. Sehen Sie sich doch die Essgewohnheiten der Leute an: Die Chinesen beispielsweise essen immer mehr Fleisch. Daher müssen sie auch immer mehr Futtermittel anbauen oder importieren. Ohne neue Techniken wie etwa die Gentechnik ist eine solche Ertragssteigerung gar nicht zu leisten.
SPIEGEL: Immer wieder versprechen Gentechniker, den Hunger der Armen lindern zu können. In Wirklichkeit aber wachsen transgene Mais- und Sojapflanzen vor allem in den reichen USA.
Saedler: Richtig. Gerade viele Entwicklungsländer haben kein Geld und können sich keine teuren gentechnischen Produkte leisten. Deshalb ist es unsere Pflicht, sie an den Techniken teilhaben zu lassen. Ein Beispiel: Maniok ist eine Pflanze, die den Menschen in weiten Teilen Afrikas als Lebensgrundlage dient. Durch Virusbefall wird die Ernte jedoch häufig fast 100-prozentig vernichtet. Mit Chemikalien kann man da kaum etwas machen. Wenn wir den Menschen jedoch eine gentechnisch veränderte Maniok-Pflanze zur Verfügung stellen könnten, die gegen den Virenbefall resistent ist, wäre dieses Problem gelöst.
SPIEGEL: So schön das klingen mag wer soll denn die Entwicklung solcher Pflanzen bezahlen?
Saedler: Die Industrie hat an solchen Projekten in der Tat überhaupt kein Interesse. Deshalb müsste sich hier die EU oder die öffentliche Hand engagieren.
SPIEGEL: Vor gut 10 Jahren haben Sie in ersten Freilandversuchen gentechnisch veränderte Petunien mit lachsroten Blüten ausgesät. Den Kritikern standen die Haare zu Berge. Halten Sie die Deutschen für hysterisch?
Saedler: Ich weiß nicht, ob das eine deutsche Eigenschaft ist. Allerdings gab es damals in Deutschland tatsächlich eine gewisse Hysterie. Wir mussten noch Anschläge erleben, und zwar ziemlich militanter Art. Im Verlauf der letzten zehn Jahre hat sich die Situation allerdings verändert. Mein Gefühl ist, dass wir derzeit in Deutschland eine sehr sachbezogene Diskussion haben auch weil die Wissenschaftler ihre Arbeit heute mehr nach außen tragen. Wir können da in Europa eine Vorreiterrolle einnehmen.
SPIEGEL: Die Industrie scheint Vorteile von der grünen Gentechnik zu haben. Aber was hat der Verbraucher davon?
Saedler: Hier wird sich zeigen, ob die Forderungen nach umweltfreundlichen Zukunftstechniken nur Lippenbekenntnisse sind. Alle schreien, dass die Umwelt so wichtig sei. Gerade die Landwirtschaft jedoch ist in Mitteleuropa Verursacher großer Umweltprobleme. Bei der Lösung dieser Probleme kann die Gentechnik einen wichtigen Beitrag leisten. Das kann man den Verbrauchern jedoch kaum vermitteln. Letztlich wird der Konsument gentechnisch veränderte Lebensmittel nur kaufen wollen, wenn er einen direkten Vorteil für sich erkennt. Und da bleibt einzig der Preisvorteil. Denn über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten.
INTERVIEW: PHILIP BETHGE